"Im Anfang war das Wort"

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"Im Anfang war das Wort"
Wir sagen "Kein Stress", aber meinen "Lass' dir Zeit". Wir sagen "Die Idee ist nicht ganz unspannend", aber meinen "Die Idee finde ich gut!" Unser Wortschatz prägt unser Denken und unser Fühlen. Ein Gespräch mit Sprachwissenschaftlerin Mechthild R. von Scheurl-Defersdorf darüber, wie wichtig es ist, achtsam mit der eigenen Sprache umzugehen und was "Im Anfang war das Wort" bedeuten kann.

Frau von Scheurl-Defersdorf,  Sie beschäftigen sich mit der Kraft der Sprache. Im Johannes-Evangelium steht "Im Anfang war das Wort". Was bedeutet das für Sie?

Mechthild R. von Scheurl-Defersdorf: Ich habe als Pfarrerstochter und als Enkelin eines Professors für Neues Testament lange gebraucht, um zu begreifen, wie wahr es ist: "Im Anfang war das Wort". Am Anfang, vor allen Handlungen, die jemand ausführt, stehen seine Gedanken. Daraus entwickeln sich dann seine Gewohnheiten und sein Charakter. Unsere Gedanken zeigen sich in unseren Wörtern.

Wir denken natürlich unsere Gedanken nicht immer direkt als Wörter. Sie bleiben oft einfach Ideen und Empfindungen. Sobald wir anfangen, unsere Gedanken in Worte zu fassen, gebrauchen wir eben doch unsere individuellen Wörter und Redewendungen. Die machen wir uns im Allgemeinen nicht bewusst. Und doch hat unser individueller Sprachgebrauch eine Auswirkung auf unsere Kommunikation mit anderen und auch auf uns selbst.

Mich ließ vor vielen Jahren die Bemerkung einer Ärztin aufhorchen: Ich brachte damals meinen schwerkranken Mann zu einer Untersuchung. Da sagte die behandelnde Ärztin zu mir: "Junge Frau, so wie Sie reden, denken Sie falsch. So können Sie ihr Paket nicht tragen. Lernen Sie, neu zu denken!" Ab jener Bemerkung fingen Wörter für mich an, eine ganz andere Bedeutung zu haben. Ich fing an, zu begreifen, dass jedes Wort tatsächlich eine Wirkung hat. Es gibt eine Sprache, die gut tut und eine Sprache, die Kraft kostet. Ich habe es in der Hand, welche Wörter ich gebrauche. Und damit heißt es wieder: "Im Anfang war das Wort".

Kann darin auch die Wirkung von Gebeten liegen? Also dass wir aus den Worten eines Gebets Kraft und Hoffnung erfahren?

von Scheurl-Defersdorf: Es heißt an einer Stelle in der Bibel: "Kein Wort kommt leer zurück." Und an einer anderen Stelle heißt es: "Wer Wind sät, wird Sturm ernten". Das ist für mich eine ganz klare Erklärung dafür, dass Wörter eine Wirkung haben. An einer anderen Stelle heißt es auch: "Über eure Lippen komme kein böses Wort." Darin liegt eine Aufforderung, achtsam mit der Sprache umzugehen. Die Sprache hat eine schöpferische Kraft. Wir können diese Kraft nutzen.

Im Gebet formulieren wir unsere Anliegen. Dabei benennen wir das, wofür wir dankbar sind und auch das, was wir so innig erhoffen. Ebenso können wir Fragen stellen. Es ist bedeutsam, dass wir nicht nur leere Wörter sagen, sondern dass wir sie auch denken und fühlen. Dann entfaltet die Sprache ihre volle Kraft. Es ist wichtig, dass wir im Alltag und auch im Gebet klar das sagen, was wir wirklich meinen.

Die Ärztin, von der sie sprachen, sagte zu Ihnen, Sie müssten lernen, neu zu denken. Warum müssen wir lernen, neu zu denken und wie können wir das?

von Scheurl-Defersdorf: Mit der gewohnten Ausdrucksweise halten wir oft alte einengende Denkmuster aufrecht. Es gilt, diese einengenden Denkstrukturen zu erkennen und sie zu wandeln. Dazu gehört beispielsweise, wenn Menschen ständig das benennen, was sie nicht haben wollen. Ihre Sätze klingen dann beispielsweise so: "Ich will nicht zu spät kommen", "Wir dürfen den Kunden nicht verlieren" oder "Wir wollen die Nachbarin nicht verärgern". Diese Beispiele gibt es in allen Lebensbereichen, im beruflichen ebenso wie im privaten Bereich. Wer so spricht, verneint etwas. Er benennt etwas, was er nicht hat oder nicht haben will. Damit denkt er in die falsche Richtung.

