Nepal vor dem Neuanfang

Wiederaufbau nach Erdbeben in Nepal: Familie mit Vorräten.

Foto: Diakonie Katastrophenhilfe

Nepal vor dem Neuanfang
Die Diakonie Katastrophenhilfe ist seit drei Monaten im Erdbebengebiet im Einsatz
"Viele Leute wollen fort", sagt Frame Singh, einer der Überlebenden der schweren Erdbeben in Nepal im April und Mai dieses Jahres. Er selbst und seine Frau Aaitia sind entschlossen zu bleiben, auch wenn ihr Sohn künftig wohl anderswo zur Schule gehen muss. "Wir bauen unser Haus wieder auf", sagt Singh. Die meisten Menschen in den zerstörten Regionen packen kräftig an, um den Wiederaufbau ihrer Dörfer voranzubringen.

So wie Singh beginnen die Betroffenen auf eigene Faust und mit dem Wenigen, was ihnen an Werkzeug und Material zur Verfügung steht, die Trümmer zu beseitigen, übrig gebliebene Bauteile abzutragen und ihre Häuser instand zu setzen. Die Regierung hat Poster und anderes Informationsmaterial veröffentlicht, das auf Gefahren bei der Trümmerbeseitigung hinweist und Tipps gibt, wie man sich schützen kann. "Die gegenseitige Hilfsbereitschaft und der Zusammenhalt der Menschen in den Dörfern und Gemeinden im Erdbebengebiet sind hoch", sagt Michael Frischmuth, Asien-Referent der Diakonie Katastrophenhilfe. "Das hilft, mit der schwierigen Situation fertig zu werden." In den betroffenen Regionen herrsche eine Mischung aus Zuversicht und Verzweiflung, so schildern es die Partnerorganisationen der Diakonie Katastrophenhilfe, die vor Ort im Einsatz sind.

Denn drei Monate nach den verheerenden Beben, bei denen rund 9.000 Menschen ihr Leben verloren, brauchen die Menschen dort weiterhin dringend Hilfe, betont das evangelische Hilfswerk. Etwa acht Millionen Menschen sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen von den Folgen der Beben betroffen. Die Diakonie Katastrophenhilfe und deren Partnerorganisationen vor Ort sind seit April dieses Jahres in der bergigen Region im Einsatz: zunächst auf der Suche nach verschütteten Opfern und Verletzten, mittlerweile für den Wiederaufbau des Landes.

Regionen abseits der Hauptverkehrswege erreichen

Die Hilfsorganisationen bringen Nahrungsmittel und sauberes Trinkwasser, Medikamente, Hygienesets, Haushaltsbedarf, Planen, Decken und Baumaterial in die Himalaya-Region. Möglich machen das unter anderem Spenden: Insgesamt hat die Diakonie Katastrophenhilfe nach eigenen Angaben rund 7,7 Millionen Euro für die Erdbebenhilfe in Nepal erhalten (Stand: 22. Juli). Damit hat sie seither sechs Projekte mit rund 3,8 Millionen Euro auf den Weg gebracht. Bis Ende Juni erreichten die Hilfsgüter etwa 285.000 Menschen.

"Die Diakonie Katastrophenhilfe ist aufgrund der Zusammenarbeit mit erfahrenen lokalen Partnerorganisationen in der Lage, auch Regionen abseits der Hauptverkehrswege zu erreichen und zu versorgen", sagt Frischmuth. "Bisher konnten alle Hilfsleistungen ohne den teuren Transportaufwand von Importen bewältigt werden, insbesondere aufgrund der Kenntnisse und Kontakte der lokalen Partner."

Im Dhading-Distrikt beispielsweise konnte die dort tätige Partnerorganisation bislang mehr als 12.179 Familien in acht Dörfern mit Nahrungsmittelrationen, Haushalts- und Hygienebedarf sowie Planen und Wellblech versorgen. Doch die Hilfsorganisationen haben noch große Aufgaben vor sich: Laut Schätzungen der Vereinten Nationen brauchen rund 2,8 Millionen Menschen in den zerstörten Gebieten weiterhin humanitäre Hilfe.

Notunterkünfte gegen Monsunregen

Dort herrscht seit Mitte Juni Regenzeit, die Monsun-Saison dauert voraussichtlich bis September an. Die obdachlos gewordenen Menschen brauchen also dringend ein Dach über dem Kopf. Doch qualitativ hochwertiges Wellblech, wie es für den Bau von Notunterkünften und für Hausreparaturen gebraucht wird, ist aufgrund der hohen Nachfrage inzwischen Mangelware. "Die größte Herausforderung für die Hilfe bleibt die Logistik", fasst Frischmuth zusammen.

Hilfsgüter müssen per Helikopter in abgelegene Dörfer transportiert werden.

