Sozialforum in Brasilien: Die Welt soll grüner werden

Sozialforum in Brasilien: Die Welt soll grüner werden
Von der Krise des Kapitalismus zur Green Economy: Tausende Globalisierungskritiker versammeln sich in dieser Woche in Südbrasilien. Sie diskutieren, feiern - und wollen den Regierenden Dampf machen: Für mehr soziale und ökologische Gerechtigkeit.
Deutschland spricht 2019

Das Weltsozialforum wird grün: Elf Jahre nach dem ersten Treffen kommen an diesem Dienstag wieder Globalisierungskritiker aus aller Welt im südbrasilianischen Porto Alegre zusammen. Angesichts von Hunger, Armut und Finanzturbulenzen wollen sie Auswege aus der "Zivilisationskrise" suchen. Aber ganz klar stehen diesem Jahr ökologische Fragen im Mittelpunkt. Denn im Juni tagt ein großer UN-Umweltgipfel mit Staats- und Regierungschefs in Rio des Janeiro: "Rio+20" soll der internationalen Umweltpolitik neuen Schwung geben, 20 Jahre nach der großen Umweltkonferenz von 1992.

Zum Weltsozialforum werden in diesem Jahr 20.000 Teilnehmer erwartet, die meisten aus Brasilien selbst. Unter dem Motto "Kapitalistische Krise, soziale und ökologische Gerechtigkeit" wird diskutiert, demonstriert und gefeiert. Auch die brasilianische Linksregierung mischt mit. Präsidentin Dilma Rousseff will möglichst nichts dem Zufall überlassen, schließlich will sie beim Umweltgipfel im Juni eine gute Figur machen.

Dilma Rousseffs Programm: "Brasilien ohne Elend"

Deshalb möchte die Staatschefin die Basisbewegungen im eigenen Land so weit wie möglich einbinden. Ganz im Stil ihres Vorgängers Luiz Inácio Lula da Silva kommt sie mit einer ganzen Ministerriege nach Porto Alegre, um für ihre Linie zu werben. Nebenbei wirft auch der brasilianische Kommunalwahlkampf seine Schatten voraus.

In Zeiten der Weltwirtschaftskrise müsse es in Rio auch um ökonomische und soziale Fragen gehen, meint Rousseff. Sie preist den sozialdemokratischen Kurs der südamerikanischen Mitte-Links-Regierungen, die auf die Stärkung der Binnennachfrage setzen, als Alternative zu neoliberalen Rezepten in Europa oder Nordamerika. Der südamerikanische Weg sei der beste Schutz vor "externen Turbulenzen". Hinzu komme "Brasilien ohne Elend", ihr neues Sozialprogramm für die Ärmsten der Armen.

Der sozial abgefederte Kapitalismus erfreut sich hoher Beliebtheit - eine nennenswerte Occupy-Bewegung sucht man in Südamerika vergebens. Kritiker von Rousseffs reformistischen Wachstumskurs bemängeln allerdings, die Regierung wolle auf dem Öko-Gipfel im Juni ihre eigenen Umweltsünden verschleiern: Der Bau des Großstaudamms Belo Monte in Amazonien, die drohende Aufweichung des Waldgesetzes und die Lockerung der Umweltauflagen für Großprojekte.

Kritik aus Deutschland: "nur ein grüner Anstrich..."

In Rio wollen die Globalisierungskritiker mit einem "Gipfel der Völker" den Regierenden Dampf machen. Diese Gegenveranstaltung wollen die Aktivisten in Porto Alegre vorbereiten. Mit dabei ist eine Delegation des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED) samt Partnern aus Afrika, Asien und Lateinamerika. Der EED-Welthandelsexperte Michael Frein bezeichnet den bisherigen Entwurf der Abschlusserklärung des Rio-Gipfels als herbe Enttäuschung. "Gerechtigkeitsfragen bleiben außen vor", sagt er.

Frein: "Es bestätigen sich unsere Befürchtungen, dass die vielgepriesene Green Economy nichts anderes ist als ein grüner Anstrich der bisherigen Weltwirtschaftsordnung." Er und seine Mitstreiter wollen, dass das Rio-Dokument einen Kurswechsel einschlägt: Hin zu mehr Verteilungsgerechtigkeit, umweltschonenden Konsummustern und der Akzeptanz, dass das Wirtschaftswachstum in wohlhabenden Ländern Grenzen haben muss, um den Planeten zu erhalten.

Der brasilianische Dominikanermönch Frei Betto, eine wichtige Stimme der lateinamerikanischen Linken, beschwört die Einheit von unten: "Die Umweltaktivisten und jene Kräfte, die überzeugt sind, dass es innerhalb des Kapitalismus keine Rettung für die Menschheit gibt, müssen an einem Strang ziehen. Nur so wird eine andere Welt möglich."

epd