Bericht: Sexueller Kindesmissbrauch in staatlicher Verantwortung

Bericht: Sexueller Kindesmissbrauch in staatlicher Verantwortung
Pflegekinder wurden an Pädophile in Berlin und an Pflegestellen in Westdeutschland vermittelt
In den 1970er Jahren ist es in West-Berlin zu sexuellem Kindesmissbrauch in staatlicher Verantwortung gekommen. Das hat ein Wissenschaftlerteam der Uni Hildesheim nachgewiesen. Das Land Berlin kündigt Entschädigungszahlungen an.

In der Verantwortung der früheren West-Berliner Kinder- und Jugendhilfe ist es laut einem Expertenbericht bei der behördlichen Vermittlung von Pflegekindern zu sexuellem Kindesmissbrauch gekommen. Pflegekinder wurden demnach in Kenntnis der Behörden an pädophile Pflegeeltern in Berlin sowie an Pflegestellen in Westdeutschland vermittelt, wie aus dem am Montag in Berlin veröffentlichten Ergebnisbericht der Universität Hildesheim hervorgeht. Auch Verbindungen zur Odenwaldschule in Hessen habe es möglicherweise gegeben, erklärten die Wissenschaftler.

Berlins Senatorin für Bildung, Jugend und Familie, Sandra Scheeres (SPD), entschuldigte sich im Namen des Landes bei den Opfern und kündigte Entschädigungszahlungen an. Wie viele Betroffene es gibt, ist jedoch auch nach Abschlusses des Forschungsprojektes nicht bekannt. Scheeres und die Experten sehen weiteren, bundesweiten Forschungs- und Aufarbeitungsbedarf.

In den 1970er Jahren habe es in der für Jugend zuständigen Senatsverwaltung und in einzelnen Berliner Bezirksjugendämtern ein Netzwerk gegeben, in dem pädophile Positionen akzeptiert und verteidigt wurden, heißt es im Ergebnisbericht "Helmut Kentlers Wirken in der Berliner Kinder- und Jugendhilfe" der Hildesheimer Forscher Meike S. Baader, Carolin Oppermann, Julia Schröder und Wolfgang Schröer. Personen aus dem behördlichen Netzwerk "nutzten ihren Einfluss, um Kinder bei pädophilen Männern in Pflegestellen, in Einrichtungen der Jugendhilfe oder in Internaten in Westdeutschland unterzubringen".

Das im März 2019 gestartete Forschungsprojekt sollte das Wirken des umstrittenen Sexualwissenschaftlers Helmut Kentler in der Berliner Kinder- und Jugendhilfe aufklären. Der 2008 gestorbene Kentler war den Angaben zufolge in den 1960er und 1970er Jahren Abteilungsleiter am Pädagogischen Zentrum Berlin und anschließend Professor für Sozialpädagogik an der Technischen Universität Hannover.

Im Rahmen eines von ihm initiierten "Experiments" waren Pflegekinder mit dem Ziel der Resozialisierung bewusst an pädophile Pflegeväter vermittelt worden. Wie der aktuelle Expertenbericht offenlegt, genoss Kentler dabei ein hohes Renommee in der Berliner Verwaltung in den 1960er und 1970er Jahren.

"Er war überall angesehen", sagte Scheeres. Heute stehe der Name Kentler für ein bedrückendes Kapitel. Der Sexualwissenschaftler habe über Jahrzehnte seine Position genutzt, damit Pflegestellen bei Pädophilen eingerichtet wurden. "Er hat den sexuellen Missbrauch und die massive Kindeswohlgefährdung gefördert und auch unterstützt", sagte Scheeres.

Die Senatorin entschuldigte sich im Namen des Landes Berlin bei den Opfern für das "Versagen der Strukturen". "Was Kindern und Jugendlichen damals angetan wurde, ist zutiefst erschütternd", sagte Scheeres. Das Land Berlin übernehme die Verantwortung für das Leid, das den Schutzbefohlenen angetan wurde. Zudem werde das Land unverzüglich Gespräche mit Betroffenen über eine finanzielle Entschädigung aufnehmen. Zur Höhe der Entschädigungszahlungen wollte sich Scheeres nicht äußern.

Den Wissenschaftlern zufolge sind die Taten bereits verjährt und die Täter verstorben. Auch gebe es offenbar über Berlin hinaus Verbindungen zu Pflegestellen in anderen Bundesländern.

Meldungen

Top Meldung
Stiller Protest gegen Rassismus mit grünem Armbad der Landeskirche Hannover.
Mit grünen Bändchen will die Landeskirche Hannover ein sichtbares Zeichen gegen Rassismus setzen. Unter dem Motto "#stillerprotest" soll ein Armband für das Handgelenk als gemeinsames Erkennungszeichen und persönliche Erinnerung an die eigene Zivilcourage dienen.