Menschenrechtler kritisieren Hungerlöhne auf indischen Teefarmen

Menschenrechtler kritisieren Hungerlöhne auf indischen Teefarmen

Berlin (epd). Hungerlöhne, Schikanen, giftige Pestizide: Menschenrechtler prangern die Arbeitsbedingungen auf Teefarmen im indischen Bundesstaat Assam an. Auf vielen Plantagen würden arbeitsrechtliche Standards gebrochen und zu niedrige Löhne gezahlt, erklärte die Hilfsorganisation Oxfam in einer am Donnerstag veröffentlichten Studie. Beim Verkauf einer Packung Markenschwarztee für drei Euro bleiben der Untersuchung zufolge rund 86 Prozent bei deutschen Supermärkten und Herstellern, nur etwa vier Cent gehen an die Plantagenarbeiter. "Dass so eine Produktion zu menschenwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen nicht möglich ist, liegt auf der Hand", sagte Oxfam-Wirtschaftsreferentin Barbara Sennholz-Weinhardt.

Oxfam appeliert an die deutschen Supermärkte und Hersteller, sich für existenzsichernde Löhne und die Einhaltung von Arbeits- und Menschenrechten in den Teeanbaugebieten einzusetzen. Außerdem müssten die Unternehmen offenlegen, auf welchen Plantagen der von ihnen verkaufte Tee angebaut wird. Tee aus Assam steht der Studie zufolge in den Regalen von Rewe, Aldi, Edeka, Kaufland und Lidl und wird von den Marken Teekanne und "Ostfriesische Teegesellschaft" verarbeitet.

Über die Hälfte der Arbeiterinnen und Arbeiter auf den Plantagen Assams ist der Studie zufolge von Mangelernährung bedroht, ein Viertel hungert sogar. Sie verdienten täglich zwischen umgerechnet rund 1,70 Euro und 2,10 Euro, damit liege ihr Verdienst unter dem gesetzlichen Mindestlohn von 3,21 Euro. In den besonders schlecht bezahlten Bereichen der Teeernte arbeiteten vor allem Frauen. Ein höherer Einkaufspreis seitens der deutschen Supermärkte und Hersteller könne dazu beitragen, dass die Farmen bessere Löhne zahlen, betont die Autorin Sennholz-Weinhardt in der Studie.

In anderen Bereichen kommt es den Angaben zufolge ebenfalls zu Gesetzesbrüchen auf den Plantagen: So beschäftigten viele Farmen weniger Krankenpfleger und Pharmazeuten als vorgeschrieben. Sieben der insgesamt 50 untersuchten Plantagen böten keinen gesetzlich geforderten Notrufservice an. Arbeiter, die für ihre Rechte eintreten, würden entlassen oder schikaniert. Die Teebauern litten außerdem am Pestizideinsatz, oft erhielten sie keine angemessene Schutzkleidung. Jede zweite Arbeiterin sei an möglicherweise durch Pestizide hervorgerufenen Augenreizungen, Atemwegserkrankungen oder allergischen Reaktionen erkrankt. 2018 importierte Deutschland insgesamt etwa 13.750 Tonnen Tee aus Indien, so viel wie aus keinem anderen Land. Assam ist die größte indische Tee-Anbauregion.

Auch auf Plantagen, die das Nachhaltigkeitssiegel der Organisation "Rainforest Alliance/UTZ" tragen, werden den Recherchen zufolge arbeitsrechtliche Standards verletzt. Rund 130 Teefarmen seien in Assam von der Organisation zertifiziert. Die Auswirkungen auf die Lohnhöhen seien jedoch minimal. "Insgesamt sorgen die Zertifizierungen nicht dafür, die in Assam üblichen Arbeits- und Rechtsverletzungen zu beenden", heißt es in der Studie. Oxfam-Referentin Sennholz-Weinhardt kritisiert: "Unternehmen und Zertifizierungsfirmen kennen die Probleme schon lange und lösen sie nicht."

Oxfam erneuert die Forderung nach einem Lieferkettengesetz, das deutsche Unternehmen zur Einhaltung von Menschenrechten und Umweltstandards im Ausland verpflichtet. Ein solches Gesetz wird in der Bundesregierung bereits diskutiert. Derzeit werden 1.800 deutsche Unternehmen zur Einhaltung von Menschenrechtsstandards bei der Produktion im Ausland befragt. Wenn weniger als die Hälfte der befragten Unternehmen der Sorgfaltspflicht nachkommen, will die Bundesregierung weitergehende Schritte bis hin zu gesetzlichen Maßnahmen prüfen.

epd moe/et fu

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