"Ärzte ohne Grenzen" prangert Leid in griechischen Lagern an

"Ärzte ohne Grenzen" prangert Leid in griechischen Lagern an

"Ärzte ohne Grenzen" prangert katastrophale Bedingungen und Leid in griechischen Flüchtlingslagern an. In einem offenen Brief an die Staats- und Regierungschefs der EU protestiert die Hilfsorganisation zudem gegen Pläne Griechenlands, Asylsuchende in geschlossenen Camps unterzubringen. "Stoppen Sie diesen Wahnsinn", heißt es in dem am Mittwoch veröffentlichten Schreiben des internationalen Präsidenten Christos Christou.

Nach einem Besuch auf den Inseln Lesbos und Samos stellte Christou bei einer Pressekonferenz in Brüssel seinen Protestbrief vor und berichtete von unfassbaren Zuständen. In dem Schreiben, das auch an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verschickt wurde, beschreibt der Arzt, wie Verzweiflung einen zwölfjährigen Jungen dazu getrieben habe, sich wiederholt mit einem Messer selbst am Kopf zu verletzen. Ein neunjähriges Mädchen aus Afghanistan habe nach mehreren Monaten auf Lesbos aufgehört zu reden und zu essen. "Diese Kinder haben Krieg und Verfolgung überlebt", erklärt Christou. "Aber viele Monate an einem unsicheren und erbärmlichen Ort wie Moria waren zu viel für viele unserer kleinen Patientinnen und Patienten und haben sie in Selbstverletzung und Suizidgedanken getrieben."

Mit Blick auf das Flüchtlingsabkommen zwischen EU und Türkei aus dem Jahr 2016 schreibt Christou an die Staats- und Regierungschefs: "Anstatt das aufgrund Ihres Handelns verursachte Leid einzuräumen, fordern Sie eine immer nachdrücklichere Durchsetzung des EU-Türkei-Deals. Sie ziehen sogar noch brutalere Maßnahmen in Betracht, wie die jüngst von der griechischen Regierung angekündigten Pläne, die Hotspots in Internierungslager umzuwandeln und Abschiebungen zu beschleunigen. Stoppen Sie diesen Wahnsinn." Das EU-Türkei-Abkommen sieht vor, dass in Griechenland anlandende Bootsflüchtlinge wieder in die Türkei zurückgeschickt werden.

"Ärzte ohne Grenzen" leistet seit 2015 medizinische Hilfe für Asylsuchende auf den griechischen Inseln. Über die vergangenen Jahre habe sich die humanitäre Situation weiter verschlechtert, betont Christou. Eine Frau, ein Kind und ein neun Monate altes Baby seien allein in den vergangenen drei Monaten gestorben, wegen unsicherer und entsetzlicher Bedingungen und wegen des Fehlens grundlegender Unterstützung. "Sie suchten Sicherheit in Europa und fanden den Tod in einem europäischen Aufnahmelager."

Diese "himmelschreiende Missachtung der Menschenwürde" könne seine Organisation nicht akzeptieren, begründete Christou den Brief. "Es gibt wenig, was unsere Teams vor Ort tun können, um diesen Kreislauf des Leidens zu stoppen", erklärt er und appelliert an die EU-Staaten: "Es liegt in Ihren Händen. Sie müssen den politischen Willen haben, zu handeln, und zwar jetzt. Diese menschliche Tragödie muss aufhören."

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