Soziologe: "Die offene Gesellschaft ist viel stärker als ihre Gegner"

Soziologe: "Die offene Gesellschaft ist viel stärker als ihre Gegner"
02.03.2020
epd
epd-Gespräch: Miriam Bunjes

Osnabrück (epd). Trotz rechtsterroristischer Anschläge wie in Hanau hält der Soziologe und Bestseller-Autor Aladin El-Mafaalani Deutschland auch im internationalen Vergleich für eine sehr offene Gesellschaft: "Die offene Gesellschaft ist viel stärker als ihre Gegner", sagte der Osnabrücker Hochschullehrer dem Evangelischen Pressedienst (epd). Das Land habe sich in kurzer Zeit gesellschaftlich stark verändert. Das sei auch mit Konflikten verbunden.

"Eine Gegenbewegung gehört zu Veränderungsprozessen dazu, sie ist aber nicht zwangsläufig gewaltsam wie der jüngste Rechtsterror." Wie stark sich Deutschland geöffnet habe, zeige auch die kritische Debatte über "Heimat" und "Identität". "Identität eines Menschen hat noch nie eine geringere Rolle für seine gesellschaftliche Stellung gespielt als heute."

Der gesellschaftliche Zusammenhalt sei aber tatsächlich brüchig geworden. Denn: "Verschiedene Bevölkerungsgruppen wollen heute Teilhabe und akzeptieren alte Unterdrückungsverhältnisse nicht mehr." Die erste Generation von Migranten habe zum Beispiel die ihnen zugeschriebene Gast-Rolle angenommen und akzeptiert, nicht richtig dazuzugehören. "Ihre Nachfahren tun das nicht", sagt El-Mafaalani, der als Kind syrischer Eltern im Ruhrgebiet aufwuchs.

Genau wie Frauen sich heute gegen Diskriminierung wehrten, "reicht es nicht-heterosexuellen Menschen im Jahr 2020 nicht mehr, nicht staatlich verfolgt zu werden." Oder behinderten Menschen, "irgendwie mitmachen zu dürfen: Sie alle fordern echte Teilhabe."

Die Offenheit für verschiedene Perspektiven mache die sogenannte Mitte orientierungslos: "Sie hat ihre alte Normalität verloren." Zeitgleich sei auch das Aufstiegsversprechen verloren gegangen. "Es ist nicht mehr sicher, dass für die kommende Generation alles besser wird, wenn sie hart arbeitet", sagt El-Mafaalani, der dieses Thema in seinem neu erschienen Buch "Mythos Bildung" aufgreift. "Auch das birgt gesellschaftlichen Sprengstoff."

El-Mafaalani wirbt daher für eine "gute Streitkultur als Leitkultur". Die extremen Ränder würden nicht größer, sondern lauter und offensiver - auch, weil sich demokratische Parteien und Politiker nicht ausreichend von deren Rhetorik abgrenzten.