Über den Erfolgsfaktor Religion im Unternehmen

Mann im Gebet auf Laptop-Ansicht.

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Füreinander da sein, kann wichtig sein für den Erfolg eines Unternehmens.

Über den Erfolgsfaktor Religion im Unternehmen
Wer nur vom Gewinn getrieben ist, kann auf Dauer nicht erfolgreich sein. Wie sich der Faktor Religion im Unternehmen auswirkt und was evangelische Unternehmer besser machen, erzählt Friedhelm Wachs, stellvertretender Vorsitzender des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer (AEU).

Wenn man Ihren mehr als 300-Seiten-AEU-Band "Evangelisch. Erfolgreich. Wirtschaften." durchblättert, der zum Reformationsjubiläum 2017 erschienen ist, denkt man: Fast alle tragen Schlips, haben mindestens 3 Kinder und müssen schon mal eine Stiftung gegründet haben. Ein sehr exklusiver konservativer Club also.

Friedhelm Wachs: Nein, im AEU sind Unternehmer unterschiedlicher Couleur vereint. Das geht von Vorstandsvorsitzenden in DAX-Unternehmen bis zum Einzelunternehmer. Es sind Freiberufler drin, auch Leitende aus diakonischen Einrichtungen. Gemeinsam ist allen, dass sie Evangelische im Rahmen der EKD sind. Die Größe des Unternehmens spielt keine Rolle. Im Moment gibt es bundesweit rund 650 Mitglieder.

Und dann macht man ganz modern Telefonkonferenzen?

Wachs: Nein, der AEU ist in regionale Arbeitsgruppen aufgeteilt, ähnlich den Gliedkirchen der EKD. Im Rheinland sind sie wesentlich industriell geprägt, unternehmerisch-mittelständisch dann eher in Württemberg. In der Regel trifft sich der AEU auf Bundesebene drei Mal im Jahr. Regional bieten wir etwa 120 Veranstaltungen im Jahr. Der Mitgliedsbeitrag liegt bei 250 € pro Person. Unternehmen zahlen unterschiedlich. Damit finanziert sich der AEU als Verein selbst.

Ein Altherren-Club, in dem man sich gegenseitig Aufträge zuschanzt?

Wachs: Nein, im Gegenteil. Hier geht es um Glauben und nicht um Geschäft, hier geht es um einen Austausch auf der Grundlage des Protestantismus. Wir sind als Christen Glaubende und Suchende. Keiner von uns hat die Wahrheit gepachtet. Es geht um einen offenen Dialog.

Aber wozu das Ganze?

Wachs: Der AEU ist über 50 Jahre alt und hat sich gegründet, um die 1943 - von den Nationalsozialisten mit der Todesstrafe bedroht - im Freiburger Bonhoeffer-Kreis entwickelte Soziale Marktwirtschaft, der berühmte Anhang IV der Denkschrift des Bonhoeffer-Kreises, in die Praxis der Kirche zu bringen. Das Thema Unternehmertum und Soziale Marktwirtschaft ist ja eins, wozu die Kirche vom Ende der 1960er bis in das Ende der 1980er Jahre ein gespaltenes Verhältnis hatte. Heute ist der AEU im Wesentlichen getrieben von den Veränderungen, die uns draußen bewegen, nämlich die Digitalisierung oder die Frage, wie Gentechnologie künftig unser Zusammenleben in der Gesellschaft beeinflusst und wie wir als unternehmende Christen dazu entscheiden wollen. Oder es geht um Künstliche Intelligenz. Da stehen uns große gesellschaftliche Veränderungen bevor.

Und Ökumene oder der interreligiöse Unternehmer-Dialog?

Wachs: Wir konzentrieren uns vor allem auf unsere evangelischen Strukturen. Der AEU steht für das "UND" zwischen Wirtschaft und Evangelischer Kirche. Zum BKU, also dem Bund Katholischer Unternehmer, gibt es gute Kontakte. Zu türkisch-muslimischen Verbänden und zum buddhistischen Netzwerk achtsame Wirtschaft haben wir durch unsere Aufgabenstellung keine Beziehungen.

