Das Europäische Zentrum für Jüdische Musik: Lob und Kritik

Das Europäische Zentrum für Jüdische Musik: Lob und Kritik
Verschollene Klänge: Jüdische Orgelmusik hatte nach dem Zweiten Weltkrieg Seltensheitswert. Heute steht sie im Mittelpunkt des neu eröffneten Europäischen Zentrums für Jüdische Musik in Hannover. So verdienstvoll dessen Gründung ist, wird doch deutlich: Es gibt noch viel zu tun.

Andor Izsák steht am Eingang der Jugendstil-Villa Seligmann in Hannover und prüft die Stelle am Türpfosten, an der er eine Mesusa anbringen wird, eine Schriftkapsel mit Thoraabschnitten. Denn das 1.700 Quadratmeter große Bürgerhaus direkt am Stadtwald Eilenriede wird das Europäische Zentrum für Jüdische Musik (EZJM) beherbergen. Und dessen Gründer und Direktor Izsák, "im Herzen" ein orthodoxer Jude, wie er selbst sagt.

"Im Kopf bin ich liberal" - das erklärt seine Leidenschaft für die Orgel, die Mitte des 19. Jahrhunderts zur Spaltung der orthodoxen und der liberalen Juden führte. Gestritten wurde damals über die Einführung des als christlich geltenden Musikinstruments in den Gottesdiensten. Izsák selbst besucht jeden Sabbat und an jüdischen Feiertagen die orthodoxe Synagoge. Zugleich ist die jüdische Orgelmusik sein Lebenswerk. Seit 20 Jahren kämpft er für dieses Haus, eines der letzten Gebäude in Hannover mit einer jüdischen Geschichte.

Andor Izsák ist ein Mann mit einer Mission – als Musiker und Überlebender. 1944 geboren, entkam er als Säugling knapp dem Tod im Budapester Ghetto. Als Heranwachsender war er zehn Jahre lang Organist der konservativen Dohányi-Synagoge in Budapest, bis die Kommunisten solche jüdische Aktivitäten 1967 verboten. Er wurde Operndirigent und Musikwissenschaftler. Als er 1983 in die Bundesrepublik kam, suchte er nach dieser Musik, musste aber feststellten, dass sie kaum noch existierte.

"Die Musik ist traumhaft schön"

"Ich wusste, dass ich dafür programmiert bin, und dass ich diese Verantwortung trage", sagt er. "Sonst trägt sie niemand. Und es ist zu wenig, darüber zu sprechen - man muss die Musik erklingen lassen. Es wäre viel zu schade, dass mit mir diese Klangwelt verschwindet. Denn sie ist traumhaft schön und gehört zur europäischen Musikkultur." Die liturgische jüdische Orgelmusik, die vor der Shoah in 200 europäischen Synagogen erklang, verschwand fast völlig. Die Nationalsozialisten verbrannten die Synagogen samt Orgeln; die Kantoren wurden ermordet oder emigrierten mit ihren Noten. Manche Orgeln landeten in katholischen Kirchen, wie Izsák herausfand, die Organisten waren ohnehin meistens Christen.

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Um diese Forschungsarbeit zu institutionalisieren, gründete er 1988 das Musikzentrum, das er seitdem leitet. Es ist seit 1992 ein Institut der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, finanziell aber dank großzügiger Förderer und der direkten Finanzierung durch das Wissenschaftsministeriums weitgehend unabhängig. Die von Izsák ins Leben gerufene Siegmund-Seligmann-Stiftung erwarb 2008 die große Villa des jüdischen Industriellen Siegmund Seligmann von der Stadt Hannover und restaurierte sie aufwendig. Der umtriebige Netzwerker Izsák erhielt eine von der Lehre frei gestellte Professur.

Zurzeit arbeiten im EZJM drei Mitarbeiter, vier weitere sollen hinzukommen. Jahrelang residierte das Institut provisorisch auf dem Expo-Gelände in Hannover. In dieser Zeit erschienen ein Dutzend CDs synagogaler jüdischer Musik und eine sechsbändige Schriftenreihe über jüdische Musik in der NS-Zeit, traditionelle Synagogengesänge und gemischte Chöre. Die EZJM-Mitarbeiter organisierten eine Ausstellung über die Orgel in der Synagoge, 2010 wurde der professionelle Europäische Synagogalchor gegründet, der bislang auf mehreren Konzerten die jüdisch-liturgische Musik Europas präsentierte.

