Historikerin: Proteste wie in Chemnitz sind nützlich

Proteste in Chemnitz

Foto: dpa/Jan Woitas

Demonstranten der rechten Szene in Chemnitz zünden Pyrotechnik und schwenken Deutschlandfahnen.

Deutschland spricht 2019
Historikerin: Proteste wie in Chemnitz sind nützlich
"Eine Gesellschaft lebt davon, dass sie sich durch Konflikte erschüttern lässt"
Die Vorsitzende des Deutschen Historikerverbandes, Eva Schlotheuber, hat den gesellschaftlichen Dissens, wie er sich derzeit in der Flüchtlingsfrage zeige, als normal und letztlich nützlich bewertet.

"Eine Gesellschaft lebt davon, dass sie sich durch Konflikte erschüttern lässt und sich in der Folge wandelt und weiterentwickelt", sagte die Professorin Eva Schlotheuber der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Donnerstag). Meinungsverschiedenheiten setzten den Prozess des Nachdenkens und damit der Anpassung an neue Gegebenheiten in Gang. Mit Blick auf die jüngsten Vorgänge in Sachsen sagte die in Düsseldorf lehrende Geschichtswissenschaftlerin: "Derart massive und anhaltende Proteste sind ein Anzeichen für eine gravierende gesellschaftliche Schieflage, der man auf jeden Fall aufmerksam und konstruktiv begegnen sollte. Das muss man aus historischer Perspektive ebenso nüchtern wie deutlich sagen, ohne dass man Extremisten hinterherlaufen darf."

Sie sehe mit Sorge, dass die Ausschreitungen in Chemnitz und deren Folgen nicht nur eine geteilte, sondern eine gespaltene Gesellschaft mitsamt Unversöhnlichkeit und Hass verdeutlichten. "In einer gespaltenen Gesellschaft fehlt die Bereitschaft zu einem wirklichen Dialog. Dann wird es für eine Demokratie schwierig", warnte die Historikerin. "Gespaltene Gesellschaften" lautet auch das Motto des 52. Historikertages vom 25. bis 28. September in Münster, dem mit mehr als 3.500 Teilnehmern größten geisteswissenschaftlichen Kongress in Europa.

Historisches Wissen schützt laut Schlotheuber vor Spaltung und Populismus. Es sei "ein gutes Wirkmittel gegen 'Fake News' und Geschichtsverfälschungen aller Art oder einfache populistische Antworten, wenn man sich selbstständig im historischen Raum orientieren kann". Sich mit der Vergangenheit zu befassen, setze die Fähigkeit voraus, "nicht die eigenen Vorstellungen und Sichtweisen in den Mittelpunkt" zu rücken, sondern zu versuchen "fremde Stimmen und Prozesse in Erfahrung zu bringen und zu verstehen". Historische Bildung schule daher Toleranz und Dialogbereitschaft.