Wo man über das Sterben spricht

Death Café

Foto: Katrin Wienefeld

Melanie Torney (von links nach rechts), Ute Arndt und Ina Hattebier vom Netzwerk Trauerkultur.

Über den Tod zu reden ist eine gute Art, zusammen zu sein. Das sagte sich Ute Arndt vor einem Jahr, als sie das erste Mal von einem Death Café hörte. Mittlerweile lädt die Trauerbegleiterin aus Norddeutschland regelmäßig zu den existenziellen Themenabenden in Hamburg ein, der Zuspruch ist groß. Wichtig dabei: Es gibt Kaffee und Kuchen.

Ein bisschen morbid klingt es, was auf der rosafarbenen Einladungskarte zu lesen ist: "Death Café Hamburg Nr. 4" steht in großen Buchstaben darauf und unter einer Zeichnung mit Totenkopf und Tortenstück ist die Frage zu lesen: "Earth, wind or fire – braucht Gedenken einen festen Ort?". Eingeladen hat das Hamburger Netzwerk für Trauerkultur, das Event findet in den Räumen zweier Bestatterinnen statt und zu allem Überfluss regnet es. Fröhlich wird es nicht an diesem Abend, da bin ich mir sicher. Doch es kommt anders: Bis zum Ende des Treffens werde ich eine der anregendsten Diskussionen meines Lebens geführt haben.

In einem dezent beleuchteten Raum, in dem ansonsten Angehörige Abschied von Gestorbenen nehmen, aber auch kleine Konzerte stattfinden, sitzen 22 Gäste um vier runde Tische, hauptsächlich Frauen im Alter zwischen 40 und 60 Jahren. Herzlich normal sehen sie aus, sie haben weder gruftiehafte Kleidung an noch wirken sie düster. Da ist zum Beispiel Claudia, blonder Stoppelschnitt, offenes Gesicht und Lachfalten um die Augen. Seit sie ihre Mutter beim Sterben begleitet habe, beschäftige sie sich intensiver mit dem Thema, erzählt die 50-Jährige. Neben ihr sitzt die 55-jährige Monika, die ganz neugierig auf die Gespräche ist. "Ich will wissen, was Begräbnisse für mich bedeuten. Noch bin ich zwiespältig. Trauern gehört zu unserer Kultur, doch ich bin jedes Mal froh, wenn diese anstrengenden Trauerfeiern vorbei sind", meint sie.

Death Cafés weltweit

Die Idee eines Death Cafés ist charmant und keineswegs lebensverneinend: In zwangloser Atmosphäre treffen sich Interessierte und reden offen über den Tod und das Lebensende. Die Ursprünge liegen in der Schweiz und in England. Bernard Crettaz, Schweizer Soziologe, bemerkte während einer Projektarbeit, dass das Thema Tod vielen Menschen wichtig ist, sich jedoch kaum jemand traute, es anzusprechen. Der Wissenschaftler veranstaltete 2004 versuchsweise ein "Café mortel". Von ihm inspiriert initiierte der Brite Jon Underwood 2011 in London ein Death Café, hatte enormen Erfolg und gründete die gleichnamige Non-profit-Organisation. Mittlerweile soll es in mehr als 51 Ländern die Talkrunden geben, rund 20 davon in Deutschland. Manche nennen sich "Café Tod", andere wie das Bonner "Café Totentanz" funktionieren nach anderen Regeln und einige schliefen nach ein paar Treffen ein.

Ein fröhliches Design läd ein ins Death Café in Hamburg.

Dass es in Hamburg so gut klappt, ein fünftes Death Café ist während der Hamburger Hospizwoche Mitte Oktober geplant, liegt vielleicht auch an Trauerbegleiterin Ute Arndt, die mit der Künstlerin Ina Hattebier und den Designern Melanie Torney und Carsten Seidel vor einem Jahr das Netzwerk für Trauerkultur gegründet hat. Sie wollen nicht belehren oder eine Podiumsdiskussion veranstalten, meint die energiegeladene 59-Jährige, die jeden Gast begrüßt und so mögliche Scheu nimmt. Ihr Ziel sei es, "Orte zu schaffen, an denen Menschen über Tod und Sterben reden können, ohne dass sie einen zwingenden Anlass dafür haben müssen. Wo sie erzählen können, was sie denken, was sie erlebt haben." Der wichtigste Grundsatz: Ein Death Café ist weder Trauer- noch Selbsthilfegruppe, sondern ein offenes, kostenloses Angebot. Der Zweitwichtigste: Snacks und Getränke stehen bereit, denn gut genährt redet es sich besser über den Tod. "Oft kommen Menschen, denen der Tod näher gerückt ist, weil die Eltern älter werden oder im Freundeskreis jemand gestorben ist. Eine 16-Jährige hat mir neulich gesagt, sie könne mit keinem ihrer Freunde über den Tod reden, die Gleichaltrigen beschäftigen sich nicht damit", sagt Künstlerin Hattebier, die Urnen mit Papier schmückt.

