Raju Sharma: "Wir sind nicht kirchenfeindlich"

Raju Sharma: "Wir sind nicht kirchenfeindlich"
Jede der fünf Fraktionen im Deutschen Bundestag hat einen Kirchenbeauftragten, jemanden, der den Kontakt zu den Kirchen hält und als Vermittler zwischen Parteifraktion und Kirche arbeitet. K. Rüdiger Durth trifft sich im Berliner Cafe "Einstein" Unter den Linden zum Gespräch mit den Kirchenbeauftragten – über ihre Arbeit, ihren Glauben, der Kirche und den Alltag als kirchennaher Politiker. Raju Sharma von "Die Linke" ist der nächste.

Gern ist der religionspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion "Die Linke", Raju Sharma, der Einladung zum Kaffee in das Cafe Einstein Unter den Linden in Berlin gefolgt. "Wir sind nicht kirchenfeindlich", betont er und sieht in zahlreichen Gebieten die Kirchen sogar als Bündnispartner der Linken als Bündnispartner der Kirchen.

[linkbox:nid=55329,57055,55555;title=Zum Kaffee mit...]

"Darf ich fragen, ob Sie einer Kirche oder Religionsgemeinschaft angehören?" Raju Sharma (47), religionspolitischer Sprecher der Fraktion "Die Linke" im 17. Deutschen Bundestag, antwortet sofort: "Konfessionslos, aber nicht a-religiös." Der in Hamburg geborene Sohn eines früh verstorbenen Inders (Hindu) und einer ebenfalls früh verstorbenen Deutschen (aus der evangelischen Kirche ausgetreten) studierte Jura, war Rechtsanwalt und Ministerialrat in schleswig-holsteinischen Diensten und seit 2009 Bundestagsabgeordneter. Bevor wir ins Gespräch kommen, bestellt er eine heiße Schokolade. Ab und zu wirft er einen Blick auf die Armbanduhr. Nein, die verabredete Stunde Zeit will er schon einhalten, aber dann... Zeit ist knapp für Abgeordnete, gleich welcher Fraktion.

Viele Werte von Humanismus und Christentum sind gleich

Raju Sharma ist - als religionspolitischer Sprecher der Linken - eingeladen zum National Prayer Breakfast in Washington. Reisen wird er unter anderem mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Volkmar Klein, dem Vorsitzenden des Evangelischen Arbeitskreises (EAK) Nordrhein-Westfalen der CDU/CSU. Er freut sich, dass man ihn eingeladen hat. Vor allem freut er sich auf die Gespräche in den USA. Denn kirchenfeindlich sind "wir" nicht, stellt er gleich zu Beginn des Gesprächs fest. Mit "wir" meint er selbstverständlich seine Fraktion, von der er allerdings einräumt, dass die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen weder einer Kirche angehören noch religiös sind.

"In vielen Dingen sind die Kirchen unsere Bündnispartner", sagt Sharma, und zählt aus seiner Sicht zahlreiche Gemeinsamkeiten seiner Partei mit den Kirchen auf: Entwicklungshilfe, Rüstungsexporte, Kampf gegen Neonazis, Hilfe für Flüchtlinge. Im Humanismus, der für die Linke so wichtig sei, gebe es viele wichtige Werte, die mit dem Christentum gleich seien: Solidarität, Nächstenliebe, Barmherzigkeit. Auch die Gespräche mit dem evangelischen Beauftragten bei Bundestag und Bundesregierung, Prälat Bernhard Felmberg, und dessen katholischen Kollegen Prälat Karl Jüsten schätzt Sharma, und Einladungen zu Kirchen- und Katholikentagen nimmt er gerne an. Die inhaltlichen Gemeinsamkeiten mit den Linken und die Gespräche mit den Kirchen sind für Raju Sharma "bedeutsam". Seine Schlussfolgerung: "Es gibt keine wirklichen Gegensätze." Dass in seiner Fraktion einige Mitglieder ganz bewusst Atheisten seien, führt er auf deren Sozialisation und Erziehung zurück.

Aber wie war das mit dem Flügel der Fraktion, der aus der alten DDR stammt? "Sie wollen auf Gregor Gysi hinaus?" fragt Raju Sharma spontan und wartet die Antwort - "unter anderen" - erst gar nicht ab: Der Fraktionsvorsitzende sehe in den Kirchen das in die Gesellschaft hinein Werte Vermittelnde. Und dies sei unabhängig davon, ob man selbst gläubig sei oder nicht.

