Die Kunst des Vergebens

Mann und Frau in Liegestühlen

Foto: epd/Jochen Tack

Die Kunst des Vergebens
Vergeben - das fällt meist schwer. Es braucht Kraft und vor allem auch Zeit, um aus tiefer Überzeugung heraus verzeihen zu können. Doch der Weg lohnt sich, sagen Therapeuten. Denn wer vergibt, tut auch etwas für die eigene Seele.

Ein kränkendes Wort, eine Lüge, ein Seitensprung: Wenn sich Menschen gegenseitig verletzen, ist die Beziehung schwer belastet. Besonders die Folgen einer Affäre sind für Paare fast immer gravierend, schier endlose Streitgespräche vergiften den Alltag. "Wenn ich eine fremde Telefonnummer auf seinem Handy entdecke, dann bricht wieder alles auf, obwohl das Ganze schon ein halbes Jahr zurückliegt", berichtet eine Betroffene. In einer solchen Situation vergeben und verzeihen - wie soll das gehen?


"Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern", bitten Gläubige im "Vaterunser", dem zentralen Gebet der Christenheit. "Vergebung ist möglich, in der Familie genauso wie in der Gesellschaft", sagt Renke Brahms, Friedensbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Gleichzeitig verweist er aber auf den zuweilen langen Weg dorthin, auf die Notwendigkeit, sich vorab zu besinnen. In der evangelischen Kirche soll insbesondere der Buß- und Bettag (dieses Jahr am 19. November) daran erinnern. Brahms: "Dann stehen kritische Lebensbilanz und Neuorientierung im Mittelpunkt, die nötig sind, um sich aussöhnen zu können."

"Vor dem Vergeben steht die echte Veränderung"

"Vergeben, das ist eine Kunst, die Zeit braucht und den Willen, sich den Verletzungen aktiv zu stellen", sagt der Leiter der evangelischen Lebensberatung in Bremen, Ulrich Leube. Der Theologe erinnert sich an eine Frau in der Beratung, die im Krankenhaus nach einer Narkose aufgewacht ist, und ihr Mann war nicht an ihrer Seite. "Sie fühlte sich verlassen, das konnte sie ihm lange nicht verzeihen."

Wie andere Beratungsstellen sind auch die Bremer oft mit ehelicher Untreue konfrontiert. "Ein erster Schritt, um verzeihen zu können, ist das Gespräch selbst, um der Verletzung Raum zu geben", wirbt Leube für einen offensiven Umgang mit dem Problem. Der Braunschweiger Psychologe Christoph Kröger weiß, dass der Seitensprung oft der Auslöser für eine Scheidung oder eine Trennung ist. "Das Vertrauen ist zerstört", sagt der Leiter der Psychotherapieambulanz der Technischen Universität Braunschweig.

Nach einer Affäre zeigen Paare häufig Symptome, wie sie auch nach einem Verkehrsunfall auftreten. Die bisherigen Annahmen über die Beziehung, über den Partner und sich selbst sind zerbrochen. Beide leiden unter Schuldgefühlen, Angst oder Panik. In der Partnerschaft entstehen Zonen des Schweigens, ein Klima stillen Vorwurfs.

Dann versucht Krögers Ambulanz, schrittweise einen Weg aus der Krise zu ebnen. Was genau ist der Grund für die Kränkung, auch wenn sie Jahre zurückliegt? Warum will ich mich möglicherweise immer noch rächen? Wer sich konsequent auf die Therapie einlasse, könne wieder Vertrauen aufbauen, sagt Kröger. "Kürzlich haben wir ein Paar, das wir behandeln, Hand in Hand und sehr verliebt in der Stadt gesehen. Das freut uns natürlich sehr."

"Doch vor dem Vergeben steht die echte Veränderung, nicht nur das Reden darüber", betont der Bremer Leube. Zeigen, dass es ernst gemeint ist: Im Fall der Frau, die sich im Aufwachraum von ihrem Mann verlassen fühlte, war es das Flugticket, das ihr Mann spontan gekauft hat, um mit ihr in den Urlaub zu fliegen. "Das war das unausgesprochene Signal: Du bist mir wichtig."

"Vergebung kann es nicht um jeden Preis geben"

Dass Gesten wie der Kniefall von Willy Brandt in Warschau auch im Großen mehr zur Versöhnung beitragen können als viele Worte, liegt für den kirchlichen Friedensbeauftragten Brahms auf der Hand. Der Bremer Theologe denkt ebenso an die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika, die überhaupt erst einen Raum eröffnet hat, um über die Verbrechen während der Apartheid zu sprechen.

Manchmal unterstützen Rituale. Er habe Klienten schon geraten, das Verletzende auf einem Zettel in Worte zu fassen, sagt Lebensberater Leube. Auch der christliche Glaube soll laut einer Umfrage von TNS Emnid (Bielefeld) unter 1.400 Männern und Frauen die Bereitschaft zur Vergebung in einer Partnerschaft positiv beeinflussen: Diejenigen, die ihren Glauben im Alltag miteinander leben, berichten von einem guten psychischen Wohlbefinden und von einem ausgeprägten Wohlwollen ihrem Partner gegenüber.

Doch "Vergebungskompetenz" sei noch kein Allgemeingut, heißt es in der Studie. Um das zu ändern, raten die Autoren dazu, Vergebung als Unterrichtsstoff etwa in der Erwachsenenbildung oder in Kursen zur Ehevorbereitung einzuplanen.

Das Ziel wäre klar, sagt Leube. Vergebung entlaste nicht nur denjenigen, der schuldig geworden sei. "Vergebung ist eine große Stärke und heißt auch: Ich werde selbst frei von dem Einfluss, den die Verletzung auf mich hat." Seelische Wunden könnten verheilen, wenn das Geschehene damit abgeschlossen werde. Das sei aber nicht immer möglich, bekräftigt Leube und denkt dabei etwa an seelische und sexuelle Gewalt: "Vergebung kann es nicht immer und nicht um jeden Preis geben."

Schauspieler Jürgen Vogel über Schuld und Vergebung im Kinofilm "Gnade" (2012).

Vergeben, verzeihen, entschuldigen: In den meisten Religionen ist Vergebung ein zentraler Begriff, so auch im Christentum. Der Reformator Martin Luther (1483-1546) verweist darauf, dass sich niemand bei Gott Vergebung verdienen oder gar erkaufen kann. Vergebung gewährt Gott aus Gnade heraus. Das heißt aber auch: Die Gnade Gottes macht die Hände frei, um Gutes zu tun.
"Verzeihung" ist der weltliche Ausdruck für die religiös geprägte Vergebung. Vom Wort her ist es das Gegenteil des althochdeutschen zeihen, "anklagen", bedeutet also eine Anklage fallenzulassen und auf Konsequenzen zu verzichten. Aber: Wer verzeiht, vergisst nicht. Er sieht die Schuld des anderen - und vergibt dennoch.
Alltäglich ist der Satz "Ich entschuldige mich". Doch geht das? Schließlich kann sich niemand selbst von Schuld freisprechen. Überzeugender ist die Formulierung: "Ich bitte um Entschuldigung." Denn darin steckt die Einsicht, dass etwas schiefgelaufen und nicht in Ordnung ist. Der andere kann dann entscheiden, ob er die Entschuldigung annimmt oder auch nicht. (epd)
Buchtipp: Desmond Tutu und Mpho Tutu, "Das Buch des Vergebens - Vier Schritte zu mehr Menschlichkeit", Allegria Verlag Berlin 2014, 240 Seiten, 19,99 Euro