Kirche im Lager Friedland stößt an ihre Grenzen

Martin Steinberg, Lagerpfarrer in Friedland

Foto: epd-bild / Jens Schulze

Kirche im Lager Friedland stößt an ihre Grenzen
Im Grenzdurchganglager Friedland kann sich die evangelische Kirche nicht mehr um alle Flüchtlinge kümmern.

Zurzeit seien in dem Lager bei Göttingen, das für 400-800 Menschen ausgelegt sei, bis zu 2500 Menschen gleichzeitig untergebracht, sagte Pastor Martin Steinberg von der Inneren Mission Friedland. Die diakonische Einrichtung bietet in dem Erstaufnahmelager Seelsorge, Beratung, eine Kleiderkammer und Kinderbetreuung an. "Die Menschen, die nur kurz da sind, erreichen wir nicht mehr", bedauert der evangelische Pastor. Er und sein Team würden die Situation dadurch versuchen zu bewältigen, dass sie "früher aufstehen, später schlafen gehen und zwischendurch schneller laufen", sagte Steinberg.

Den Flüchtlingen könne die diakonische Einrichtung momentan nur Gruppen- statt Einzelberatung anbieten. Mehr Dolmetscher seien notwendig, sagte Steinberg. Das Beratungspersonal aufzustocken, sei für die Innere Mission dagegen keine Option: Zum einen müssten die Berater geschult sein, zum andern wolle man keine Überkapazitäten aufbauen.

Der evangelische Pastor betonte aber, dass die vielen Flüchtlinge in Friedland alle mit einem Dach über dem Kopf, Essen und Kleidung versorgt würden. "Sie bekommen das, was sie brauchen, aber leider nicht mehr." Die Hauptlast trügen ohnehin die Kommunen, in die die Flüchtlinge nach ihrem kurzen Aufenthalt in Friedland verteilt würden. "Ich erlebe die Menschen auf der politischen Ebene als gut ausgebildet und sehr engagiert", sagte Steinberg. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sowie das Land bräuchten allerdings mehr Personal.

Am Montag hatte das unabhängige Beratungs- und Aktionszentrum (BAZ) Friedland die Situation im Lager als "untragbar" bezeichnet. Flüchtlinge müssten in überfüllten Zelten und teilweise auf sehr dünnen Matratzen schlafen. Bis zu 20 Personen teilten sich ein Zimmer, viele schliefen in den Gängen. Auch die medizinische Versorgung sei nicht gewährleistet, eine ausführliche Erstuntersuchung finde zum Teil erst nach einem Monat statt.

Flüchtlinge hätten zudem berichtet, dass sie in der Regel länger als eine Stunde bei der Essensausgabe warten müssten und von den Portionen nicht satt würden. Weil das Taschengeld meist erst nach einem Monat ausgezahlt werde, könnten viele Flüchtlinge weder selbstständig Essen einkaufen noch mit der Bahn nach Göttingen fahren. Das außerhalb des Lagergeländes gelegene Beratungs- und Aktionszentrum bietet Flüchtlingen Sprachkurse, Beratungen und Internetnutzung an. Außerdem werden dort Kontakte zu Rechtsanwälten und Mitfahrgelegenheiten vermittelt.

Das niedersächsische Innenministerium in Hannover wisse um die "angespannte Situation" in Friedland und den anderen Erstaufnahmen, sagte Sprecher Matthias Eichler dem epd. Das Ministerium tue gleichwohl alles, um die Lage für die Flüchtlinge zu verbessern. Zudem werde "mit Hochdruck" an der Eröffnung weiterer Erstaufnahmen gearbeitet. "Wir gehen davon aus, dass wir noch in diesem Jahr eine sechste und im ersten Quartal 2016 eine siebte Einrichtung in Betrieb haben werden", sagt Eichler.

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