"Für mich da": Als in Zingst die Mauer fiel

Mein Pfarrer, Friederike Lübke, Berlin

Foto: Friederike Lübke

Arlett Rumpff am Märchenbrunnen in Berlin

"Für mich da": Als in Zingst die Mauer fiel
Wegbereiter, Lebensbegleiter, Impulsgeber oder wichtige Stütze in schwerer Zeit: Für viele Menschen sind Pfarrerinnen und Pfarrer mehr als einfach nur Prediger. In unserer Pfarrerserie "Für mich da" erzählen wir von besonderen, prägenden oder einfach guten Beziehungen zwischen "Hirten" und ihren "Schäfchen". Als Teenager zur Zeit der Wende kam Arlett Rumpff mit sich und ihrem Leben nicht mehr zurecht. Pastor Ulrich von Saß vermittelte ihr, dass alle Menschen einen Wert haben - sie auch.

Arlett Rumpff ist 14 und das Leben ist schwer. Sie hat große Probleme mit ihrem Elternhaus. Der Vater saß wegen versuchter "Republikflucht" im Gefängnis. Die Eltern sind gegen die DDR und das lässt man auch Arlett spüren. Ablehnung kommt ihr normal vor, leise sein auch. Ihre Eltern wollen, dass sie ehrlich ist, aber wenn bestimmte Freunde zu Besuch kommen, heißt es: "Und wehe, Du sagst was in der Schule." Weil sie dieses Dilemma nicht aushält, muss sie auf ihr Zimmer, sobald die Freunde kommen. Alle Türen im Haus werden geschlossen. "Wie soll ich das noch vier Jahre ertragen?", fragt sie sich. Dann fällt die Mauer. Kurz darauf übernimmt ein neuer Pfarrer die Kirchengemeinde auf Zingst. Er heißt Ulrich von Saß und er wird ihr Leben prägen.

Es gibt keine Hierarchie vor Gott

Plötzlich ist alles im Umbruch. Die DDR ist weg, aber die Freiheit noch nicht da. Arlett Rumpff erinnert sich noch an die ersten Treffen mit dem neuen Pastor: Die Jugendlichen sitzen im Kreis, Ulrich von Saß spielt ein bisschen auf seiner Gitarre. Weiter passiert nichts. Irgendwann fragt einer: "Was sollen wir machen?" Von Saß antwortet: "Macht doch was ihr wollt." Arlett erschrickt. Denkt: "Was soll ich denn wollen sollen?" Bis dahin hatte sich noch nie jemand für ihre Meinung interessiert. Selbst im Deutschunterricht hatte sie bei Interpretationen geschrieben, was die Lehrer verlangten. Erst in der Jungen Gemeinde entdeckte sie: Ich bin wer. Ich kann was.

Pastor Ulrich von Saß
Ulrich von Saß schafft das, indem er sich zurückhält. Nie wird er laut oder wütend. Die Jugendlichen duzen ihn. "Ihr seid doch jetzt konfirmiert. Ich bin der Ulrich", sagt er zu ihnen. Er nimmt sie ernst. Gibt ihnen das Gefühl, dass ihre Aussagen Sinn ergeben, so jung und ungeübt wie sie dabei sind. Er vermittelt ihnen, dass sie selbst etwas bewirken können. Die Jugendlichen bauen einen Kinderspielplatz. Machen lange Fahrradtouren. Diskutieren. Die Treffen werden der Höhepunkt von Arlett Rumpffs Woche.

In die Jugendgruppe der Evangelischen Gemeinde kommen Atheisten, Adventisten, Katholiken. Der feste Kern besteht aus etwa 14 Personen, manchmal sind bis zu dreißig da. Für Arlett Rumpff wird es selbstverständlich, mit allen darüber zu reden, wie das geht: An Gott glauben. Sie entwickeln Alternativen zum Gottesdienst am Sonntagmorgen. Stehen spät abends mit Kerzen um den Altar und singen. Ihre beste Freundin Julia ist katholisch. Manchmal geht sie mit ihr in die Messe. Manchmal geht Julia mit ihr in den evangelischen Gottesdienst. Arlett Rumpff zieht aus beidem ihren Teil und fühlt sich als Christin, es gibt kein "die" und "wir". Erst Jahre später geht ihr auf, wie ungewöhnlich das war. Von Saß vermittelte ihr nicht nur, dass sie selbst einen Wert hat, sondern dass alle Menschen wertvoll sind. Es gibt keine Hierarchie vor Gott.

