Streit über Wiederzulassung von Glyphosat bis zur letzten Minute

In der kommenden Woche will die EU über die Verlängerung der Zulassung des umstrittenen Pflanzengiftes Glyphosat entscheiden. Es steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Eine neue Studie könnte den Kritikern Aufwind geben.

Berlin (epd)Die große Mehrheit der Deutschen ist einer Studie zufolge erheblich mit dem Ackergift Glyphosat belastet. Bei drei Viertel der Deutschen (75 Prozent) liege die Belastung mit mindestens 0,5 Mikrogramm pro Liter um ein Fünffaches über dem Grenzwert für Trinkwasser, der bei 0,1 Mikrogramm pro Liter liege, heißt es in der am Freitag in Berlin vorgestellten Studie der Bürgerinitiative Landwende. Das weltweit am meisten genutzte Unkrautbekämpfungsmittel steht im Verdacht, krebserregend zu sein.

Verbot gefordert

Grundlage der Untersuchung waren mehr als 2.000 Urinproben, die bundesweit um die Jahreswende erhoben wurden. Die Initiatoren der "Urinale 2015" genannten Untersuchung fordern nun weitere staatliche Studien über die gesundheitlichen Folgen des Pflanzenschutzmittels im menschlichen Körper.

Hintergrund ist die ab Anfang nächster Woche anstehende Entscheidung der EU-Staaten über eine Verlängerung der Zulassung des Spritzmittels um 15 Jahre. Umweltschützer halten den Wirkstoff für hochgiftig und fordern seit Jahren ein Verbot. Während die Weltgesundheitsorganisation WHO Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend" einstuft, sehen Aufsichtsbehörden in Deutschland, wie das Bundesinstitut für Risikobewertung, und der EU bislang keine Gesundheitsgefährdung.

Das sehen zahlreiche Umwelt- und Entwicklungsorganisationen anders und fordern von der Bundesregierung, gegen eine weitere Zulassung von Glyphosat zu stimmen. Die EU-Kommission muss bis Ende Juni darüber entscheiden. Schweden hat bereits angekündigt, gegen eine weitere Zulassung zu stimmen. Für Deutschland wird über ein Verbot für den privaten Gebrauch spekuliert.

Die Entwicklungsorganisation "Brot für die Welt" erklärte am Freitag in Berlin, die weitere Zulassung von Glyphosat sei "ein fatales Signal" für eine verfehlte Agrarpolitik. Der Bund Ökologische Landwirtschaft teilte mit, "wer für Glyphosat stimmt, torpediert den notwendigen Umbau der Landwirtschaft" und zerstöre die eigenen Produktionsgrundlagen Böden, Wasser und Artenvielfalt.

Experten streiten

Das Besondere an der am Freitag vorgestellten Urinale-Studie: Ihre Teilnehmer zahlten die rund 55 Euro pro Untersuchung aus der eigenen Tasche. Unterstützt wurde die Erhebung durch die Biosupermarktkette basic. Die Bürgerinitiative Landwende als Initiatorin der Studie war nach einer Herbizid-Havarie im September 2001 in Mecklenburg-Vorpommern entstanden.

Laut der Leiterin der Studie, der Leipziger Bakteriologin und Tierärztin Monika Krüger, sind die am meisten mit Glyphosat Belasteten Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre sowie Landwirte. Ein Drittel der Bevölkerung habe sogar eine zehnfache bis zu 42-fache Menge der für Trinkwasser zulässigen Grenzwerte im Urin, so die ehemalige Leiterin des Institutes für Bakteriologie und Mykologie der Universität Leipzig. Insgesamt ließen sich bei 99,6 Prozent von insgesamt 2.009 Probanden eindeutig Glyphosatrückstände nachweisen. "Es ist die zahlenmäßig bisher größte Untersuchung dieser Art weltweit", betonte Krüger.

Der Sprecher für Gentechnik- und Bioökonomiepolitik der Grünen-Bundestagsfraktion, Harald Ebner, warnte als Reaktion auf die neue Studie vor einer "überstürzten Neuzulassung" des Agrargiftes: "Bei Glyphosat darf es kein Weiter-So geben." Der Expertenstreit ist noch in vollem Gange: So stehen die Glyphosat-Bewertungen der Europäischen Chemikalien-Agentur (ECHA) und der gemeinsamen Pestizid-Komission (JMPR) der UN-Weltgesundheits- und Ernährungsorganisationen WHO und FAO noch aus.