Die Revolution der Bischöfe

Camara wurde als Bischof der Armen bekannt.

Foto: epd-bild / Norbert Neetz

Dom Hélder Câmara, der frühere brasilianische Erzbischof von Olinda und Recife, während einer Priesterweihe im Jahr 1981.

Eine Gruppe lateinamerikanischer Bischöfe will Elend und Unterdrückung nicht mehr hinnehmen. Sie treffen sich 1968 in Kolumbien und mahnen eine Kirche für die Armen an - es ist die Geburtsstunde der Befreiungstheologie. Ein Glaubenskampf beginnt.

Sie verstanden sich als Stimme der Armen und weigerten sich, Ungerechtigkeit als von Gott gegeben hinzunehmen. Dafür werden die Vertreter der Befreiungstheologie in Lateinamerika bis heute von der einfachen Bevölkerung verehrt. Doch von Staat und Kirche wurden sie beschimpft, unterdrückt und verfolgt.

"Wenn ich den Armen zu essen gebe, nennen sie mich einen Heiligen, aber wenn ich frage, warum die Armen nichts zu essen haben, schimpfen sie mich einen Kommunisten", lautet ein Kernsatz der Befreiungstheologie. Gesagt hat ihn Dom Hélder Câmara, brasilianischer Bischof und einer der Begründer der "Kirche für die Armen". Als Geburtsstunde der Befreiungstheologie gilt ein Treffen von Kirchenvertretern in Kolumbien vor 50 Jahren.

Bei der zweiten allgemeinen lateinamerikanischen Bischofskonferenz (Celam) Ende August 1968 in der kolumbianischen Stadt Medellín war Hélder Câmara das Sprachrohr der fortschrittlichen Geistlichen. Er prangerte die gewaltigen sozialen Ungerechtigkeiten auf dem Kontinent an, forderte eine Landreform für Kleinbauern und bessere Bildungschancen.

Der brasilianische Leonardo Boff, Óscar Romero, Erzbischof von San Salvador, und Ernesto Cardenal, ein von der katholischen Kirche suspendierter Priester, sind die bekanntesten Vertreter der Befreiungstheologie.

Neben Câmara gehörten zu den Vertretern der progressiven theologischen Strömung in Medellín Óscar Romero und Jon Sobrino aus El Salvador, der Nicaraguaner Ernesto Cardenal, Leonardo Boff aus Brasilien und der Peruaner Gustavo Gutiérrez. Der gab der Bewegung 1971 mit seinem Werk "Befreiungstheologie" ("Teología de la Liberación") den Namen.

Für die Priester war es Gottes Auftrag, runter von der Kanzel zu den Menschen zu gehen, den Armen eine Stimme zu geben und die Gesellschaft zu verändern. So entstanden zuerst in Brasilien und dann in ganz Lateinamerika zahlreiche Basisgemeinden, hauptsächlich in den armen Vororten der Großstädte und auf dem Land.

Rund 100.000 solcher Gemeinden gibt heute noch allein in Brasilien, schätzt Leonardo Boff. Nachbarn treffen sich, lesen gemeinsam die Bibel, geben sich Kraft und Unterstützung für ihr entbehrungsreiches Leben. Heute seien die kleinen Gemeinden auch eine Antwort auf fehlende Priester und ausgebliebene Reformen der Kirche, etwa beim Zölibat, der Rolle der Frau und der Familienmoral, sagt Boff.

Dass die progressiven Geistlichen, die sich als Sprachrohr der Unterdrückten verstanden, in Konflikt mit den Herrschenden geraten würden, lag in der Natur der Sache. In vielen lateinamerikanischen Ländern hatte in den 70er Jahren das Militär die Macht an sich gerissen. Sie bekämpften und verfolgten die Befreiungstheologen mit Härte, beschimpften sie als "Kommunisten mit christlicher Tarnung".

Doch nicht nur in ihren Heimatländern bildete sich massiver Widerstand gegen die "Kirche der Armen". Denn die Befreiungstheologen kritisierten auch die Nähe des Klerus zur Macht. Die Amtskirche in Rom wollte einen wortgewaltigen Theologen wie Câmara zum Schweigen bringen. Im Vatikan waren Papst Johannes Paul II. und der für Glaubenslehre zuständige Kardinal Joseph Ratzinger ihre schärfsten Widersacher. Sie vermuteten Marxismus hinter der neuen Bewegung und versuchten, die Priester aus der Kirche zu drängen. Boff wurde 1985 ein "Bußschweigen" auferlegt, Cardenal im gleichen Jahr suspendiert - beide wurden dadurch noch populärer.

Erst unter dem heutigen Papst Franziskus, der seit Beginn seiner Amtszeit 2013 eine "arme Kirche für die Armen" anmahnt, kommt es zur Versöhnung. Der Argentinier ging auf die Befreiungstheologen wie Boff zu und reichte ihnen offiziell die Hand. Zudem erkannte er den Märtyrertod des salvadorianischen Erzbischofs Óscar Romero an, der 1980 bei einer Predigt von paramilitärischen Scharfschützen erschossen worden war.

Romero gilt manchem seither als Friedensikone. Auch der damalige US-Präsident Barack Obama kniete bei einem Besuch in El Salvador an dessen Grab nieder. Im Oktober soll er heiliggesprochen werden. 2015 begann zudem der Prozess der Seligsprechung für den 1999 verstorbenen Hélder Câmara, forciert durch Papst Franziskus.

Auch wenn das Wort Befreiungstheologie heute seltener benutzt wird, sei die Bewegung nicht tot, meint Leonardo Boff. "Solange die Armen so viele sind in der Welt - und die Anzahl ist noch größer geworden -, besteht immer das Recht, die Befreiungstheologie zu bekräftigen und zu behaupten." Die Befreiungstheologie habe erreicht, dass ein neuer Typ von Christen verstanden hat, dass Glaube auch eine öffentliche und politische Dimension habe.