Experten fordern mehr Hilfen für Kinder in Suchtfamilien

Experten fordern mehr Hilfen für Kinder in Suchtfamilien
Alkohol, Drogen, häusliche Gewalt: Kinder aus Familien mit Suchtproblemen sind im Alltag besonderen Belastungen ausgesetzt. Die Corona-Krise mache alles noch schlimmer, sagen Experten. Und fordern mehr Beratung und Hilfen.

Kinder und Jugendliche in Familien mit Suchtproblemen leiden nach Einschätzung von Experten besonders unter den Folgen der Corona-Krise. Ein Entkommen aus dem problematischen Umfeld wie durch den Schulbesuch und Treffen mit Freunden sei in Lockdown-Zeiten praktisch unmöglich, sagte Corinna Oswald vom Vorstand der Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien, Nacoa Deutschland, am Freitag in Berlin. Gesunde Beziehungen außerhalb der Familien fielen in der Pandemie weg.

Zur inneren Isolation komme nun die äußere Isolation hinzu, betonte Oswald. Stress, Alkohol- und Drogenkonsum seien in den betroffenen Familien gestiegen, es gebe auch mehr Probleme mit häuslicher Gewalt. Die Corona-Krise sei für die betroffenen Kinder und Jugendlichen "eine Art Gau", sagte Stephanie Bosch von der Berliner Nacoa-Online-Beratung. Die Internet-Beratung biete unter diesen Umständen eine "virtuelle Tür nach draußen".

In den ersten Monaten der Pandemie seien mehr als 1.000 Mailanfragen eingegangen, rund doppelt so viele wie im Jahr davor, sagte Bosch. Nach einem Rückgang im Sommer sei im Herbst erneut ein sprunghafter Anstieg zu verzeichnen gewesen.

Die Online-Beratung müsse dringend ausgebaut werden, betonte Oswald. Hilfe vor Ort könne dadurch jedoch nicht ersetzt werden. Auch dort bestehe großer Handlungsbedarf. Die derzeit rund 200 Angebote in Deutschland reichten "überhaupt nicht aus". Die Hilfs- und Beratungsangebote müssten zudem dauerhaft und nicht über Projektanträge finanziert werden.

Auf Suchtprobleme und Unterstützungsangebote für Kinder und Jugendliche soll ab Sonntag mit einer bundesweiten Aktionswoche aufmerksam gemacht werden. An dem digitalen Programm mit knapp 100 Veranstaltungen beteiligten sich Organisationen in mehr als 50 Städten, sagte Oswald. Schirmherrin ist die Schauspielerin Katrin Sass.

Ziel der jährlichen Aktionswoche zum Valentinstag sei, durch Suchtprobleme in der Familie belastete Kinder und Jugendliche "aus dem Schatten der öffentlichen Wahrnehmung" zu holen, sagte Oswald: "Wir möchten den vergessenen Kindern eine Stimme geben."

In Deutschland leben nach Angaben von Nacoa rund drei Millionen Kinder in suchtbelasteten Familien. 40.000 bis 60.000 Kinder hätten ein von illegalen Drogen betroffenes Elternteil, hieß es. Im Schnitt wachse jedes sechste Kind zumindest zeitweise in einer suchtbelasteten Familie auf.

Kinder suchtkranker Eltern seien die größte bekannte Risikogruppe für die Entwicklung eigener Suchtstörungen, hieß es weiter. 33 bis 40 Prozent der Kinder aus suchtkranken Familien entwickelten selbst eine substanzbezogene Abhängigkeitserkrankung. Für alle anderen psychischen Störungen wie Ängste, Depressionen, Schizophrenien, Schlafstörungen und Persönlichkeitsstörungen wiesen sie ebenfalls erhöhte Risiken auf.

Knapp ein Viertel der Kinder mit einem alkoholabhängigen Elternteil machten Gewalterfahrungen, hieß es weiter. Sexuelle Gewalt, Vernachlässigung oder Misshandlung durch die Eltern kämen dreimal so häufig vor wie bei Kindern mit Eltern ohne Alkoholabhängigkeit. Bei Verfahren wegen Kindeswohlgefährdungen sei in 44 Prozent der Fälle eine Suchterkrankung der Eltern als Indiz für die Einleitung des Verfahrens benannt worden.

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