Ärzte zu Triage: "Rechtsunsicherheit nicht gut zu ertragen"

Ärzte zu Triage: "Rechtsunsicherheit nicht gut zu ertragen"
Intensivmediziner erwarten Höhepunkt der Pandemie im Januar
Intensivbetten für Covid-Patienten gibt es Medizinern zufolge genug, aber das Personal wird zunehmend knapp. Ab sofort können Patienten nach dem "Kleeblatt-Prinzip" bundesweit verlegt werden.

München (epd). Intensivmediziner fordern eine gesetzliche Regelung für sogenannte Triage-Situationen in der Corona-Pandemie. Die derzeitige Rechtsunsicherheit sei für Ärzte "nicht gut zu ertragen", sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Uwe Janssens, am Dienstag vor Journalisten. Sollte eine Priorisierung von Patienten notwendig werden, müssten Ärzte zurzeit zwar nach einem Mehr-Augen-Prinzip, aber "schlimmstenfalls aus dem Bauch heraus entscheiden". Dass bei einer Entscheidung möglicherweise strafrechtliche Konsequenzen drohen, führe im Extremfall zu Handlungsunfähigkeit, monierte Janssens. Darum habe die DIVI die Empfehlung ausgesprochen, hier Rechtssicherheit zu schaffen.

Zu Triage-Situationen kann es kommen, wenn nicht genügend medizinische Versorgung für die Patienten zur Verfügung steht. Dann müssten Ärzteteams gemeinsam mit Ethikkomitees vor Ort entscheiden, wer zuerst behandelt wird. Speziell bei "Ex-post-Triagen" kommen Ärzte in ein schweres Dilemma: abzuwägen, ob sie einen Patienten vom Beatmungsgerät nehmen, um einen anderen zu behandeln. Entscheidungskriterium kann hier laut Janssens ausschließlich sein, für welchen Patienten klinisch die größten Überlebenschancen bestehen. Darüber hinaus dürfe es keinerlei Ausschlusskriterien wie etwa Alter oder Behinderung geben.

Eine gesetzliche Regelung soll laut Janssens "kein Freibrief" für jegliche Entscheidung sein, aber deutlich machen, dass der Staat den handelnden Ärzten sein Vertrauen entgegenbringt. Der Deutsche Ethikrat hatte sich zuvor dagegen ausgesprochen, dass der Staat vorschreibe, wie Ärzte sich entscheiden sollen, da er nicht Leben gegeneinander abwägen dürfe. Zurzeit gebe es allerdings in Deutschland noch keine Triage-Situationen, auch nicht im stark belasteten Sachsen, sagte der Medizinprofessor Steffen Weber-Carstens.

Der Entwicklung der Pandemie in den kommenden Wochen sehen die Mediziner mit Sorge entgegen. Sollten die Infektionszahlen weiter auf diesem Niveau bleiben, "werden wir fortgesetzte Grenzsituationen auf den Intensivstationen sehen", sagte Janssens. Derzeit werden bundesweit mehr als 5.000 Menschen intensivmedizinisch behandelt, für Januar rechnet der Medizinprofessor Christian Karagiannidis mit 6.000 Intensivpatienten - entsprechend dem ab dem Jahreswechsel erwarteten Höhepunkt der Infektionszahlen.

Aktuell seien bundesweit 3.500 Intensivbetten frei und betriebsbereit. Das Hauptproblem seien nicht fehlende Betten, sondern das knappe Personal, sagte Karagiannidis. Der Ausfall von Pflegekräften führe zunehmend zu Einschränkungen im Betrieb der Intensivstationen: "Darum müssen wir schnellstmöglich das Personal impfen."

Aktiviert ist den Ärzten zufolge nun die bundesweite Verlegung von Intensivpatienten nach dem Kleeblatt-Prinzip. Dabei bilden mehrere Bundesländer zusammen jeweils eins von fünf Kleeblättern als eigene Planungseinheiten. Die beiden bevölkerungsreichsten Länder Bayern und Nordrhein-Westfalen bilden jeweils ein eigenes Blatt. Das seit April entwickelte Konzept soll dazu dienen, überlastete Regionen und Krankenhäuser zu unterstützen, indem Patientengruppen woandershin verlegt werden.

Bislang seien bundesweit 30 Patienten nach dem Kleeblatt-Konzept der Bundesregierung verlegt worden. Dieses garantiere "für alle Patienten die bestmögliche Versorgung irgendwo in Deutschland", sagte Professor Thorsten Gräsner. Der Rettungsdienst sei auf die Intensivtransporte vorbereitet. Die DIVI ist eine der größten wissenschaftlichen Fachgesellschaften in Deutschland.