Wo bleibt die Wissenschaft?

In Hannover genießt Andor Izsák inzwischen einen hohen Bekanntheitsgrad und ist mit vielen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens befreundet. Seine Biografie schrieb der stellvertretende NDR-Intendant Arno Beyer. Besonders beliebt sind Izsáks Weinukka-Feste, eine Mischung zwischen dem jüdischen Chanukkafest und Weihnachten. So trage er zur Beliebtheit traditioneller jüdischer Musik in Hannover bei, sagt die Präsidentin der Hochschule, Susanne Rode-Breymann. Sie bereue nur, dass er "nicht unbedingt Studierende bedient" und hebt die Sammlungstätigkeit des Instituts hervor, die hinter der Forschung zurücktritt. Und obwohl sie diese sehr wichtig sei, erhalte sie Nachfragen, "ob wir uns das in Zeiten der Mittelknappheit leisten können".

Jascha Nemtsov, Experte für jüdische Musik, ist noch kritischer. Die jüdischen Komponisten Louis Lewandowski und Salomon Sulzer, die fast alle Melodien für die liberalen Gottesdienste verfassten, seien "zweitrangige Musiker". Auch sei nichts explizit Jüdisches an ihrer Orgelmusik: "Izsáks Publikum liebt die Melodien, weil es sie aus der Kirche kennt." Tatsächlich sei das EZJM aber die einzige Institution in Deutschland, die sich dieser Musik zuwende.

Gleichwohl hält man gerade in der jüdischen Gemeinde Distanz zu Izsák. Michael Fürst, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Hannover, würdigt zwar den Erfolg seines Gemeindemitglieds, kritisiert aber, dass nur zwei jüdischen Vertreter dem Kuratorium der Seligmann-Stiftung angehörten. Für die jüdische Gemeinde Hannover habe das neue Zentrum "gar keine Bedeutung", sagt er. Gabor Lengyel, Rabbiner der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Hannover, betont, Izsáks musikalische Tradition sei den russischen Juden, die die überwiegende Mehrheit der Gemeinden bilden, fremd. Er bedauert, dass Izsák bislang nicht versucht habe, seine Musik stärker in die jüdische Gemeinschaft einzubringen.

Große Pläne - und viele Aufgaben

Der EZJM-Direktor hat freilich viele Ideen für neue Projekte. Seine Privatsammlung wird erforscht, Konzerte sollen mitgeschnitten werden, ein Tonstudio, ein Archiv und eine Bibliothek sind geplant. Drei der sieben Orgeln, die er sammelte, finden hier Platz. Aber Izsák, der in vlielerlei Hinsicht das EZJM verkörpert, ist heute 67 Jahre alt und geht bald in den Ruhestand. "Die Zukunft des Instituts hängt davon ab, ob ein seriöser Forscher gebracht wird und ob das Institut die jüdische Musik in allen Facetten erforschen wird, nicht nur bezogen auf die liberale Synagogenmusik, die nur einen winzigen Teil ausmacht", sagt der Musikexperte Nemtsov.

Hochschulpräsidentin Rode-Breymann sieht den Ort als Verpflichtung für künftige Wissenschaftler an, "weil man in diesem Haus jüdische Kultur spürt". Der Lokalhistoriker Peter Schulze wiederum schränkt ein, das repräsentative Wohnhaus des langjährigen Direktors der Continentalwerke sei keine Einrichtung der jüdischen Gemeinde und weise keinerlei jüdischen Symbole auf: "Seligmann war zwar Mitglied der Synagogengemeinde in Hannover, ließ jedoch eine Familiengrabstätte auf dem städtischen Friedhof bauen." Eine Mesusa hatte er wohl am Türpfosten niemals angebracht.

Die Kontroverse um das Europäische Zentrum für Jüdische Musik wird andauern.


Igal Avidan ist freier Journalist in Berlin.

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