Psychotherapeutin: Weihnachten in Pandemie hohe Belastung für Psyche

Psychotherapeutin: Weihnachten in Pandemie hohe Belastung für Psyche

Die Bremer Psychotherapeutin Amelie Thobaben warnt vor zusätzlichen psychischen Belastungen zu Weihnachten in der Pandemie-Zeit. Wegen der Corona-Maßnahmen könnten in diesem Jahr viele Traditionen und Rituale, die den Menschen sonst Zugehörigkeit und gemeinsame Identität stifteten, nicht in der gewohnten Form stattfinden, sagte die Expertin von der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung dem Evangelischen Pressedienst (epd). Dabei sehnten sich viele gerade nach diesem Jahr mit seinen großen Unsicherheiten danach, einmal in Ruhe und mit vertrauten Ritualen Zeit miteinander zu verbringen. Die Herausforderung bestehe nun darin, Alternativen zu entwickeln.

"Diese Pandemie ist ohnehin schon eine Ausnahmesituation, für die wir überhaupt keine Vorbilder haben", erklärte Thobaben. "Das heißt, wir haben eine extrem große Unsicherheit und damit umzugehen kostet uns sehr viel Kraft." Denn der Mensch arbeite immer mit einer Perspektive: "Wir haben eine Vorstellung davon, wie der nächste Tag abläuft und kalkulieren dabei kleine Schwankungen ein. Aber die großen Unwägbarkeiten sind wir nicht gewohnt."

Obendrein bleibe es nun auch zu den Feiertagen "offenbar spannend bis zur letzten Sekunde, wie wir jetzt mit dieser Weihnachtszeit umgehen werden oder dürfen", sagte die psychologische Psychotherapeutin und Bremer Landesvorsitzende der Vereinigung. Einer der wichtigsten Tipps sei daher, sich eine Perspektive zu verschaffen: "Wir raten zu einem Plan A unter den jetzigen Kontaktbeschränkungen und einen Plan B für einen härteren Lockdown." Dies sei besser, als der Frage auszuweichen, "denn ein Hin-und-Hergerissensein macht der Psyche zusätzlichen Stress".

Wenn physische Nähe nicht möglich sei, könnten die Menschen stattdessen mehr emotionale Nähe herstellen, empfahl die 45-jährige Psychotherapeutin. So könnten Angehörige etwa per Videotelefonat am Plätzchenbacken, am Schmücken des Weihnachtsbaums oder am Glühweintrinken teilhaben. Womöglich sei es psychisch sogar entlastend, weniger unterwegs zu sein und nicht für viele Leute kochen zu müssen.

Die Expertin riet zudem zu "radikaler Akzeptanz": "Wenn wir uns aktiv entscheiden, Veränderungen in der Weihnachtszeit durch Corona, die wir nicht beeinflussen können, zu akzeptieren, können wir Frustration und Hilflosigkeit entgegenwirken." Helfen könne es auch, durch Pläne für die Zeit nach der Pandemie Vorfreude zu wecken. "Das ist umso wirksamer, je genauer wir uns vorstellen, mit wem wir dann feiern, in den Urlaub fahren oder von wem wir in den Arm genommen werden", sagte Thobaben. "Und im nächsten Jahr können wir dann das Zusammensein noch viel bewusster erleben und genießen, weil wir die Selbstverständlichkeit verloren haben."