"Die Staatsleistungen für Kirchen sind für beide Seiten ein schwieriges Thema"

Bereits während seiner Tätigkeit in der Kieler Staatskanzlei war Sharma mit Kirchenfragen beschäftigt. Das Thema hat ihn irgendwie nicht mehr verlassen, auch als Mitglied des Rechtsausschusses im Deutschen Bundestag. Das gilt auch für das Thema Staatsleistungen, an dem er bereits in Kiel gearbeitet hat. Er kündigt an, dass sich seine Fraktion auf seine Initiative hin sehr intensiv mit diesem Thema beschäftigen werde. Ziel sei es, einen Antrag zum Thema im Bundestag einzubringen.

Raju Sharma. Foto: Heidi Scherm

Die Staatsleistungen für die Kirchen, die noch auf die napoleonische Zeit zurückgehen, bezeichnet er als ein sehr schwieriges Thema. Für beide Seiten. Auch wenn in erster Linie die Länder gefragt seien, müsse doch der Bund zunächst ein entsprechendes Rahmengesetz erlassen. Hat Raju Sharma schon einmal ausgerechnet, um welche Geldsummen es sich überhaupt dabei handelt? Er hat. Insgesamt komme es wohl auf 460 Millionen Euro hinaus. Allerdings gebe es bei dieser Frage sehr unterschiedliche Überzeugungen, so dass es auch im Blick auf die tatsächliche Gesamtsumme unterschiedliche Meinungen gebe.

Die Ablösung der Staatsleistungen habe aber nichts mit dem Subsidiaritätsprinzip zu tun, das davon keineswegs berührt werde. Denn die von den Kirchen oder Religionsgemeinschaften erbrachten Sozialleistungen würden auch weiterhin vom Staat bezuschusst. Das sei doch selbstverständlich.

Bevor sich die Fraktion "Die Linke" aber erneut intensiv mit den Staatsleistungen beschäftigt, ist für Sharma ein anderes Thema vordringlicher – das kirchliche Arbeitsrecht, der Dritte Weg, der unter anderem kein Streikrecht vorsieht. "Ich respektiere den Tendenzschutz", sagt Sharma, aber die Kirchen müssten behandelt werden wie jeder andere Arbeitgeber auch. Auch Dumpinglöhne in der Diakonie (und Caritas) müssen aus seiner Sicht möglichst umgehend abgeschafft werden – zumal die Kirchen auf diesem Gebiet einen "hohen Wettbewerbsvorteil" hätten.

"Ich bin vehementer Pazifist"

Rahu Sharma tritt für eine Trennung von Staat und Kirche ein. Dass die Religionsfreiheit aller Menschen zu respektieren sei, verstehe sich für ihn von selbst. Allerdings würde er sich wünschen, wenn sich auch die Kirchen staatsneutral verhalten würden. Wichtig sei zudem, dass sich beide Seiten wertschätzen. Im Blick auf den Religionsunterricht - christlich wie islamisch - ist er für die Berliner Lösung, also verpflichtende Lebenskunde für alle Schüler und zugleich freiwilliger Religionsunterricht.

Wie steht es mit der Militärseelsorge? "Ich bin vehementer Pazifist", sagt Sharma, und hält sie "vom Prinzip her für fragwürdig". Allerdings gesteht er zu, dass Seelsorge für viele Soldaten sehr wichtig sein könne. Selbst beim Thema Kirchensteuer gibt sich der religionspolitische Sprecher der Fraktion Die Linke zurückhaltend: Die Kirchensteuer durchbreche zwar das Gebot der Neutralität, sei aber "kein wirkliches Thema".

Mit Blick auf die anderen Religionen weist Raju Sharma darauf hin, dass der Islam sicher eine "stärkere Bedeutung" erhalten werde, obwohl sich bei diesem Thema die Fragen der unterschiedlichen Kulturen und der Integration mehr vermischen würden.

Als Fazit bleibt: Das Verhältnis des religionspolitischen Sprechers der Fraktion "Die Linke" zu den Kirchen und Religionsgemeinschaften ist pragmatisch und von Respekt geprägt.


Raju Sharma (47), geboren in Hamburg als Sohn eines Inders und einer Deutschen. Er ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und von Beruf Rechtsanwalt. Viele Jahre gehörte er der SPD an und war in den Staatsdiensten Schleswig-Holsteins. 2009 wurde er für "Die Linke" in den Deutschen Bundestag gewählt. Er ist seit 2009 religionspolitischer Sprecher seiner Fraktion und seit 2010 Bundesschatzmeister seiner Partei.

K. Rüdiger Durth ist Journalist und Theologe in Bonn und Berlin und schreibt regelmäßig für evangelisch.de.