Benediktiner in Jerusalem: Nahostkonflikt hat mit Gott nichts zu tun

Benediktiner in Jerusalem: Nahostkonflikt hat mit Gott nichts zu tun
Nach dem islamistischen Mordanschlag auf eine Synagoge in Jerusalem haben die Benediktiner der örtlichen Dormitio-Abtei einen Missbrauch der Religion für politische Zwecke beklagt.

"Wir sind sehr traurig", sagte Klostersprecher Nikodemus Schnabel am Dienstag in Jerusalem dem Evangelischen Pressedienst (epd). Im Nahostkonflikt gehe es um rein weltliche Dinge wie Wasserverteilung oder Grenzziehungen. "Das hat mit Gott nichts zu tun", fügte der Geistliche hinzu.

Am Morgen hatten zwei Islamisten zum ersten Mal in der Geschichte des Konflikts eine Synagoge in Jerusalem angegriffen. Dabei starben sechs Menschen, darunter auch die beiden Attentäter. Sie stammten aus dem arabischen Ostteil der Stadt. Zu der Tat in Har Nof, die weltweites Entsetzen auslöste, bekannte sich die "Volksfront zur Befreiung Palästinas" (PFLP).

Schnabel zeigte sich "nicht komplett schockiert" von dem Terrorangriff. Dies seien Dinge, "die sich schon länger zusammenbrauen. Man kann das schon seit Wochen beobachten." Der israelisch-palästinensische Konflikt hatte durch den Gazakrieg im Sommer sowie durch jüngsten Konflikt um den Tempelberg in der Jerusalemer Altstadt neue Nahrung erhalten. In der Stadt sei es nach dem Anschlag vom Dienstag ruhig geblieben, schilderte der deutsche Benediktiner. "Die Menschen sind relativ gefasst."

"Die Extremisten sind im Geiste verwandt"

Der 36-jährige gebürtige Stuttgarter rief beide Konfliktparteien zu "klaren Worten" auf, dass es keinen Platz für Nationalreligiöse beziehungsweise Islamisten gebe. Israelis wie Palästinenser seien gut darin, "der anderen Seite Vorwürfe zu machen", blieben aber weitgehend tatenlos gegenüber Extremisten in den eigenen Reihen.

Nach den Worten von Schnabel handelt es sich beim Nahostkonflikt nicht um eine Auseinandersetzung zwischen Juden und Muslimen. Es gebe auf beiden Seiten etwa 15 Prozent Radikale, die versuchten, die politischen Spannungen in der Region religiös zu überhöhen. "Die Extremisten sind im Geiste verwandt", erläuterte der Ordensmann. Doch sie steckten zum Glück nicht die vernünftige Mehrheit an. Die Religionsführer sollten klarer machen, um was es gehe, verlangte Schnabel. "Religion ist nicht dazu da, Identitätsprobleme von Globalisierungsverlierern zu lösen."

Die Dormitio-Abtei liegt auf dem Zionsberg, wo der Überlieferung zufolge Jesus mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl feierte. Schnabel ist seit dem Jahr 2000 im Heiligen Land. Der promovierte Liturgiewissenschaftler und Ostkirchenkundler leitet das Jerusalemer Institut der Görres-Gesellschaft, das dem Benediktinerkloster angegliedert ist.