Nachkriegs-Psychiatrie: Bremer Studie dokumentiert Gewalt an Kindern

Nachkriegs-Psychiatrie: Bremer Studie dokumentiert Gewalt an Kindern
Betroffener Michael Martin: Ich bin Opfer eines Systems geworden
Was heute unvorstellbar erscheint, gehörte bundesweit in vielen stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie zwischen 1949 und 1975 zum Alltag. Eine Bremer Untersuchung offenbart unter anderem Gewalt, Missbrauch und Zwangsmedikation.

Nach dem Krieg waren Bremer Kinder und Jugendliche in den stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Kinder- und Jugendpsychiatrie laut einer aktuellen Studie vielfach Gewalt ausgesetzt. "In Deutschland war die Situation für Kinder und Jugendliche mit geistigen und psychischen Beeinträchtigungen nach Ende des Zweiten Weltkriegs katastrophal", sagte Studienautorin Gerda Engelbracht am Freitag bei der Präsentation der Untersuchung im Rahmen einer Videokonferenz. Unter dem Titel "Kein Platz - nirgendwo" liegt die Arbeit der Kulturwissenschaftlerin ab sofort in Buchform vor.

Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) sagte, man müsse "zur Kenntnis nehmen, dass Kinder und Jugendliche vielfach Zwangsmedikationen ausgesetzt waren, dass sie durch Zwangsfütterung erstickt oder durch Hirnoperationen irrreversibel geschädigt worden sind". Es habe Misshandlungen, Demütigungen, entwürdigende Behandlung und sexuellen Missbrauch gegeben. Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) ergänzte, die Studie dokumentiere erschütternde Zustände in den meisten Einrichtungen.

Engelbracht hatte im Auftrag von Gesundheits- und Sozialressort den Zeitraum zwischen 1949 und 1975 untersucht. Die Wissenschaftlerin sagte, Bremen sei das einzige Bundesland gewesen, in dem es bis Mitte der 70er Jahre keine stationäre Einrichtung der Behindertenhilfe und der Jugendpsychiatrie gegeben habe. Die betroffenen Familien hätten ihre Kinder ins niedersächsische Umland oder in Einrichtungen abgeben müssen, die teils viele hundert Kilometer entfernt gewesen seien. Dort seien die räumlichen, personellen und therapeutischen Bedingungen äußerst problematisch gewesen.

Alle Heime waren Engelbracht zufolge geprägt von "prekären materiellen Rahmenbedingungen, einer hohen Belegungsdichte und einem strukturellen Personalmangel". Der Zeitmangel der Schwestern und Pfleger und die ungenügende Förderung der Kinder und Jugendlichen in den Einrichtungen habe "tödliche Folgen" haben können. Für die Bremer neurochirurgische Klinik seien mehrere medizinisch fragwürdige Hirnoperationen an Minderjährigen belegt, die Kritiker später als "Experimente am Menschen" bezeichnet hätten.

Zu den Betroffenen gehört der heute 63-jährige Bremer Michael Martin. Im Alter zwischen 9 und 14 Jahren erlebte er im Bremer "Erziehungsheim" Ellener Hof, im St.-Petri-Kinderheim, im Wichernstift Delmenhorst und in einer Einrichtung in Wunstorf bei Hannover Gewalt, darunter zwei Versuche, ihn zu töten.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung mache deutlich, das es nicht um Einzelschicksale gehe, betonte Martin und fügte hinzu: "Ich bin Opfer eines Systems geworden, in dem oftmals der Einzelne nicht viel zählte." Er ermutigte Betroffene, die finanziellen Leistungen der Stiftung "Anerkennung und Hilfe" zu beantragen und nicht aus Scham auszuschlagen.

Bremens Landesbehindertenbeauftragter Arne Frankenstein sagte, die Studie offenbare systematische Verletzungen der Rechte behinderter Menschen, ihres Rechts auf körperliche Unversehrtheit und ihrer Menschenwürde: "Es geht hier nicht in erster Linie um das Versagen Einzelner, sondern um die strukturellen Bedingungen, unter denen Kinder mit körperlichen, geistigen und seelischen Beeinträchtigungen in Deutschland aufgewachsen sind." Die Lehren daraus seien bis heute wichtig: "Wir brauchen weitergehende Anstrengungen für die Inklusion."

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