UN: "Alarmierend" wenig Frauen können über eigenen Körper bestimmen

UN: "Alarmierend" wenig Frauen können über eigenen Körper bestimmen
Weltbevölkerungsbericht analysiert das Recht auf Autonomie
Die Corona-Pandemie ist laut Entwicklungsminister Müller auch eine Krise der Gewalt. Frauen litten besonders stark darunter. So nehme die Genitalverstümmelung zu.

Die Vereinten Nationen und die Bundesregierung haben Unterdrückung und Gewalt gegen Hunderte Millionen Frauen und Mädchen angeprangert. Die Daten dazu seien "alarmierend", betonte die Exekutivdirektorin des Bevölkerungsfonds UNFPA, Natalia Kanem, am Mittwoch per Videozuschaltung bei der Vorstellung des Weltbevölkerungsberichts 2021 in Berlin.

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) betonte, dass die Corona-Pandemie auch eine Armuts- und Gewaltkrise sei, unter der die weibliche Bevölkerung in Entwicklungsländern besonders leide. Bei der Genitalverstümmelung von Mädchen sei ein "dramatischer Anstieg" zu beklagen. Das Verbrechen der Genitalverstümmelung werde auch in Deutschland verübt.

Jan Kreutzberg, Geschäftsführer der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW), erklärte den Anstieg der Genitalverstümmelung damit, dass in Ländern Corona-bedingt viele Kotrollmechanismen wie Schulen wegfielen. Kinder könnten aufgrund von Lockdowns nicht mehr zum Unterricht gehen und seien zu Hause einer männlich dominierten Umwelt und Beschneidungen ausgeliefert.

Der Weltbevölkerungsbericht des UNFPA mit dem Titel "Mein Körper gehört mir: Das Recht auf Autonomie und Selbstbestimmung" analysiert die Lage in 57 vorwiegend armen Ländern. Darin heißt es, nur 55 Prozent der Mädchen und Frauen könnten selbst über ihre Gesundheitsversorgung, Familienplanung und ihr Sexualleben entscheiden.

Die Autorinnen und Autoren des Berichts betonen, dass ein nachhaltiger Fortschritt nur erreicht werden könne, wenn die strukturelle soziale und wirtschaftliche Ungleichheit zwischen den Geschlechtern beseitigt werde. Dazu gehöre auch die Macht jedes und jeder Einzelnen, Entscheidungen über den eigenen Körper zu treffen. Dabei müssten die Männer zu Verbündeten werden, die die Entscheidungen der Frauen respektierten.

Die Länder, aus denen die Daten stammen, liegen in Afrika, Asien, Europa und Lateinamerika und betreffen Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren. Dabei fällt auf, dass diese häufiger über die Verwendung von Verhütungsmitteln entscheiden, als dass sie sich gegen Sex aussprechen können. Die Zahlen variierten je nach Region stark. Während etwa 76 Prozent der jugendlichen Mädchen und Frauen in Lateinamerika sowie in Ost- und Südostasien in allen drei Bereichen Gesundheitsversorgung, Familienplanung und Sexualleben autonome Entscheidungen träfen, seien es in Afrika südlich der Sahara weniger als die Hälfte. In Mali, Niger und Senegal sind es demnach sogar weniger als zehn Prozent der Frauen, die die Entscheidungen selbst treffen.

Zugleich bedeute Autonomie in einem Entscheidungsbereich nicht automatisch auch Selbstbestimmung in den anderen. So können demnach nur 53 Prozent der Frauen in Äthiopien Sex ablehnen, aber 94 Prozent entscheiden alleine oder mit dem Partner über den Einsatz von Verhütungsmitteln. Verbesserungen bei der Entscheidungsfreiheit seien häufiger beim Thema Gesundheitsversorgung zu erkennen. Autonomie beim Sexualleben hingegen sei tendenziell rückläufig.

Die Gleichstellung der Geschlechter ist eines von 17 Nachhaltigkeitszielen, die die Staatengemeinschaft 2015 vereinbart hat und die bis 2030 erreicht werden sollen. Der UN-Bevölkerungsfonds UNFPA ist die Organisation der Vereinten Nationen, die sich für sexuelle und reproduktive Gesundheit einsetzt. Ziele sind unter anderem, allen Menschen Zugang zu Verhütungsmitteln zu schaffen und Schwangeren sichere Geburten zu ermöglichen.

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