Psychologe: Krisenstimmung ist auch Kopfsache

Psychologe: Krisenstimmung ist auch Kopfsache
02.03.2021
epd-Gespräch: Urs Mundt
epd

Angesichts der Belastung vieler Menschen in der Corona-Krise hat der Hildesheimer Psychologe Werner Greve angeregt, den Blick über die aktuellen Schwierigkeiten und Beschränkungen hinaus auf die Chancen der gegenwärtigen Situation zu richten. "Schicksalsschläge und andere gravierende Einschnitte verschwinden deshalb natürlich nicht. Aber wer sich darin übt, auch andere Perspektiven einzunehmen, kann neue Kraft schöpfen oder sogar Wege aus einer persönlichen Krise finden", sagte der an der Universität Hildesheim lehrende Entwicklungspsychologe dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die meisten Menschen hätten weit mehr psychische Ressourcen für die Krisenbewältigung als ihnen bewusst sei.

Greve forscht seit mehr als 20 Jahren zu der Frage, wie sich Lebensläufe verändern und verzweigen. Er möchte genauer verstehen, warum manche Menschen angesichts von kritischen Lebenserfahrungen Resilienz zeigen, also auch in belastenden Krisen psychisch stabil bleiben. Es habe sich gezeigt, dass diejenigen ihre psychische Gesundheit besser bewahrten oder wiedererlangten, die ihre Lage aus möglichst vielen Blickwinkeln betrachteten, um ihr auch gute Seiten abzugewinnen, erläuterte er.

Als Beispiele derartig positiver Krisenauswirkungen nannte Greve eine vor der Corona-Pandemie kaum zu erwartende Zunahme an gesellschaftlicher Solidarität sowie verbesserte internationale Zusammenarbeit angesichts der globalen Bedrohung durch das Virus, etwa in der Forschung und Impfstoffentwicklung. Auch zeige sich gerade in der Krise, wie fair die meisten Menschen seien: "Natürlich können wir uns maßlos über wenige Impfvordrängler aufregen. Wir können aber ebenso würdigen, dass sich die allermeisten Menschen an die Regeln halten, die Egoisten also nicht in der Mehrheit sind", betonte der Psychologe.

Auch die Kontakt- und Mobilitätseinschränkungen hätten positive Effekte: "Der Einbruch des Flugverkehrs ist, wenn auch unbeabsichtigt, ein Beitrag zum Klimaschutz", sagte Greve. Er erlebe auch, dass viele Menschen früher wenig beachtete Bereiche des gesellschaftlichen Lebens neu wertschätzen können, sei es im Supermarkt, in der Pflege oder in der freien Kulturszene. Auch hätten sich im Alltag neue Freiräume ergeben. "Ich telefoniere viel mehr als früher und führe dabei womöglich intensivere Gespräche als vor dem Lockdown."

Um ein simples "think positive", wie es in fragwürdigen psychologischen Ratgebern propagiert werde, gehe es ihm aber nicht. "Man sollte das Leid keineswegs kleinreden, aber die Dinge so sehen lernen, dass man sagen kann: Es lohnt sich, nicht aufzugeben - trotz allem."

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