Politikwissenschaftler: AfD löst Linke als Protestpartei im Osten ab

Politikwissenschaftler: AfD löst Linke als Protestpartei im Osten ab
02.09.2019
epd-Gespräch: Mey Dudin
epd

Die AfD löst nach Einschätzung des Politikwissenschaftlers Aiko Wagner zum Teil die Linke als Protestpartei in Ostdeutschland ab. Wagner, der an der Universität Potsdam lehrt, sagte am Montag dem Evangelischen Pressedienst (epd), dass die Wanderung von Wählern von ganz links nach ganz rechts auch eine Folge dessen sei, dass die Linke inzwischen seit vielen Jahren in verschiedenen Regionen mitregiere und somit aus Sicht vieler Menschen "Teil des Establishments" sei. "Protest ist umso wirksamer, je sichtbarer er ist", fügte der Wissenschaftler hinzu. Protestwähler machten ihr Kreuz bei der AfD und nicht bei Splitterparteien auf dem Wahlzettel, weil so der Weckruf lauter und die Bedrohung für die anderen Parteien stärker sei.

Wagner weist zugleich darauf hin, dass nicht nur Protestwähler die AfD wählten. So gebe es in Brandenburg und in Sachsen auch starke rechte Netzwerke und Personen, die autoritär und nationalistisch eingestellt seien. Im Osten seien auch fremdenfeindliche Einstellungen weiter verbreitet als im Westen. Das Vertrauen in die Demokratie sei zudem geringer.

Der Politikwissenschaftler betonte, dass es sich bei AfD-Wählern nicht unbedingt um Menschen handelt, die persönliche Abstiegserfahrungen gemacht haben oder denen es besonders schlechtgeht. Eher spreche die Partei einen Teil des Kleinbürgertums an, nämlich "Menschen die in ihrer Wahrnehmung etwas dafür getan haben, dass es ihnen gutgeht". Diese hätten aber diffuse Zukunftsängste, wonach alles ganz schlimm werde, wenn es so weitergehe wie bisher.

Hinzu komme, dass etablierte Parteien als Teil einer Elite wahrgenommen werden, die mache was sie wolle und sich nicht um das normale Volk schere. Die Menschen hätten jahrzehntelang gehört, es gebe kein Geld für Straßen, Kitas oder Schwimmbäder. Dann sei für die Bankenrettung 2009 und für Flüchtlinge im Sommer 2015 doch Geld dagewesen. "Deshalb denken so manche: In Wirklichkeit ist Geld da, aber eben nicht für uns."

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