"Das Leben auf der Straße macht krank"

"Das Leben auf der Straße macht krank"
Bremer Obdachlosenärztin hilft seit zehn Jahren bei Visiten unter freiem Himmel
09.11.2020
epd
epd-Gespräch: Dieter Sell

Bremen (epd). Viele wohnungslose Menschen scheuen nach den Erfahrungen der Bremer Obdachlosenärztin Gabriele Steinbach bei gesundheitlichen Problemen den Besuch einer normalen Sprechstunde. "Scham, Süchte, soziale Hemmungen, das ungeregelte Leben auf der Straße und Probleme mit Regeln und Terminen verhindern oft eine kontinuierliche Behandlung oder gar eine Prophylaxe in der medizinischen Regelversorgung", sagte die Gefäßchirurgin und ehemalige Oberärztin dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Eine Überweisung in eine Hausarzt- oder Facharztpraxis gelingt selten."

Die 71-jährige Medizinerin engagiert sich deshalb seit zehn Jahren als ambulante ehrenamtliche Obdachlosenärztin und versorgt jeden Mittwoch Patienten auf Straßen und Plätzen in der Bremer Innenstadt. Längst hat sie das Vertrauen vieler Menschen gewonnen und wird oft schon erwartet, wenn es Mittwoch wird. "Kurzurlaube beginne ich am Donnerstag und beende sie am Dienstag", beschreibt sie ihr Bemühen um Verlässlichkeit.

Zu ihren Visiten unter freiem Himmel ist sie mit Rad und Rucksack unterwegs - bei Wind und Wetter. Ausgerüstet mit Verbandszeug, Blutdruckmesser und Schmerzmitteln fährt sie durch die Straßen, um denjenigen zu helfen, die Platte machen. "Das Leben auf der Straße macht krank, der Gesundheitszustand der Menschen dort ist oft angegriffen", erläuterte Steinbach. "Obdachlose und wohnungslose Menschen sind infektanfälliger und haben häufig lange unversorgte Wunden. Gar nicht selten tun sie nichts gegen ihre Krankheiten, weil sie den Mut verloren oder sich auch ganz aufgegeben haben."

Dazu kommt Steinbach zufolge Stress durch Gewalterfahrungen, Suchterkrankungen, die ständige Sorge, in Notunterkünften von anderen Wohnungslosen beklaut zu werden und nun auch durch Corona. Sie habe zwar noch keine Infektionen in der Szene registriert, "aber die Leute machen nun auch aufgrund der Pandemie vermehrt einen Bogen um die, die draußen sitzen und betteln".

Weil sie keine Rezepte ausstellen kann, verweist die Ärztin Kranke im Bedarfsfall beispielsweise auf die Sprechstunden der medizinischen Notversorgung für Obdachlose in Bremen, denen drei Szenetreffs in der Innenstadt angeschlossen sind. "Oder ich nehme sie gleich unter den Arm und gehe mit ihnen hin, damit es auch wirklich klappt", ergänzte Steinbach. Eine mobile Arztpraxis auf vier Rädern fände sie gut, sie wäre ihrer Einschätzung nach aber schwer zu finanzieren.

Gesundheitsamt, Ärztekammer und Diakonie haben vor mehr als 20 Jahren in Bremen einen Verein zur Förderung der medizinischen Versorgung Obdachloser gegründet. Behandelt werden alle Patienten, auch wenn sie nicht krankenversichert sind wie etwa Wanderarbeiter aus Bulgarien und Rumänien. Im Netzwerk werden montags bis freitags stationäre Sprechstunden angeboten. In Bremen gibt es Schätzungen zufolge etwa 600 wohnungs- und obdachlose Männer und Frauen.