Anders ist es, wenn wir die Dinge nennen, die wir auch meinen. Dann sagen wir "Ich will rechtzeitig ankommen", "Ich will mit dem Kunden einen guten und nachhaltigen Kontakt pflegen" und "Ich will mit der Nachbarin gut auskommen".

Das Wandeln der gewohnten Negation, bewirkt ein starkes Umdenken: Als Christen sollen wir lernen, die Menschen anzunehmen, wie sie sind. Oft ist es viel leichter zu sehen, was wir an dem anderen nicht schätzen. Sobald ich das "nicht" aus meiner Sprache herausnehme, werde ich anfangen zu sehen, was ich an dem anderen schätze. Die gewandelte Sprache lenkt dann meinen Blick in die erfreuliche Richtung.

"Bauen Sie bewusst eine Sprache auf, die Ihnen gut tut"

Nun komme ich zu Ihrer Frage, wie wir das erreichen können: Der erste Schritt ist, wahrzunehmen, wie wir sprechen, denn unsere eigene Sprache zeigt auch, wie wir denken. Und dann gilt es zu schauen, welche einzelnen Wörter jemand bewusst in die Sprache aufnehmen und pflegen will, um bewusst eine Sprache aufzubauen, mit der es ihm gut geht.

Für den Alltag gibt es wunderbare Wörter, wie "wunderbar", "wundervoll", "großartig", "köstlich", "einmalig". Viele Menschen gebrauchen dafür nur "wahnsinnig schön", "sehr schön" und "toll". Mehr Wörter für erfreuliche Dinge haben sie oft gar nicht. Mein Tipp ist: Bauen Sie bewusst eine Sprache auf, die Ihnen gut tut und reichern Sie Ihren Wortschatz um Wörter an, die Ihnen angenehm sind.

Auf der anderen Seite empfehle ich immer, einzelne Wörter aus der Sprache heraus zu nehmen oder zumindest wesentlich seltener zu sagen. Das gilt beispielsweise für den inflationären Gebrauch von "schnell" und "muss". Beide kommen oft zusammen vor und gehen dann noch einher mit einem "noch":  Also "Ich muss noch schnell einen Brief schreiben. Ich muss noch schnell einkaufen." Ganz anders klingt und wirkt: "Ich kaufe ein."

Sie sagten, wir denken viel in Verneinungen. Woher kommt das?

von Scheurl-Defersdorf: Jeder wächst mit der Sprache seines Elternhauses auf und erfährt weitere starke Prägungen im Kindergarten. Ein großer Teil der Bevölkerung gebraucht viele Verneinungen. Menschen haben sich von klein auf an die vielen Verneinungen gewöhnt und sprechen dann auch als Erwachsene mit vielen Verneinungen. Sie sagen: "Das ist kein Problem", "Das ist keine schlechte Idee" und viele weitere Sätze dieser Art. Auf die Frage: "Wie geht es dir?" antworten sie oft: "Ich kann nicht klagen!" Wollen sie denn klagen können? Ganz anders klingt: "Mir geht es prima!"

Das Schöne ist: Jeder kann sein gewohnte Ausdrucksweise beleuchten und schrittweise und mit Humor wandeln. Ich empfehle pro Woche ein Wort oder einen Grammatikaspekt zu wandeln. Sie dürfen sich auch gern bis zu vier Wochen mit diesem einen sprachlichen Aspekt befassen. Dann nehmen Sie sich einen neuen vor!

"Es gehört auch die wertschätzende Kontaktaufnahme dazu"

Als ich mich mit ihrem Sprach- und Kommunikationskonzept auseinandergesetzt habe, ist mir dadurch aufgefallen, dass ich immer, wenn ich einem hektischen Gegenüber Ruhe signalisieren möchte, sage "Kein Stress". Dabei wäre "Lass' dir Zeit" viele besser.

von Scheurl-Defersdorf: Ja, genau. Das ist ein schönes Beispiel für eine Verneinung. Mit der Formulierung "kein Stress!" bewirken Sie vermutlich genau das Gegenteil des Gewünschten und machen erst richtig Stress.

Ich sage Ihnen gern etwas zu der Bedeutung von "Lingva Eterna" und dann zu den drei Säulen unseres Konzepts. Der Name unseres Konzepts "Lingva Eterna" kommt vom Lateinischen und heißt "ewige Sprache". Wir setzen an der Sprache an und bleiben stets auf der sprachlichen Ebene. Dabei lenken wir den Blick auf den Wortschatz und auf den Satzbau. Die Wirkung ist bemerkenswert: Eine geordnete Sprache hat eine ordnende Wirkung. Dieser Ansatz ist allen Lebensbereichen anwendbar. Schließlich sprechen Menschen überall miteinander und auch mit sich selbst.

