Evakuierung aus Ost-Aleppo verzögert sich

Stellung syrischer Regierungssoldaten in Ost-Aleppo.

Foto: dpa/Stringer

Stellung syrischer Regierungssoldaten in Ost-Aleppo.

Evakuierung aus Ost-Aleppo verzögert sich
Assad widersetzt sich offenbar einer Waffenruhe
Syriens Assad-Regime setzt weiter auf Gewalt: Die vereinbarte Evakuierung von Rebellen und ihrer Familien aus Ost-Aleppo hat sich am Mittwoch laut der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte verzögert. Die Truppen des Machthabers Baschar al-Assad verhinderten den Abzug aus der früheren Rebellenhochburg. Gleichzeitig meldeten Helfer neue Angriffe auf Ost-Aleppo.

Assad will laut der Beobachtungsstelle seinem Verbündeten Russland zeigen, dass er mit der Evakuierung nicht völlig einverstanden sei. Den Angaben nach bevorzugt Assad die "militärische Aktion als erste Wahl". Russland und die Türkei hätten sich auf die Evakuierung geeinigt, ohne Assad einzubinden. Zudem sollte eine Waffenruhe in Kraft treten, um die wochenlange blutige Schlacht um Ost-Aleppo vorläufig zu beenden.

Die UN waren nach Angaben des Büros zur Koordinierung humanitärer Hilfe nicht direkt an dem Prozess beteiligt. "Die Lage ist sehr unübersichtlich", sagte ein UN-Sprecher. Assad-Truppen hatten Ost-Aleppo fast komplett unter ihre Kontrolle gebracht und damit einen strategisch bedeutenden Sieg in dem 2011 begonnenen Bürgerkrieg errungen.

"Die Menschen sind völlig verzweifelt"

Die Organisation "The Syrian Campaign" erhielt verzweifelte Berichte aus Aleppo. Auf Evakuierung hoffende Menschen hätten die ganze Nacht gewartet, sagte Anna Nolan dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Und dann fand die Evakuierung nicht statt." Nolan steht von Berlin aus mit Mitarbeitern der syrischen Zivilgesellschaft wie den Weißhelmen in Kontakt steht. Die Angriffe seien wieder aufgenommen worden, dabei seien neue Luftschläge besonders besorgniserregend. 

Weiter seien Berichte kursiert, wonach Milizen selbst die Evakuierung von Kranken blockiert hätten. Und derweil seien die Busse, die die Menschen aus Aleppo holen sollten, wieder abgefahren. "Die Menschen sind völlig verzweifelt", sagte Nolan. Rund 100.000 Zivilisten sind noch im Osten Aleppos eingeschlossen. Seit Anfang Juli konnten die UN und Hilfsorganisationen keine Lebensmittel und Medikamente mehr zu den Menschen in dem Territorium liefern, das von Assad-Truppen abgeriegelt wurde. Syrische und russische Militärjets bombardierten Ost-Aleppo.



Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, beklagte die Situation der Menschen. Im Interview mit dem epd betonte er: "Die verzweifelte Lage in Aleppo bewegt uns zutiefst." Er wies auf die begrenzte Handlungsmöglichkeit der Kirchen hin. Ihre Rolle sei es aber, die Welt auf die Lage hinzuweisen. "Es ist ein Trauerspiel, wie die Menschen in Aleppo Opfer internationaler Machtpolitik werden", sagte er.

Unterdessen forderte die Juristin Carla Del Ponte, Mitglied der unabhängigen internationalen UN-Untersuchungskommission für Syrien, ein Sondertribunal für Kriegsverbrecher. Nach fünf Jahren Krieg in Syrien sei die "Zahl der Verbrechen so groß", dass ein Sondergericht wie im Fall von Jugoslawien nötig sei, sagte Del Ponte der Wochenzeitung "Die Zeit". Die Schweizer Juristin war acht Jahre lang Chefanklägerin am Jugoslawien-Tribunal in Den Haag.

World Vision plant Verteilung von Decken, Matratzen, Wasser

Angesichts der möglichen Evakuierung weiter Teile von Aleppo bereitete sich die Hilfsorganisation World Vision auf einen Einsatz für Flüchtlinge aus der zerstörten Stadt vor. In den umliegenden Gebieten der Stadt sollen den Angaben nach bis zu 100.000 Menschen mit Hilfsgütern versorgt werden. World Vision plant die Verteilung von Decken, Matratzen, Trinkwasser und Hygieneartikeln. 

Russland hatte am Dienstag die Assad-Truppen zum Sieger der Schlacht von Aleppo erklärt. In Syriens Bürgerkrieg kämpfen das Regime, Rebellengruppen und Terrormilizen um die Macht. Rund 400.000 Menschen kamen seit Beginn der Kämpfe 2011 ums Leben. Millionen Männer, Frauen und Kinder sind auf der Flucht.

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