Jugendarbeit ohne Konzept - aber mit Wirkung

Zuhause bleibt es schwierig, auch nach dem Ende der DDR. Es ist ihre Rettung, dass die Tür im Pfarrhaus immer offen steht. Die Treffen in dem riesigen Arbeitszimmer laufen immer gleich ab: Ulrich von Saß gießt schwarzen Tee ein, nimmt seine Gitarre, klimpert ein bisschen. Arlett heult. Erzählt. Von Saß streicht sich über seinen Bart, macht keine großen Worte. Einmal sagt er etwas, das sie tief trifft: Sie reden über das Gebot: "Du sollst Vater und Mutter ehren" und er erinnert sie daran, wie der Vers weiter geht: "Auf dass es dir wohl ergehe." Diesen Teil hat sie noch nie wahrgenommen. Plötzlich wird ihr klar, dass es nicht nur darum geht, wie sie sich gegenüber ihren Eltern verhält. Sie muss überleben dabei. Mit 17 Jahren ist sie stark genug, um auszuziehen. Sie zieht nach Berlin, macht das Abitur und studiert. Ihre Arbeit beruht auf dem, was von Saß ihr vermittelt hat.

Ulrich von Saß erinnert sich nicht mehr im Detail an die Gespräche. An Arlett aber sofort. "Natürlich!", sagt er lebhaft, "das war eine ganz tolle Jugendgruppe damals." Er nennt dieselben Dinge wie Arlett Rumpff: Dass sie Fahrradtouren gemacht haben und ganz viel Musik. Er kannte Arletts ganze Familie. "In Zingst entgeht man sich nicht", sagt er. Wie sehr er sie geprägt hat, hat er nicht gewusst. "In der Jugendarbeit merkt man das erst 20 Jahre später", sagt er, "man kriegt einen Schreck, wie viel man da bewirken kann." Ein Konzept für seine Arbeit mit den Jugendlichen hatte er gar nicht. "So was hätte ich verabscheut damals", sagt er und lacht. Jugendarbeit habe ihm einfach immer viel Spaß gemacht. Inzwischen haben sich einige der Jugendlichen bei ihm gemeldet und von früher erzählt. Mit einem hat er erst neulich in dessen Bioladen einen Kaffee getrunken.

Entscheiden, aber nicht alles bestimmen müssen

Arlett Rumpff ist heute Leiterin der Geschäftsstelle Reformprozess in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Das Gefühl, selbst etwas entwickeln zu können, hat ihr Leben entscheidend geprägt. Sie ist fest davon überzeugt, dass man anderen Menschen nur das Handwerkszeug geben muss, damit sie selbst die Lösung finden. Sie glaubt, dass die besten Veränderungen von unten entstehen. Auch in der Kirche. "Die Ideen sind da", sagt sie.

Aus dem Teenager, der nicht wusste, dass er überhaupt eine eigene Meinung hat, ist eine Frau geworden, die genau weiß, was sie will und gerade deshalb andere zu Wort kommen lässt. Wenn ihre Patenkinder sie besuchen, lässt sie sie selbst entscheiden, was sie essen oder wann sie schlafen wollen. Das ist kein Laissez-faire, sondern entspringt ihrer tiefen Überzeugung, nicht alles bestimmen zu müssen. Sie hat oft darüber nachgedacht, was aus ihr geworden wäre, wenn es den Pastor nicht gegeben hätte. "Das war ein Gottesgeschenk", sagt sie.

Ulrich von Saß blieb bis 1996 in Zingst, dann wurde er Landesjugendpastor in Mecklenburg. Heute ist er Pastor in Rostock. Ein Foto von der Jugendgruppe aus Zingst hängt in seinem Arbeitszimmer. Arlett Rumpff ist mit darauf.

Infos zur Serie
Wegbereiter, Lebensbegleiter, Impulsgeber oder wichtige Stütze in schwerer Zeit: In unserer Pfarrerserie "Für mich da" erzählen wir von besonderen, prägenden oder einfach guten Beziehungen zwischen "Hirten" und ihren "Schäfchen".

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