Aufarbeitungskommission Missbrauch: Sport muss Versagen aufarbeiten

Aufarbeitungskommission Missbrauch: Sport muss Versagen aufarbeiten
Die Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt im Sport steht noch am Anfang. Betroffene berichten, wie schwer sie es hatten, Übergriffe öffentlich zu machen und Unterstützung zu finden. Die Aufarbeitungskommission fordert Anlaufstellen und Hilfe.

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs geht von einer hohen Dunkelziffer an sexuellen Gewalttaten im Sport aus. Die Vorsitzende der Kommission, Sabine Andresen, sagte am Dienstag in Berlin, man habe es vielfach mit einer Vertuschung der Übergriffe zu tun. Häufig seien die Täter geschützt worden. Sie forderte die Verantwortlichen im Sport auf, das eigene Versagen aufzuarbeiten und dankte Betroffenen, die ihre Erfahrungen öffentlich machen.

Im Einzelnen forderte Andresen eine Enttabuisierung des Themas im Sport, unabhängige Anlaufstellen, die Anerkennung der Folgen für die Betroffenen und deren Unterstützung durch die Sportverbände sowie eine unabhängige Aufarbeitung aller bisherigen Fälle. Rund sieben Millionen Kinder und Jugendliche seien im Sport aktiv und machten dort wichtige und gute Erfahrungen, sagte Andresen. Aber der Sport sei auch ein Ort, an dem Kinder nicht geschützt worden seien. Während bei der Prävention inzwischen Bemühungen zu erkennen seien, sexueller Gewalt vorzubeugen, stehe die Aufarbeitung vergangener Taten noch am Anfang.

Andresen äußerte sich anlässlich eines öffentlichen Hearings über sexuellen Kindesmissbrauch im Sport. Offenbar hätten es Betroffene im Breiten- und Leistungssport besonders schwer, Gehör zu finden, sagte sie. Vielfach seien sie noch als Erwachsene zurückgewiesen worden, wenn sie sich wegen der Taten an ihre Vereine gewendet hätten. Trotz eines Aufrufs an Betroffene und Zeuginnen sowie Zeugen von Übergriffen haben sich bei der Kommission bisher nur rund 100 Menschen gemeldet, überwiegend Frauen.

Die Judo-Sportlerin Marie Dinkel schilderte, dass ihr Trainer den Verein nach Übergriffen auf sie selbst und weitere Mädchen verlassen musste. Er sei danach im Schulsport tätig gewesen, weil er nie von einem Gericht verurteilt wurde. Dinkel sagte, für betroffene Kinder sei entscheidend, ob sie eine Ansprechperson im Verein fänden. Sie selbst hatte die Übergriffe schließlich ihren Eltern offenbart.

Drei Viertel der Mädchen und 90 Prozent der Jungen seien sportlich aktiv, hauptsächlich in den 90.000 Sportvereinen. Die Wuppertaler Soziologin Bettina Rulofs, die 2016 eine erste Studie zu sexualisierter Gewalt im Leistungssport veröffentlicht hatte und weiter zu dem Thema forscht, sagte, im Leistungssport hätten 37 Prozent der Befragten angegeben, sexuelle Übergriffe erlebt zu haben. Die Mehrzahl der Täter seien Männer. Für den Breitensport gebe es noch keine Zahlen.

Hilfestellungen, Physiotherapie, Berührungen und das enge Verhältnis zwischen Trainern und Kindern machten den Erwachsenen den Zugang zu den Körpern der Kinder leicht, sagte Rulofs. Umkleiden, Duschen, lange Fahrten und Übernachtungen bei Wettkämpfen könnten zu Tatorten und -gelegenheiten werden. Nähe und Vertrauen, Leistungs- und Leidensbereitschaft, Disziplin und das Ansehen der Ehrenamtlichen machten es den Betroffenen extrem schwer, über sexualisierte Gewalt zu berichten, erläuterte Rulofs. Die Täter profitierten außerdem von der Dominanz männlicher Trainer und Vereinsvorsitzender im Sport.

Das zuständige Bundesinnenministerium macht die Förderung von Spitzensportverbänden inzwischen abhängig von Präventionskonzepten gegen sexuelle Übergriffe. Die Verbände müssen unter anderem einen Beauftragten benennen und bis Mai 2021 den Schutz vor sexueller Gewalt in ihren Leitlinien verankern. "Ein gewaltfreier Sport sollte Qualitätsmerkmal in Deutschland sein", erklärte das Ministerium.

Die Aufarbeitungskommission stützt ihre Arbeit auf Anhörungen von Menschen, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Nach eigenen Angaben hat die Kommission seit 2016 insgesamt rund 1.750 Betroffene angehört. Sie legte Berichte vor zu sexueller Gewalt in den Kirchen, in Familien, in Institutionen der DDR und besonders schwerer organisierter sexualisierter Gewalt.