Sie selbst sind Unternehmens-Berater. Das klingt wie das kleine Helferlein für Erzkapitalisten und Heuschrecken, die arbeitnehmerfeindlich vor allem auf Rendite setzen.

Wachs: Nein, mein Unternehmen hat Themenfelder, die sich beispielsweise auf Streitigkeiten zwischen Unternehmern in Frankreich und Brasilien beziehen. Oder es geht um strukturelle Fragen im Zuge der Digitalisierung seit den 1980er Jahren und Interessenkonflikte hier. Aber es ist keine Mediation, keine Schiedsrichterrolle. Wir stehen immer auf der Seite, die unsere Leistung bezahlt. Da werden wir auch mal von Gewerkschaftsseite aus gebucht.

Sie arbeiten alleine?

Wachs: Nein, ich habe in Deutschland 15 Mitarbeitende, weltweit sind es 50, zuzüglich fallbezogen eingebundener Experten. Angesichts der Aufgabenvielfalt sind wir schon immer ein agiles Unternehmen.

Aber müssen Sie nicht manchmal harte Schnitte machen? Etwa Leute entlassen, um den Betrieb zu retten? Wo sind da Ihre unternehmerischen Grenzen, gerade eben auch als Evangelischer?

Wachs: Es gibt menschenverachtende Verhandlungsstrukturen, wo Menschen nur gierig sind. Die interessieren mich nicht. Da bin ich auch nicht bereit, einen Beitrag zu leisten.

Aber ist der Kapitalismus nicht per se menschenverachtend?

Wachs: Nein. Ich erinnere an die so genannten HIMs, "Hier irrt Marx!". Da bin ich auf der Glaubensseite sehr einfach gestrickt: Woran Du Dein Herz hängst, das ist Dein Gott. Und wenn du dein Herz an Geld hängst, das ist des Mammons. Es ist falsch, dass einfach nur an Geld gedacht wird. Es geht auch um gute Unternehmensstrukturen, daran sind ja auch die Gewerkschaften und Betriebsräte interessiert. Mit Firmen, die Mitarbeitende verachten oder sie nur als beliebig verfügbares Werkzeug sehen, arbeite ich nicht zusammen. Da muss ich keine faulen Kompromisse machen.

Und was ist jetzt genau das Evangelische bei Ihnen?

Wachs: Das erste ist, dass ich als Protestant klar meinem Gott gegenüber Verantwortung trage. In der Endkonsequenz Niemandem sonst. Aus Galater 5 Vers 1 ergibt sich die Freiheit, selbst zu entscheiden. Es ist ein Regulierungsinstrument. Freiheit ermöglicht erst Verantwortung. Aber aus der kann ich mich dann nicht wegstehlen. Zweitens, mein Berufsverständnis. Da bin ich voll bei Martin Luther. Der Fürst ist nicht wichtiger als die Krankenschwester und die Krankenschwester nicht wichtiger als der Fürst. Auf die Berufung kommt es an, auf das Dienende. Das ist Gottesdienst. Drittens, mein Eintreten für das Priestertum aller Gläubigen. Hauptamtlicher Klerus ist menschengemacht. Seine Autorität ist menschlich. Und damit fehlbar.

Robert Bosch hat mal sehr schön gesagt, "Dem, der aufrichtig seinen Standpunkt vertritt, muss auch Glauben geschenkt werden." Darin treffen sich für mich alle drei Punkte.

Ich wüsste auch nicht, wer mich zertifizieren sollte, wenn ich nur meinem Gott gegenüber verantwortlich bin

Haben Sie unternehmerische Vorbilder?

Wachs: Wenig, da muss jeder seinen eigenen Weg gehen.

