Ein Großteil der prachtvollen Aufnahmen konnte aber nur zustande kommen, weil das Werk ausschließlich aus Luftaufnahmen besteht. Wenn der Titelzusatz "Unsere Berge von oben" trotzdem etwas irreführend ist, dann wegen des Pronomens, denn eigentlich macht das Regieduo Peter Bardehle und Sebastian Lindemann deutlich, dass der Mensch in diesen Regionen eher unerwünscht ist.
Atemberaubend schöne Landschaften
Dennoch ist der Film alles andere als ein ökologisches Pamphlet. Natürlich wird in dem vom Schauspieler Udo Wachtveitl ("Tatort" aus München) überaus angenehm vorgetragenen Kommentar erwähnt, dass sich die Gletscher zurückziehen und dass die Kunststoffvliese, die sie vor der Sonne schützen sollen, an Leichentücher erinnern. Die Unart des Menschen, Flüsse zu regulieren und riesige Stauseen anzulegen, kommt ebenfalls zur Sprache. Die Bilder dazu sind allerdings mitunter beredter: hier ein einsam aus dem See ragender Kirchturm, dort ein ausgestorbener und wie ein Geisterdorf wirkender Wintersport im Sommer. Trotzdem wollen die beiden Regisseure ihren Zuschauern in erster Linie die Möglichkeit bieten, sich an atemberaubend schönen Landschaften zu erfreuen, die man als Normalsterblicher in der Regel nie zu sehen bekommt.
Ein roter Faden jedoch ist nicht zu erkennen, es gibt weder eine geografische noch eine inhaltliche Ordnung, weshalb das Geschehen manchmal etwas sprunghaft anmutet. Gerade noch ging’s um die gefährdete Trinkwasserversorgung von München bis Mailand, dann werden die Alpen als Kriegsschauplatz vorgestellt, und schließlich wird referiert, wie den Bergen die ersten Bahnstrecken abgetrotzt wurden. Und so geht’s munter weiter. Der Almauftrieb, die menschliche Kletterlust mit passenden Bildern der Eiger Nordwand, waghalsige Snowboard-Aktionen, Mountainbike-Ritte und Bungee-Sprünge, Bauvorhaben, die nur mit Hilfe von Hubschraubern durchgeführt werden können, tollkühne Hagelflieger, die prächtigen Schlösser Ludwigs II., der Eisenerzabbau: Mitunter wirkt die inhaltliche Vielfalt, als hätten die Autoren atemlos eine Liste abgearbeitet. Vermutlich stimmt das in gewisser Weise auch, schließlich mussten 55 Stunden Material auf neunzig Filmminuten reduziert werden. Die rasanten Themenwechsel fallen aber angesichts der wundervollen und mit stimmiger Musik unterlegten Bilder ebenso wenig ins Gewicht wie die gelegentlich etwas aufdringlich klingenden Geräusche, die nachträglich dazu gemischt wurden.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Natürlich wird auch die Frage gestellt, was den Menschen bloß in eine derart unwirtliche Welt treibt, für die er doch offenkundig nicht gemacht ist. Der Film beantwortet sie selbst: Es sind die neuen Horizonte, die sich dort oben buchstäblich eröffnen, und es ist die überwältigende Schönheit, die sich einem hier offenbart; "als habe sich die Natur selbst ein Denkmal gesetzt", wie es im Kommentar heißt.