Gedenken jenseits der Friedhöfe

Wir knabbern Kekse, trinken Saft oder Bier und reden über das Thema des Abends: Wo sollen Verstorbene sein? Brauchen wir Friedhöfe? Brauche ich den Namen auf einem Grabstein? In meiner siebenköpfigen Runde gibt es kein Stottern, kein verlegenes Lächeln, das Gespräch beginnt sofort. "Ich finde, es braucht einen Ort. Anonyme Beisetzungen sind traurig", sagt Gyde, während Claudia ganz angetan von dem Ruhewald auf dem Ohlsdorfer Friedhof ist. "Kürzlich ist ein Freund von mir dort bestattet worden. Dort stehen Bänke, ein Bach fließt und vor allem sind andere Menschen da. Das gefällt mir besser als zu einem Grab zu gehen, wo auf einem Grabstein ein oder zwei Namen stehen und ich bin allein. Das hat so was Schweres", sagt sie.

Was Thomas erzählt, ist unglaublich. Er habe zwischen 2007 und 2015 vierzehn Todesfälle erlebt, sagt der 56-jährige Journalist, der anfänglich schweigsam war. Die Schwester, die Mutter, der Vater, enge Freunde. Dennoch sagt er: "Gräber sind keine Orte, zu denen ich hingehe. Ich habe eher Bilder der Menschen zu Hause hängen. Neulich bin ich in Stadtviertel in Frankfurt gegangen, die mich mit einem guten Freund verbanden."

Alle horchen auf, als Karin schmunzelnd erzählt, dass sie einen Baum im Hamburger Stadtpark habe pflanzen lassen und darunter die Asche ihres Mannes eingegraben. "Das ist natürlich nicht offiziell erlaubt, aber es hat keiner verboten", sagt sie. Schwupps sind wir beim Thema Friedhofspflicht, nach der Gebeine von Verstorbenen nur auf Friedhöfen begraben werden dürfen, Ausnahmen sind See- und Naturbestattungen. Einzig das Bundesland Bremen hat diese Pflicht vor zwei Jahren aufgehoben. Wer mag, darf dort die Asche im Garten verstreuen. Doch was passiert eigentlich, wenn Freunde des Toten diese letzte Ruhestätte besuchen wollen, sich aber nicht mit dem Besitzer des Gartens verstehen? Spannende Frage!

Was ich in dieser Stunde von mir unbekannten Leuten erfahre, ist sehr privat, aber nie intim oder rührselig. Jeder hört dem anderen zu, neue Aspekte werden erörtert. Eine so lebendige Diskussion ist ein Glücksereignis. "Da setzen sich Menschen, die sich nicht kennen, um einen Tisch, erzählen sich alles, haben ein offenes Ohr, obwohl sie nicht aus meinem Berufszweig kommen. Ich finde es toll", sagt Veranstalterin Arndt später. Eine Erfahrung, die auch Katja de Bragança vom Café Totentanz macht: " Es kommt nicht auf das Alter an. Übers Sterben macht sich jeder Gedanken", sagt sie über die Cafés.

Eine Wortschöpfung nehme ich mit nach Hause: Reihenhausfriedhof als Umschreibung für "herkömmliche" Friedhöfe - ob evangelisch oder katholisch - mit ihren oft schnurgeraden Grabreihen, rechteckigen Grabstellen und zumeist grauen Grabsteinen. Und ich habe gelernt, das alles, was mit Begräbnissen zu tun hat, von persönlichen Vorlieben abhängt. Ob Ruhewald, Grabstätte oder anonym, auch bei Bestattungen lässt sich nicht über Geschmack streiten.