TV-Tipp: "About a Girl" (10.5., ARD, 20.15 Uhr)

TV-Tipp: "About a Girl" (10.5., ARD, 20.15 Uhr)
Es wird kein Zufall sein, dass der Titel dieser herausragend guten Tragikomödie an Nick Hornbys Frühwerk "About a Boy" erinnert: Mit einer perfekt austarierten Mischung aus Ironie und Empathie trifft Mark Monheim bei seinem bemerkenswert reifen Regiedebüt exakt den gleichen Tonfall wie der englische Erfolgsautor.

Heldin der Geschichte – das Drehbuch schrieb Monheim gemeinsam mit Produzent Martin Rehbock – ist die junge Charleen (Jasna Fritzi Bauer), die ein ganz normales Teenagerleben führt. Ihre Gedanken sind allerdings etwas düsterer als die von anderen Mädchen in ihrem Alter, und als sie auf die typische Pubertätsfrage nach dem Sinn des Lebens keine befriedigende Antwort findet, will sie es kurzerhand beenden und stellt sich mit einem Föhn in die Badewanne. Als sie wieder zu sich kommt, wird ihr im Krankenhaus der "Selbstmörderteller" serviert: mit Plastikbesteck.

Der ARD gebührt ein Sonderlob, dass sie diesen vom Bayerischen Rundfunk koproduzierten Kinofilm (2015, knapp 50.000 Zuschauer) nicht wie andere Debüts erst mitten in der Nacht ausstrahlt, sondern schon um 20.15 Uhr zeigt: weil die Komödie Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen anspricht. Unbedingt sehenswert ist Jasna Fritzi Bauer, und das nicht bloß, weil sie so überzeugend missmutig dreinblicken kann. Eine Überraschung ist ihre Leistung allerdings nicht; sie war zuvor schon in der Tourette-Komödie "Ein Tick anders" (2011) ein Ereignis. Bei den Dreharbeiten zu "About a Girl" war die zierliche Schweizerin bereits 24, doch selbst das passt: Körperlich ist Charleen knapp 16, aber geistig ist sie viel weiter.

Der Hauptdarstellerin ist es auch zu verdanken, dass die gelegentlich etwas überbordenden Kommentare nicht stören. Wenn das Mädchen zu Beginn seine Familie vorstellt, erinnert der Film an die Kinderkanal-Dokureihe "Schau in meine Welt!" ("Das ist meine Mutter"). Ungleich origineller ist Charleens für dieses Alter gar nicht mal untypische morbide Ader: Die Popstars an den Wänden ihres Zimmers sind allesamt verstorben (die Filmsongs stammen allerdings von Sebastian Pille und sind eigens für "About a Girl" komponiert worden). Ihr Berufspraktikum macht sie bei einem Bestatter; die Toten, findet sie, "sehen glücklich und zufrieden aus." Noch während der Einführung sorgt Monheim für ein Gegengewicht zu dieser düsteren Seite seiner Heldin, indem er beiläufige Slapstick-Elemente einstreut.

Gerade diese Mischung aus Lebensmüdigkeit und Übermut ist Monheim ganz wunderbar gelungen. Einerseits schildert er realistisch, wie es für Charleen weitergeht, andererseits sorgt er immer wieder dafür, dass die Komödie nie vollends ins Drama umschlägt, obwohl das Mädchen lauter verwirrende und emotional widersprüchliche Erfahrungen verkraften muss: Sie verkracht sich mit ihrer besten Freundin Isa (Amelie Plass-Link) und verliebt sich ausgerechnet in den von seinen Mitschülern gemobbten Streber Linus (Sandro Lohmann), der den gleichen Psychotherapeuten wie sie besucht; dann stirbt auch noch ihre geliebte lebenskluge Oma (Dorothea Walda), und über allem schwebt die Drohung einer voreingenommenen Mitarbeiterin des sozialpsychiatrischen Dienstes, sie in eine geschlossene Anstalt einzuweisen. Kein Wunder, dass das alles zu viel für einen jungen Menschen ist, der sich ohnehin in einem Zustand potenzieller Verwirrung befindet.

Eine ganz besondere Qualität des Drehbuchs ist der Umgang mit dem gerade in einem Jugenddrama heiklen Thema Suizid; von Goethes "Werther" bis zum ZDF-Mehrteiler "Tod eines Schülers" gibt es genug Beispiele aus Literatur, Fernsehen und Kino, die Jugendliche zur Nachahmung angeregt haben. Die gleich zweifach vermittelte Botschaft, das Leben sei ein Geschenk, dessen Wert sich erst im Angesicht des Todes erschließt, mag schlicht klingen, ist aber äußerst überzeugend verpackt. Das hat auch mit der Gestaltung der Nebenfiguren zu tun, die nur auf den ersten Blick klischeehaft sind; sogar die vermeintlich oberflächliche Isa offenbart am Ende eine ungeahnte Seite. Dass in Charleens Leben große emotionale Unordnung herrscht, liegt nicht zuletzt an ihrer zwar liebevollen, aber auch etwas überfordert wirkenden Mutter Sabine. In anderen Filmen merkt man Heike Makatsch mitunter an, dass sie eine Rolle spielt; davon ist hier nichts zu spüren. Selbst Charleens nichtsnutziger Erzeuger Jeff (Aurel Manthei), der sich früh aus dem Staub gemacht hat, ist schließlich doch zu etwas nütze. Besonders interessant ist die Rolle des Therapeuten (Nikolaus Frei), der einen eher amüsierten als besorgten Eindruck macht, aber eine clevere Methode findet, um Charleen aus ihrer Reserve zu locken.

Monheim und Koautor Rehbock gönnen den Nebenfiguren zudem verblüffende Auftritte, wenn auch oft bloß in Charleens Kopfkino. Das beginnt bereits mit dem Prolog, in dem sich das Mädchen daran erinnert, wie Jeff von Sabine vor die Tür gesetzt und dann von einem Laster überfahren wurde; später muss sie einräumen, dass sich der Raufwurf in Wirklichkeit etwas anders zugetragen hat. Je nach Laune lässt sie auch Linus solche Anschläge mal überleben (ein Auto verfehlt ihn), mal nicht (ein Kühlschrank erschlägt ihn aus buchstäblich heiterem Himmel). Auch sonst ist der Tod ständig präsent: Weil Charleen mit ihrer Polaroidkamera tote Tiere fotografiert, hängt Linus eines Tages scheinbar leblos überm Zaun; und als er ihr demonstrieren will, dass die Selbstmordmethode mit Föhn in der Wanne wenig aussichtsreich ist, stirbt beinahe sein Hamster. Monheim setzt diese kleinen Vorfälle mit einer beeindruckenden Souveränität in Szene. Umso erstaunlicher ist die Belanglosigkeit der beiden "Fanny"-Freitagsfilme mit Jutta Speidel, die er anschließend im Auftrag der ARD-Tochter Degeto gedreht hat.

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