Uschlag: Eine Patentante für Frau Schmidt

Gemeindeserie Uschlag-Benterode

Foto: David Gern/evangelisch.de

"Ich hatte keinen Bock und auch keine Zeit", hatte Frau Schmidt (re) erst gedacht, doch ihre Patin Lea ließ nicht locker.

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Uschlag: Eine Patentante für Frau Schmidt
"Jetzt erst recht!" – Eine gute Gemeinde-Idee aus Uschlag in Südniedersachsen: Hier kommen junge und ältere Menschen zusammen. So wird aus der Gemeinde eine Art "Familie": Es wird viel erzählt und niemand muss sich verloren fühlen. Das Patenprojekt funktioniert allerdings anders herum, als man vermuten könnte.

Frau Schmidt aus Uschlag ist eine Dame im besten Alter. Ihre Jugend ist schon eine ganze Weile her, doch in jeden Moment spürt man, dass sie sich noch sehr gut an sie erinnern kann. Neuerdings hat Frau Schmidt eine Patentante. Die heißt Lea und ist 14. In Uschlag ist das nichts Ungewöhnliches. Auch Irma Huck, die bald 80 wird, hat einen jugendlichen Paten. Anselm heißt der.

Wer nach Uschlag kommen will, muss es auch wirklich wollen. Denn der Ort ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln gar nicht so einfach. Uschlag gehört zur Großgemeinde Staufenberg, die zwischen Kassel und Göttingen im südlichsten Zipfel Niedersachsens liegt. Staufenberg besteht aus mehreren weit verstreuten Dörfern. Viele Hügel, viel Wald, ab und zu Fachwerk. Der hiesige Supermarkt ist ein LKW, der seine Waren direkt an der Straße verkauft. In einem Ortsteil steht auf einem Schild "Die Straße beginnt hier." Gemeint ist: "Die Straße endet hier." Auf jeden Fall ist hier Schluss, denn das Dorf ist eine Sackgasse.

Gruppenbild mit Patenkindern: Die Konfi-Gruppe aus Uschlag-Benterode-Sichelnstein

"In der Stadt gibt es viele Menschen, da kann man aneinander vorbeigehen, aber auf dem Dorf sollte man das nicht tun", sagt Ulrike Watschke. "Auch deswegen haben wir das Projekt ins Leben gerufen." Watschke ist Pfarrerin für vier Dörfer der Großgemeinde Staufenberg, nämlich für Lutterberg, Benterode-Sichelnstein und natürlich Uschlag, und das Projekt von dem sie spricht, ist die Patenkinder-Initiative ihrer Kirchengemeinde.

Bereits seit 2006 müssen sich alle Konfirmanden für acht Wochen ein "Patenkind" suchen. Die Bedingung: Das Patenkind muss älter als 65 Jahre sein und darf in keinem verwandtschaftlichen Verhältnis zum Paten stehen. Jemand völlig Fremden anzusprechen ist für die Konfirmanden gar nicht so einfach. "Die müssen auch lernen mit Ablehnung umzugehen. Nicht jeder will da teilnehmen", sagt Watschke.

Auch Frau Schmidt wollte zunächst nicht mitmachen. Lea hatte die Witwe auf dem Friedhof angesprochen. "Aber ich hatte keinen Bock und auch keine Zeit. Ich gehe ja noch tanzen und dann muss ich auch noch schießen. Im Schützenverein", sagt Frau Schmidt. "Von der Idee, dass Rentner viel Zeit haben, mussten wir uns schon ganz früh verabschieden", sagt Watschke lachend. Lea tauchte dann nochmal vor Frau Schmidts Haustür auf. Diese Hartnäckigkeit hat wohl überzeugt.

Ein Spiel spielen, Tiere füttern, von früher erzählen

"Am Anfang standen viele Ältere dem Projekt skeptisch gegenüber, aber inzwischen hat es sich rumgesprochen und es melden sich jedes Jahr mehrere, die freiwillig mitmachen wollen. Aber die Konfirmanden sollen sich ja ihre Patenkinder selbst suchen", sagt Pfarrerin Wartschke.

Ein bisschen klingt es ja schon nach verkehrter Welt, dass die Konfirmanden die Paten und die älteren Dorfbewohner die Patenkinder sind. Grund für diese vermeintliche Verdrehung ist, dass die Konfirmanden begreifen sollen, dass sie Verantwortung übernehmen müssen für ihre Patenkinder. Aber was heißt das – Verantwortung übernehmen? "Wir müssen uns zum Beispiel an Termine halten, die wir abgemacht haben. Und wir müssen uns überlegen, was wir mit unseren Patenkindern unternehmen", erklärt Max, einer der Konfirmanden.

