Giffey: Entschädigung der Kirchen für Missbrauchsopfer "angebracht"

Giffey: Entschädigung der Kirchen für Missbrauchsopfer "angebracht"
28.12.2019
epd-Gespräch: Corinna Buschow und Bettina Markmeyer
epd

Zehn Jahre nach Beginn des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche hat Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) die Kirchen zu einer weiteren Entschädigung von Missbrauchsopfern aufgefordert. "Für die Betroffenen ist Entschädigung ein wichtiger Punkt, weil es auch um Anerkennung geht", sagte Giffey dem Evangelischen Pressedienst (epd). Aus Gesprächen mit Betroffenen wisse sie, "dass allein das ungemein hilft". Im kürzlich verabschiedeten Gesetz zur sozialen Entschädigung habe der Staat dafür gesorgt, dass es für Betroffene leichter ist, an Hilfen zu kommen. "Trotzdem finde ich es angebracht, dass die Kirchen überlegen, wie sie diese Fälle auch selbst entschädigen", sagte Giffey.

In beiden Kirchen wird derzeit über ein grundlegendes Verfahren zur Entschädigung der Opfer diskutiert. In der katholischen Kirche stehen hohe pauschale Summen im Raum, über die aber noch nicht entschieden ist. Die evangelische Kirche lehnt pauschale Entschädigungen ab und will ein Verfahren für individuelle Leistungen entwickeln. Giffey sagte, sie wolle keine Beträge nennen, weil das sehr von der Lage und Situation der Betroffenen abhängig sei. "Das muss man aber transparent regeln", sagte sie.

Die Ministerin erneuerte ihre Forderung, dass Täter nicht mehr in einem Amt der Kirche bleiben dürften. "Das müssen die Kirchen in ihren Regularien verbindlich verankern und sie tun dies teils auch schon", sagte Giffey. Sie erwarte insgesamt, "dass die Kirchen konsequent weiterarbeiten - an der Aufarbeitung der Fälle, der Entschädigung der Opfer und der Frage, wie die Täter zur Verantwortung gezogen werden".

Giffey forderte von den Kirchen wirksame Schutzkonzepte. "Dazu gehört eine Jugendarbeit, bei der es nicht so viele Gelegenheiten für Missbrauch gibt", sagte sie. Zudem hinterfragte sie das Zölibat in der katholischen Kirche: "Das Zölibat ist in meinen Augen ein Risikofaktor für sexuellen Missbrauch." Auch autoritäre, klerikale Strukturen begünstigten sexuellen Missbrauch, "der immer auch ein Missbrauch von Macht ist".

Als größten Erfolg der Diskussion um Missbrauch der vergangenen zehn Jahre wertete Giffey, dass das Thema stärker in der öffentlichen Wahrnehmung sei. "Es gibt inzwischen einen ganz klaren gesellschaftspolitischen Konsens, dass Missbrauch zu ächten und sicher kein Kavaliersdelikt ist", sagte sie. Dennoch dürfe man nicht davon ausgehen, dass der Kampf jemals komplett gewonnen werde.

Ende Januar 2010 hatte der damalige Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, Klaus Mertes, wiederholten und systematischen Missbrauch an Schülern öffentlich gemacht. In der Folge wurden zahlreiche Fälle auch in anderen Institutionen bekannt.

epd co/bm rks

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