"Ich glaube nicht an das menschliche Konstrukt eines Gottes"

Gretta Vosper sitzt auf einer Kirchenbank in der "West Hill"-Kirche.

Foto: Toronto Star via Getty Images/Michael Stuparyk

Gretta Vosper leitet seit 19 Jahren die "West Hill"-Gemeinde in Toronto (Archiv).

"Ich glaube nicht an das menschliche Konstrukt eines Gottes"
Die kanadische Pastorin Gretta Vosper will trotzdem im Amt bleiben
Geht das: Atheistin sein und trotzdem Pastorin einer Kirchengemeinde? Die größte protestantische Kirche in Kanada will das in Kürze entscheiden. Der Pfarrerin der "West Hill"-Gemeinde in Toronto, Gretta Vosper, droht der Rauswurf.

Sie sei Atheistin, bekennt die 57-jährige Pastorin Gretta Vosper von der United Church of Canada (UCC) - ohne Wenn und Aber. "Ich glaube nicht an das menschliche Konstrukt eines Gottes", sagt sie dem Evangelischen Pressedienst (epd). Jesus sei eine geschichtliche Figur und die Bibel "ein fehlerhaftes menschengeschriebenes Buch".

Ihre "West Hill"-Gemeinde hält zu ihr, denn viele Mitglieder sind offenbar gemeinsam unterwegs mit ihrer Pastorin. Beim wöchentlichen Zusammenkommen verzichten die rund 100 Mitglieder auf die Bibel und das "Vater Unser". In einem "Missionsauftrag" der Gemeinde heißt es: "Aus Ehrfurcht vor dem Leben streben wir nach Gerechtigkeit für alle, wir stärken einander bei der Suche nach Wahrheit."

Handlungen sind wichtiger als Glaube

Doch die Führung der United Church of Canada will dieser Entwicklung offenbar nicht länger zusehen. Sie hat ein Verfahren eingeleitet, das mit einer Amtsenthebung enden könnte. Es gehe um Vospers "Tauglichkeit". Viele in der Kirche machten sich Sorgen um Vospers Haltung, sagte Pastor David Allen, Exekutivsekretär der Toronto-Konferenz der UCC. Er selber wisse von keinem anderen Fall in der "sehr liberalen UCC", bei dem ein Pastor seinen Glauben verleugnet habe und dennoch im Amt bleiben wollte.

Auch in den Medien gab es negative Berichte zur atheistischen Pastorin. Die UCC wurde 1925 durch einen Zusammenschluss presbyterianischer, methodistischer und kongregationalistischer Kirchen gegründet. Bei Umfragen sagen etwa zwei Millionen Kanadier, sie gehörten der Kirche an. 436.000 sind nach Kirchenangaben konfirmiert, Tendenz abnehmend.



Die Mitglieder ihrer "West Hill"-Gemeinde seien sehr unterschiedlich, sagt Vosper: vom traditionellen Christen reicht die Bandbreite bis hin zum Freidenker. Menschen auf der Suche nach einer Ausrichtung für ihr Leben sind darunter, andere fragen sich, wie man sich am besten um die Mitmenschen sorgt. Handlungen seien wichtiger als Glauben.

Als Vosper 1992 zur UCC-Pastorin geweiht wurde, antwortete sie mit Ja auf die Frage, ob sie an Gott glaube, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Schon damals habe sie das symbolisch verstanden, sagt Vosper heute. Seit 19 Jahren leitet sie die "West Hill"-Gemeinde. 2001 predigte sie erstmals, sie glaube nicht an einen "interventionistischen, übernatürlichen Gott".

Nächster Schritt: Anhörung Vospers am 16. Juni

Als die Gemeinde nach und nach Hinweise auf Gott entfernte, blieben manche Mitglieder weg, neue kamen dazu. 2008 fasste Gretta Vosper ihre Überzeugung zusammen in dem Buch "Mit oder ohne Gott": Sie finde keinen triftigen Grund für den Glauben an einen persönlichen Gott. Es gebe wohl eine Realität des "Anderen" außerhalb des Menschlichen, räumte sie ein. Doch ob dieses Andere ein anderes Wesen und Gott beinhalte, "das weiß ich einfach nicht". Die UCC-Kirchenführung lobte damals laut der Zeitung "Toronto Star", Vosper vertiefe die Diskussion über den Glauben.

Aber dann ging Vosper offenbar zu weit für die UCC. 2013 beschrieb sie sich erstmals als Atheistin. Sie wollte klar machen, wo sie steht. Es sei auch ein Zeichen der Solidarität mit Menschen, die im Namen des Glaubens an einen allmächtigen Gott verfolgt würden.

Vosper wirft der Kirche Arroganz vor. Unter Theologen und in der akademische Welt sei es üblich, sich über die Existenz Gottes Gedanken zu machen. Doch von Pastoren werde erwartet, dass "sie die Kirchgänger nicht beunruhigen". Das müsse aufhören, meint Vosper. Kirchen müssten "Menschen als Erwachsene behandeln".



Dass die United Church of Canada nun ein Verfahren gegen sie eingeleitet habe, das treffe sie hart. "Ich bin doch ein Produkt dieser Kirche". Und die Neuorientierung des Glaubens werde letztendlich auch der Kirche neues Leben einflößen.

Nächster Schritt ist eine Anhörung Vospers am 16. Juni. Der Ausgang des Verfahrens sei offen, betonte Allen. Es gebe drei Möglichkeiten: nichts zu unternehmen, Vosper zu Studium und zur Besinnung aufzufordern, oder die Pastorin des Amtes zu entheben.

Gretta Vosper ist nicht die erste Vertreterin aus der Pfarrerschaft, die mit steilen Thesen Widerspruch auslöst. So sorgte der niederländische Pfarrer Klaas Hendrikse 2007 mit seinem Buch "Glauben an einen Gott, der nicht besteht - Ein atheistisches Manifest" landesweit für heftige Debatten. Die regionale Kirchenleitung entschied 2010, Hendrikse könne im Amt bleiben. 2013 erschien sein Buch "Glauben an einen Gott, den es nicht gibt".