Diakonie-Chef Lilie: "Wir müssen etwas zurückgeben"

Rumänien leidet unter der Fachkräfte-Abwanderung
Diakonie-Präsident Ulrich Lilie hat mit einer Delegation in Rumäniens Hauptstadt Bukarest geredet.

Foto: epd-bild/Norbert Neetz

Beim Gespräch in Rumäniens Hauptstadt Bukarest ging es Ulrich Lilie um Themen wie Abwanderung, den Arbeitsmarkt und die soziale Situation im Land.

Diakonie-Präsident Ulrich Lilie hat mit einer Delegation in Rumäniens Hauptstadt Bukarest drei Tage lang mit Hilfsorganisationen, Kirchen- und Regierungsvertretern über Abwanderung, den Arbeitsmarkt und die soziale Situation im Land gesprochen. Er setzt auf die Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen und die Europäische Union.

Herr Lilie, alle Ihre Gesprächspartner in Bukarest haben gesagt, die ungebremste Abwanderung von Fachkräften sei eines der größten Probleme Rumäniens. Vor diesem Hintergrund: Können Einrichtungen der Diakonie guten Gewissens rumänische Ärzte oder Pflegekräfte einstellen?

Ulrich Lilie: Wir haben in Bukarest sehr handgreiflich die Ambivalenzen der Freizügigkeit in der EU zu sehen bekommen. Diese strukturellen Probleme sind aber nicht mit Moral zu lösen. Aus Sicht der Menschen, die in ihrem eigenen Land keine Perspektive sehen für sich und ihre Kinder, obwohl sie eine gute Ausbildung haben, kann ich es nicht verurteilen, dass sie anderswo ein besseres Leben suchen. Genauso gut kann ich verstehen, dass diakonische Träger in Deutschland, die dringend Fachkräfte suchen, gut ausgebildete rumänische Mitarbeiter einstellen.

Was kann ein großer Arbeitgeber wie die Diakonie dann tun?

Lilie: Wenn wir derart profitieren, haben wir eine besondere Verpflichtung, diesen Ländern etwas zurückzugeben. Indem wir für Ausbildungen sorgen oder dafür, dass Know-how zurückfließt - oder ermöglichen, dass qualifizierte Menschen wieder zurückgehen. Denn selbstverständlich zahlen Länder wie Rumänien mit einem großen Wohlstandsgefälle zu Deutschland einen sehr hohen Preis dafür, dass unser Fachkräftemangel aus diesen Ländern bedient wird.

Was verlangen Sie von der Politik?

Lilie: Politisch müssen wir vor allem auf EU-Ebene tätig werden. Bei dem Problem der Abwanderung geht es um viele hunderttausend Menschen. Wir müssen die enormen sozialen Folgeprobleme sehen, die mit der Freizügigkeit in der EU verbunden sind. Um die müssen wir uns dringend kümmern. Europa kann nicht nur eine Wirtschaftsunion sein.

Es muss Standortpolitik gemacht werden. Wir müssen diesen Ländern helfen, dass sie ihre Eliten im Land halten. Das ist auch ein demokratiepolitisches Thema, das für den Zusammenhalt in Europa wichtig werden wird - das kann man in Rumänien gut sehen. Denn es sind ja die Schlauen, die gehen. Das verändert auch die politischen Mehrheiten in diesen Ländern.

Außerdem sind wir von den Nichtregierungsorganisationen, die sich in Rumänien in der Sozialarbeit engagieren, aufgeklärt worden, dass viele EU-Programme für ihre Arbeit nicht passen. Sie müssen Voraussetzungen erfüllen, die für sie kaum zu erfüllen sind. Auf ihre Regierung können sie nicht zählen, wenn sie EU-Gelder in Anspruch nehmen wollen - im Gegenteil.

Wie haben Sie die Regierungsvertreter erlebt?

Lilie: Die Gespräche, die wir geführt haben, haben bei mir nicht den Eindruck hinterlassen, dass hier mit großem Nachdruck gegengesteuert wird. Ich habe eher Hilflosigkeit, auch ein Stückchen Ohnmacht erlebt. Zum Teil sind nicht einmal die Grundvoraussetzungen vorhanden, etwa aktuelle Daten über die Abwanderung oder die Zahl der Rückkehrer - geschweige denn Mittel, um nachhaltige Programme aufzusetzen.

Aber das müsste man tun, wenn man will, dass junge Fachkräfte und ihre Familien Gründe haben, in Rumänien zu bleiben. Da geht es ja nicht nur um Beschäftigung und Ausbildung. Da geht es auch um gute Kindergartenplätze, medizinische Versorgung, Schulen und andere Aspekte, die alle auch Standortfaktoren sind.

Gleichzeitig muss man mit den Regierungsverantwortlichen sprechen, egal welcher Regierung sie angehören. Und wir als Verband mit vielen verschiedenen Akteuren müssen sehen, ob wir ein Netzwerk mit den Nichtregierungsorganisationen hinbekommen, die in Rumänien arbeiten. Da sind wir, glaube ich, erst am Anfang. Auf komplexe Herausforderungen wie diese gibt es keine einfachen Antworten.