Viele Dörfer sind seit der Katastrophe nach wie vor schwer zu erreichen, weil Straßen und Wege völlig zerstört sind. Immer wieder blockieren Geröll und Schlammlawinen die Straßen. In den höher gelegenen Regionen geht es ohnehin nur mit kleinen Transportfahrzeugen weiter, weil die Wege nicht für größere LKW befahrbar sind. Um abgelegene Dörfer, die keine Anbindung an das Straßennetz (mehr) haben, mit notwendigen Alltagsmaterialien zu versorgen, sind die lokalen Hilfsorganisationen auf Hubschrauber angewiesen. Die stellen der Humanitäre Flugdienst der Vereinten Nationen (United Nations Humanitarian Air Service, UNHAS) und die Mission Aviation Fellowship (MAF). Die MAF Deutschland ist Teil eines internationalen humanitären Flugdienstes, der in mehr als 30 Entwicklungsländern gezielt solchen Menschen hilft, die an schwer zugänglichen Orten leben.

Ernte wie Saatgut vernichtet

Allerdings stehen in Nepal weder genügend Hubschrauber zur Verfügung, noch haben diese ausreichend Ladekapazität, um beispielsweise Baumaterial in großen Mengen zu transportieren. Und das wird dringend gebraucht für den Bau von Notunterkünften: Viele Menschen schlafen noch immer unter freiem Himmel oder in provisorischen Zelten. Die Vereinten Nationen gehen von fast 900.000 zerstörten oder schwer beschädigten Häusern aus.

Insbesondere in ländlichen Gebieten haben die Menschen durch die Beben zudem ihre Lebensgrundlagen verloren. Ernten wurden ebenso vernichtet wie Vorräte und Saatgut. Viele Tiere haben nicht überlebt. Um die Eigenständigkeit der in Nepal und angrenzenden Regionen lebenden Bauern so gut es geht zu sichern, hat eine Partnerorganisation begonnen, Saatgut für Getreide und Gemüse sowie entsprechende Gerätschaften zu beschaffen. Diese werden in den nächsten Wochen beispielsweise in vier Regionen des Distrikts Dadhing verteilt. Die Zeit ist knapp, da die Aussaat während der aktuellen Regenzeit geschehen muss, wenn die nächste Ernte nicht – wieder – ausfallen soll.

Neben dem Wiederaufbau von Wohnraum und der Existenzsicherung der Menschen ist auch die Wasser- und Sanitärversorgung ein wichtiges Projekt. Denn durch das Beben sind viele Quellen verschmutzt oder unbrauchbar geworden – ebenso wie Latrinen. Dadurch steigt das Risiko von Krankheiten und Epidemien, das gilt es zu minimieren.

Gut vernetzte Arbeit

All diese Bemühungen wird die Diakonie Katastrophenhilfe weiter fortsetzen. In Nepal arbeitet das evangelische Hilfswerk mit drei einheimischen Partnerorganisationen und dem kirchlichen Netzwerk ACT Alliance (Action by Churches together) zusammen. Aus dem ACT-Bündnis sind insgesamt vier Organisationen vor Ort, die ihre Hilfe untereinander abstimmen.

Drei erfahrene Fachkräfte in der Krisenregion koordinieren die Hilfsmaßnahmen der Diakonie Katastrophenhilfe. "Es hat sich bezahlt gemacht, eigene erfahrene Mitarbeiter aus den Büros der Diakonie Katastrophenhilfe in Istanbul und Islamabad zur Unterstützung der lokalen Partner unmittelbar nach den Beben nach Nepal zu entsenden", erläutert Frischmuth. Die Experten aus der Türkei, Pakistan und aus Deutschland unterstützen und beraten die lokalen Partner bei Fragen rund um Logistik, Finanzverwaltung und zur weiteren Projektplanung. Das Team arbeitet von Katmandu aus, ist jedoch regelmäßig zu Feldbesuchen in den verschiedenen vom Erdbeben betroffenen Distrikten. Um möglichst effektiv und nachhaltig zu helfen, stimmen sich die Verantwortlichen mit anderen Hilfsorganisationen vor Ort ebenso ab wie mit den staatlichen Behörden.

Schulische Aktivitäten in Übergangsbauten

Im Sinne nachhaltiger Hilfe ist es aber auch wichtig, über die elementaren Erfordernisse hinaus eine psychische Betreuung der Opfer zu gewährleisten. Die Menschen in den durch die Beben zerstörten Regionen haben nicht nur ihr Hab und Gut verloren, sondern sind vielfach traumatisiert. Bei vielen kommt beim kleinsten Erdstoß sofort die Angst zurück. Die Diakonie Katastrophenhilfe bildet daher Multiplikatoren aus, die psychosoziale Begleitung für die Erdbebenopfer leisten. Außerdem gibt es schulische Angebote in Übergangsbauten, damit die Kinder etwas Normalität und Alltag erleben. Und letztlich sind auch Trainings zur Katastrophenvorsorge wichtige langfristige Aufgaben, damit die lokalen Organisationen im Fall weiterer Beben schnell reagieren können. Denn die Überlebenden der Katastrophe leben auch mit der Gefahr weiterer Beben in dieser Region.