Spazieren gehen, Wildtiere füttern, einen Bauernhof besuchen oder ein Spiel spielen. Es ist rührend zu sehen, mit wie viel Elan sich die Patenkinder immer neue Unternehmungen ausdenken. "Die meisten der älteren Herrschaften machen natürlich mit, um etwas zu erleben", sagt Watschke. Manchmal müssen die Konfirmanden auch helfen – im Garten oder beim Einkaufen. Aber das scheint sie nicht zu stören.

Besonders gerne, da sind die Konfirmanden sich alle einig, erzählen die Älteren von früher. Irma Huck hat ihren Paten Anselm schon durchs Dorf geführt, und ihm erklärt wie es hier früher aussah. "Wir haben ja noch ganz anderes erlebt, zum Beispiel den Krieg", sagt sie. Irma Huck ist überrascht, wie sehr sich die Jugendlichen für ihre Vergangenheit interessieren. Und tatsächlich: Keiner von den Konfirmanden scheint sich bei den alten Geschichten zu langweilen. Nele konnte auf diesem Wege sogar etwas über ihren früh verstorbenen Großvater erfahren.

Eine Chance, auch die Älteren wieder zu erreichen

Ob die Jugendlichen manchmal mit der Jugend der Alten tauschen wollten? Eher nicht, das meiste klingt "zu streng", aber manches finden sie dann doch sehr spannend: "Früher war mehr Natur", erklärt Nele. "Mein Patenkind ist über die Dörfer und dann durch den Wald bis nach Kassel gelaufen. Das ist schon krass. Macht ja heute keiner mehr."

Und die Alten? Wären die gerne heute noch einmal jung? "Nein, das möchte ich nicht", sagt Irma Huck, "das ist mir zu viel mit den Smartphones und so". Trotzdem wollen die Konfirmanden die Älteren auch an ihrem Leben teilhaben lassen. Sie erzählen von Schule, Freunden und vom Fußballtraining. "Ich kann Ihnen auch mal mein Handy erklären", bietet Anselm Frau Huck an.

Anselm mit seinem Patenkind Irma Huck

Oberstes Ziel des Projekt ist es, dass Patenkinder und Paten ihre Lebenswelt näher zusammenbringen. Und obwohl Frau Schmidt und Lea mehr als ein halbes Jahrhundert trennt, haben sie doch viele Gemeinsamkeiten: Ein wenig aufmüpfig und trotzig sind beide. Sie verbindet ein rauer Charme. Man könnte sagen: Sie haben Feuer. Und neben all dem scheinen sie sich auch die ganze Zeit sehr gut zu amüsieren. Beide profitieren ganz offensichtlich von dem Kontakt.

"Es geht aber auch um eine besuchende Gemeinde. Wir suchen die Menschen sozusagen zu Hause auf", erklärt Pfarrerin Watschke. Viele der Patenkinder kämen aus der sogenannten Randgemeinde. Sie seien zwar noch Mitglieder, hätten letztlich aber nicht mehr viel mit Kirche am Hut. Der Kontakt mit Jugendlichen, die kurz vor ihrer Konfirmation stehen, sei auch eine Chance, die Älteren wieder zu erreichen.

Nach ihrer letzten großen Mitgliederbefragung stellte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) fest, dass Glaubensinhalte vor allem durch die Familie weitergegeben werden, doch immer weniger Eltern erziehen ihre Kinder religiös – die Weitergabe des Glaubens von einer Generation zur nächsten funktioniert immer schlechter. Kirchengemeinden sind deshalb aufgefordert, Junge und Ältere näher zusammenzubringen, auch wenn sie nicht miteinander verwandt sind. So kann die Gemeinde zu einer Art "Familie" werden, in der religiöse Traditionen nicht verloren gehen.

Das Patenkinder-Projekt in der Gemeinde Lutterberg, Benterode-Sichelnstein und Uschlag zeigt, dass die religiöse Sozialisation nicht nur in eine Richtung, von Alt zu Jung, sondern eben auch von Jung zu Alt geschehen kann. Auch der Gedanke einer erweiterten Familie scheint zu hier zu greifen: "Viele der Jugendlichen laden ihre Patenkinder zu ihrer Konfirmation ein. Die tauchen dann dort mit stolzgeschwellter Brust auf", erzählt Watschke.

Frau Schmidt und Lena freuen sich derweil vor allem aufs gemeinsame Kochen. Dann machen Sie dem Journalisten klar, dass es jetzt auch mal gut ist mit der Fragerei. Die beiden haben schließlich noch was vor.

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Infos zur Serie
Die evangelische Kirche schrumpft. Mitglieder und Geld werden weniger. Was bedeutet das für die Gemeinden? Viele sagen: "Jetzt erst recht!" Einige dieser Gemeinden hat evangelisch.de für unsere Serie "Jetzt erst recht! Gute Gemeinde-Ideen" besucht.

aus dem chrismonshop

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