"Es fühlte sich an wie ein Kindergefängnis"

"Es fühlte sich an wie ein Kindergefängnis"
Wissenschaftlerin fordert Aufarbeitung von Kinder-Verschickungen der Nachkriegszeit
21.11.2019
epd-Gespräch: Michael Grau
epd

Die Historikerin und Sozialwissenschaftlerin Christiane Dienel ruft dazu auf, die Geschichte der Kinder-Verschickungen in der Nachkriegszeit auf breiter Basis aufzuarbeiten. Bei diesen mehrwöchigen Aufenthalten in vermeintlichen Erholungsheimen an der Nordsee oder in den Bergen sei den Kindern häufig großes Leid zugefügt worden, sagte die Professorin dem Evangelischen Pressedienst (epd). "In diesen Heimen gab es einen sehr rauen Umgang, den man heute als Kindesmisshandlung bezeichnen würde", erklärte sie.

In den Heimen seien Kinder etwa vom Pflegepersonal zum Teil gewaltsam mit kaltem Wasser abgewaschen worden, erläuterte Dienel, Geschäftsführerin des Nexus-Instituts in Berlin. "Viele mussten so lange vor ihrem Teller sitzen, bis sie alles aufgegessen hatten." Selbst Ausgespucktes hätten sie aufessen müssen. Als Strafe hätten manche Kinder die ganze Nacht auf einem Stuhl verbringen müssen. Die Folgen reichten für die Kinder bis hin zu Traumatisierungen. "Das ganze Thema ist noch praktisch unerforscht", sagte Dienel, die als Kind selbst ein solches Heim erlebt hat: "Es fühlte sich an wie ein Kindergefängnis."

Dienel, die von 2011 bis 2016 auch Präsidentin der Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen war, gehört zu den Referentinnen der ersten Konferenz zur Aufarbeitung von Kinder-Verschickungen, die bis Sonntag auf Sylt tagt. Bundesweit waren nach ihren Angaben in den 1950er bis 1980er Jahren Hunderttausende von Jungen und Mädchen aus gesundheitlichen Gründen von ihren Eltern in Kinderkurheime geschickt worden. Der Aufenthalt wurde von den Krankenkassen bezahlt. Elternbesuche waren nicht erlaubt.

Die Professorin schlug vor, die Aufarbeitung nach dem Konzept der "Citizen Science" zu gestalten. Dabei stellen Bürger persönliche Berichte zur Verfügung, die von Experten ausgewertet werden. Aus dem Material könne eine Ausstellung entstehen, die von Ort zu Ort wandere und durch regionale Beiträge angereichert werde. Diskussionen vor Ort könnten die Ausstellung ergänzen.

"Die Kinderkurheime können uns lehren, wie totale Institutionen entstehen und wirken", sagte Dienel. Mehrere Faktoren hätten dazu beigetragen, dass sich der Erziehungsstil aus den von der NS-Ideologie geprägten 1930er und 1940er Jahren hier zum Teil noch Jahrzehnte gehalten habe. "Die Heime waren abgelegen, zahlten nicht gut und hatten deshalb kaum pädagogische Fachkräfte", erklärte sie. Die Einrichtungen seien hierarchisch geführt worden und hätten sich nach außen abgeschottet. Rund ein Drittel der Heime befand sich laut Dienel in kirchlicher Trägerschaft.

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