Das Konzept ruht auf drei Säulen. Die erste Säule ist die Präsenz des Sprechers, die zweite Säule ist die Klarheit der Aussage und die dritte Säule ist die fundamentale Wertschätzung einem jeden gegenüber, auch sich selbst gegenüber. Zur Präsenz des Sprechers gehört zum Beispiel, dass jemand "ich" sagt und nicht "man".

Es gehört auch die wertschätzende Kontaktaufnahme dazu. Wir nennen diesen Aspekt die drei "A". Sie stehen für Ansprechen, Anschauen und Atmen. Kleine Kinder beherrschen dies noch. Sie sagen: "Mama!" Und dann warten sie, bis sie die volle Aufmerksamkeit ihrer Mutter erreicht haben.  Die Erwachsenen lassen oft den Namen weg oder doch zumindest den Blickkontakt und die minimale Atempause. Wenn ich Sie jetzt anspreche, dann sage ich nicht "Ich habe eine Frage an Sie" sondern ich sage "Frau Fink – ich habe eine Frage an Sie." Dadurch ist sowohl meine Präsenz viel größer als auch die Wertschätzung, die ich Ihnen entgegenbringe.

Zur Präsenz des Einzelnen gehört, dass er seine Meinung ehrlich sagt, dass er Verantwortung übernimmt und sich in die Gemeinschaft einbringt. Es gehört auch dazu, dass er zu seinen Fehlern steht und dass er Verantwortung übernimmt. Die Präsenz zeigt sich in der Sprache, ebenso das Fehlen von Präsenz.

"Wir sollen eindeutig und klar sein. Das sagt auch die Bibel"

Die zweite Säule ist die Klarheit. Dazu gehört es, eindeutige Aussagen zu machen. Füllwörter stören klare Aussagen. Sie verschleiern die Aussagen und störend das eigene klare Denken. Dazu gehören Wörter wie "eigentlich" und "vielleicht".  Manche Menschen gebrauchen sie gewohnheitsmäßig. Sie wirken damit unklar und auch unsicher.

Wir sollen eindeutig und klar sein. Das sagt auch die Bibel: "Euer Ja sei ein Ja, euer Nein sei ein Nein." Die übliche Sprache ist weit davon entfernt. Es sind nicht nur die Füllwörter, die der Klarheit im Wege stehen. Ein weites Feld tut sich beim Mix der Satzarten auf. Viele Menschen vermischen Fragen und Bitten und halten sich dabei für höflich. Solche Sätze sind üblich: "Könnten Sie bitte das Fenster öffnen?" Auf der kommunikativen Ebene haben wir uns alle daran gewöhnt, dass eine solche Frage-Bitte-Kombination eine Aufforderung sein soll. Jedoch ist der Satzbau alles andere als klar und eindeutig. Ganz anders klingt: "Frau Huber – ich habe eine kleine Bitte an Sie: Bitte öffnen Sie das Fenster." Klarheit und Wertschätzung passen gut zusammen. Diese fundamentale Wertschätzung ist die dritte Säule unseres Konzepts.

Gehört zu dieser Klarheit auch Mut? Wir haben vielleicht auch verlernt, Bitten offen zu formulieren, weil wir Angst vor Zurückweisung haben.

von Scheurl-Defersdorf: Nein, es gehört nicht Mut dazu. Wenn Menschen einmal die wohltuende Wirkung einer klaren Kommunikation erleben, dann atmen sie auf. Viele Menschen, die nicht klar formulieren, wirken unsicher. Dabei ist dieser Mensch nicht unsicher, er hat es nur in der Familie und im Kindergarten gelernt, Bitten als Fragen zu formulieren. So macht er aus meiner Sicht einen Bedienungsfehler im Umgang mit der Sprache.

Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung wird von klein auf mit klaren und eindeutigen Aufforderungen groß. Das sind auch die, die sich im Leben später oft leichter tun. Es ist also eher eine Sache von Klugheit als von Mut, eine klare und wertschätzende Sprache zu erlernen. Sobald Menschen anfangen, kurze Sätze zu machen, entwickeln sie eine wohltuende Dynamik. Dabei werden auf wunderbare Weise Kräfte frei. Dabei erinnere ich mich immer wieder dankbar daran: "Im Anfang war das Wort".