"Was bedeutet Dietrich Bonhoeffer für mich heute?"

Dietrich Bonhoeffer

Foto: dpa/dpa

Dietrich Bonhoeffer (undatiertes Archivbild).

"Was bedeutet Dietrich Bonhoeffer für mich heute?"
Vor 70 Jahren, am 9. April 1945, ermordeten die Nazis den evangelischen Theologen, Pfarrer und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer. Viele Menschen in Deutschland halten die Erinnerung an sein Lebenswerk wach, manche sogar mit ganz persönlichem Bezug.

Eva-Maria Menard

Pfarrerin an der Zionskirche in Berlin

"Erinnerung wird zur Kraft der Gegenwart." Dieses Wort stammt aus einer Auslegung des 119. Psalms durch Dietrich Bonhoeffer. In meiner Arbeit an der Zionskirche - dieser vernarbten und verwundeten Schönheit - ist es mir zum Leitmotiv geworden. Das Vergangene mit dem Zukünftigen in Geistes und der Menschen Gegenwart zu verweben; durch die Zeiten hindurch Gottes Zeit zu erspüren, zu erbitten und zu erhoffen – das scheint mir meine Aufgabe als Pfarrerin an diesem besonderen Ort zu sein. "In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein."

Markus Dröge

Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO)

Nach dem Abitur wollte ich den Kriegsdienst verweigern, aber mein Antrag wurde zunächst abgelehnt. Meine Begründung sei unglaubwürdig. Das hat mich tief getroffen und fragen lassen: Was ist ein glaubwürdiges Leben? In diese Zeit fällt meine vertiefte Begegnung mit Bonhoeffer. Bei ihm fand ich die Orientierung, die ich suchte: einen überzeugenden Menschen, der im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv war und wissenschaftlich gebildet einen kritischen Glauben vertrat. Nach dem Zivildienst begann ich mit dem Theologiestudium. Bonhoeffer fordert bis heute heraus, sich den existentiellen Fragen zu stellen und mutig zu glauben und zu leben.

Thomas Wabel

Professor für Systematische Theologie und theologische Gegenwartsfragen, Leiter der Dietrich-Bonhoeffer-Forschungsstelle für Öffentliche Theologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Bonhoeffers Theologie, noch mehr aber sein Leben und sein gewaltsamer Tod beeindrucken bis heute. Doch wenn jemand vor allem als Glaubenszeuge und Märtyrer wahrgenommen wird, kann es so scheinen, als wäre der Anspruch seines Denkens mit dem Ende des Dritten Reiches hinfällig geworden. Deshalb ist es wichtig zu erkennen, worin Bonhoeffers Denken, etwa sein Verständnis gemeinsamen Lebens oder der engen Verbindung von Freiheit und Gehorsam, einerseits zeitbedingt ist – und wie seine Theologie in ihrem Ernst und ihrer Unbedingtheit doch zugleich auch in der Gegenwart zur Orientierung beitragen kann.

Petra Kresin-Cordts

bis 2014 Leiterin des Pfadfinderstammes Dietrich Bonhoeffer Bayreuth im Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP)

Als Namenspate unseres Pfadfinderstammes begleitet Bonhoeffer mich seit 40 Jahren. Während ich als Jungpfadfinderin unbefangen sein Lied "Von guten Mächten" mitsang, beeindruckt mich als Erwachsene sein wacher Blick auf die Entwicklungen in Politik und Gesellschaft, sein Mut für die christlichen Grundsätze einzutreten, und dass er noch angesichts der größten persönlichen Bedrohung aus seinem Glauben Kraft und Zuversicht schöpfen konnte, um anderen Trost und Mut zum Weitergehen zuzusprechen. Für mich ein klares Vorbild, das uns unsere Stammesgründer mit auf den Weg gegeben haben!

Siegfried Fietz

Liedermacher, Komponist und Produzent (www.abakus-musik.de)

Große Hochachtung für Dietrich Bonhoeffer, und dass ich ihm eine Trilogie gewidmet habe, ist ein Zeichen dafür. Was ich wohl empfunden habe, ist, dass Bonhoeffer über Jahrzehnte hinweg als vergeistigtes Mitglied des Bildungsbürgertums betrachtet wurde und darüber fast zu kurz kam, dass er auch ein Mensch aus Fleisch und Blut war mit einer unheimlichen Dynamik. Wenn wir ihn menschlich sehen, kommt er auch denen näher, die nicht Theologie oder Philosophie studiert haben. Mit meinen Vertonungen habe ich versucht, ihn in die Gesellschaft hineinzuholen.

Gottfried Brezger

Vorsitzender des Kuratoriums der Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus in Berlin

Aus aller Welt besuchen Gruppen und Einzelne das Elternhaus Dietrich Bonhoeffers in der Marienburger Allee 43. Seit 1987 ist es Erinnerungs- und Begegnungsstätte der Berliner Landeskirche. Sie erinnert an das Leben und Werk des Theologen, der sich mutig der Ausgrenzung von Juden entgegenstellte, die Bekennende Kirche in der Ökumene vertrat, für den Frieden stritt und im Widerstand sein Leben ließ. Seine Briefe und Gedichte aus der Haft bewegen uns auch heute. In seinem Studierzimmer verhalten sich die Besucher individuell ganz verschieden; manche schweigen andächtig, andere wollen wissen: "Und was ist hier original?"

Spiritualität und Sachlichkeit – das sind zwei Seiten der Begegnung mit dem Leben und Werk Dietrich Bonhoeffers. Bonhoeffers Entwurf der "Kirche für andere", die im "Christus für andere" ihren Grund hat, ist für mich unerfüllte Vision und bleibende Herausforderung. Ich denke, er würde auch heute spirituell und sachlich zugleich Gottes Leiden in unserer Welt mitleiden und solidarisch an der Seite von Entrechteten, Verfolgten und Flüchtlingen stehen.

Christiane Tietz

Professorin für Systematische Theologie in Zürich, Vorsitzende der Internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft (deutschsprachige Sektion) und Bonhoeffer-Biografin

Dietrich Bonhoeffer ist ein Christ und Theologe, der sich von seinen biographischen, kirchlichen und politischen Umständen immer wieder dazu herausfordern hat lassen, sein bisheriges Christsein und theologisches Denken zu überprüfen und, wo nötig, zu verändern. Die gern gestellte Frage "Was würde Bonhoeffer dazu sagen?" muss ohne Antwort bleiben, weil Bonhoeffer in seinen Umständen, nicht in unseren, dachte und lebte. Vorbild kann er aber darin sein, sich selbst durch die aktuelle Situation und die Botschaft von Gottes Gegenwart in Jesus Christus immer wieder neu in Frage stellen zu lassen.

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