"Den Finger in die Wunde legen"

"Den Finger in die Wunde legen"
Wissenschaftler fordert Transparenz bei Straftaten gegen Homosexuelle
11.04.2021
epd-Gespräch: Katharina Rögner
epd

Der Berliner Medienwissenschaftler Jörg Litwinschuh-Barthel fordert verbindliche Standards für das Erfassen von Hasskriminalität gegen Homo- und Transsexuelle. Das Nichtbenennen der tatsächlichen Hintergründe solcher Straftaten sei ein großes Versäumnis der Behörden, sagte der geschäftsführende Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Anlass ist der am Montag in Dresden beginnende Prozess nach einer Messerattacke 2020 auf ein schwules Paar, bei der einer der Männer an den Folgen seiner Verletzungen starb. Der andere wurde schwer verletzt. Vor dem Oberlandesgericht muss sich dafür ein 21-jähriger islamistischer Gefährder aus Syrien verantworten.

Die Behörden hatten zunächst nicht mitgeteilt, dass es sich bei den Opfern um ein homosexuelles Paar handelt. "Ich hätte es wichtig gefunden, wenn die Polizei gesagt hätte, wir wissen noch nicht, ob das eine homofeindliche Tat war, aber wir wollen nicht verschweigen, dass ein homosexuelles Paar angegriffen wurde", sagte Litwinschuh-Barthel. Das wäre ein wichtiges Zeichen gewesen.

Polizeibehörden seien beim Thema Hasskriminalität zu sensibilisieren, damit homo- und transfeindliche Straftaten besser erkannt werden, sagte Litwinschuh-Barthel. Insgesamt schwinge immer noch zu viel Unsicherheit mit, solche Taten überhaupt zu benennen. Das Verschweigen führe bei vielen Schwulen und Lesben zu Angst. Sie fühlten sich nicht geschützt, wenn diese Fakten nicht benannt würden.

"Wir müssen uns auch trauen, überall dort den Finger in die Wunde zu legen, wo es Homosexuellenfeindlichkeit gibt", betonte der Berliner Wissenschaftler. Die komme auch unter Muslimen vor, aber nicht nur dort und natürlich nicht unter allen Menschen muslimischen Glaubens.

"Homofeindlichkeit gibt es häufig dort, wo orthodox geprägte oder politisch instrumentalisierte Religionen Toleranz vermissen lassen und wo Homosexualität, ja Sexualität insgesamt, tabuisiert wird", sagte Litwinschuh-Barthel dem epd. Das könne auch in der orthodoxen Kirche und der jüdischen Religion der Fall sein. Wichtig sei, nicht eine gesamte Glaubensgemeinschaft unter Generalverdacht zu stellen.

In Deutschland gibt es dem Wissenschaftler zufolge eine wachsende Akzeptanz für Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität. Doch zugleich komme es "überall dort, wo selbstbewusstes schwules, lesbisches und transsexuelles Leben sichtbar wird, vermehrt auch zu Hasskriminalität".

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