Wie wichtig sind aber evangelische Auszeichnungen, zum Beispiel das Arbeit Plus-Siegel der EKD für besonders familienfreundliche Firmen?

Wachs: Sie sind insofern wichtig, weil sie eine positive Beispielwirkung auf andere entwickeln können. Aber man sollte sie auch nicht überbewerten. Ich habe kein Siegel. Ich wüsste auch nicht, wer mich zertifizieren sollte, wenn ich nur meinem Gott gegenüber verantwortlich bin. Statt des Siegels geht es aus meiner Sicht um Haltung.

Was bedeutet das konkret?

Wachs: Bin ich bereit, wenn unmenschliche Standards irgendwo herrschen, diese zu akzeptieren? Oder dränge ich auf Änderung? Wir sind in der Korruptionsbekämpfung im asiatischen und auch im afrikanischen Raum deutlich weiter gekommen mit unseren Standards. Kaufe ich Produkte nur von hier? Aber wo kriegen die hiesigen Hersteller ihre Rohstoffe her? Wenn alle Menschen Brüder und Schwestern sind, muss ich mir auch ein Gesamtbild machen und das dann bewerten.

Sie müssen als Unternehmer effektiv arbeiten und klug kalkulieren. Macht Sie da das Agieren der Kirche dann nicht manchmal ratlos bis wütend?

Wachs: Für viele Menschen ist die Kirche ein Abbild des preußischen Beamtentums des 18. Jahrhunderts. Mich macht es in diesen Zeiten durchaus verrückt, wenn die Landeskirchen, die ja letztlich ein Relikt von ständischen Strukturen sind, ein Relikt der Kleinstaaterei, allein vor sich hin wursteln. Das wird im Zeitalter der Digitalisierung nicht weiter Bestand haben. Wir werden zu Netzwerkstrukturen kommen, von denen heute noch keiner genau sagen kann, wie genau sie sich auswirken werden.

"Lasst uns diese Gesellschaft vom Menschen her denken"

Immer wieder wird geklagt, dass sich Kirchenbeamte beratungsresistent zeigen. Unter dem Motto: Wir haben Theologie studiert, wir wissen das schon!

Wachs: Ja das erlebe ich leider auch noch sehr oft. Ein Pfarrer, der glaubt, er hat studiert und dann muss er nicht mehr lernen, liegt aus meiner Perspektive falsch. Ein Pfarrer, der sich nicht Unternehmen anschaut, liegt falsch, weil er die tatsächliche Arbeitswelt der Menschen nicht wahrnimmt. Ein Superintendent, der die großen Unternehmen in seinem Sprengel nicht von innen kennt, weiß nicht, wie die Menschen arbeiten. Er kann die Menschen nicht aus ihrem Arbeitsalltag abholen. Und damit fehlt ein ganz großes Element von Alltagsrealität, das für die kirchliche Arbeit eigentlich notwendig ist. Aber es kommt Bewegung rein, weil die Ratlosigkeit wächst. Und da wünsche ich mir eine Koalition der Willigen.

Was also sind die Wünsche für die protestantische Zukunft?

Wachs: Ich wünsche mir für die Evangelischen Kirchen, die Digitalisierung als gesellschaftsverändernden Prozess wahrzunehmen und theologische Antworten zu finden. Dass die EKD den Aufwand, den sie mit der Rückwärtsbetrachtung in der Reformationsdekade auf sich genommen hat, mindestens auch für das Thema Digitalisierung aufwendet. Dass die EKD in den Gliedkirchen auf der Mitarbeiterseite einen Strukturwandel schafft, der Kirche zu einem fröhlichen und zuversichtlich gestaltenden Raum macht und dass der AEU diesen Prozess aus der unternehmerischen Praxis heraus begleitet. Alle sind aufgerufen, das Postulat Priestertum aller Gläubigen umzusetzen. Lasst uns diese Gesellschaft vom Menschen her denken, vom Menschen her entwickeln.