Wormser Juden: "Mainz hat uns die Luft abgewürgt"

Wormser Juden: "Mainz hat uns die Luft abgewürgt"
In Worms kämpft ein Verein russischsprachiger Juden darum, dass es in der geschichtsträchtigen Stadt wieder eine eigenständige jüdische Gemeinde gibt. Die Idee galt lange als utopisch und stößt auch jetzt auf Widerstände.

Jüdische Pilger aus aller Welt besuchen die Gräber berühmter Thora-Gelehrter auf dem fast 1.000 Jahre alten Friedhof Heiliger Sand, wandern auf den Spuren des legendären Rabbi Raschi um die mittelalterliche Synagoge. Ausgerechnet in Worms, neben Mainz und Speyer das Zentrum des europäischen Judentums im Mittelalter, gibt es heute keine eigenständige jüdische Gemeinde mehr. Der Versuch, eine solche Gemeinde zu etablieren, sorgt zurzeit für einen handfesten Krach zwischen dem jüdischen Landesverband, der Gemeinde Mainz und einer Gruppe russischsprachiger Wormser Juden.

Larissa Grinblat hat viele Pläne: "Wir wollen selbstständig sein, unsere Feiertage alleine feiern. Unsere Kinder sollen Russisch lernen, die älteren Leute Deutsch", sagt die Bürokauffrau, die Ende der 1990er Jahre von Saratow an der Wolga nach Deutschland übersiedelte und seit zwölf Jahren in Worms lebt. Als Anhängsel der Jüdischen Gemeinde Mainz seien die Wormser vielfach benachteiligt. Die Hoffnungen der Zuwanderer auf ein eigenständiges jüdisches Leben in der Stadt seien vom Mainzer Gemeindevorstand enttäuscht worden: "Man hat uns nach und nach vergessen."

Heute sei die historische Wormser Synagoge faktisch ein Museum, ärgert sich Grinblat. Ihren Angaben zufolge sind von den 130 registrierten Wormser Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde Mainz mittlerweile 60 zugleich der im Juni gegründeten "Israelitischen Gemeinde Worms e.V." beigetreten. Die Mitgliederliste des Vereins hält sie mit der Begründung unter Verschluss, es habe Drohungen gegen Menschen gegeben, die das Anliegen auf eine eigene Gemeinde unterstützt hätten.

"Heute ist die historische Wormser Synagoge faktisch ein Museum"

Auf wenig Sympathie stößt Grinblats Initiative beim Jüdischen Landesverband, in dem die fünf offiziell anerkannten Gemeinden Mainz, Koblenz Trier, Bad Kreuznach und die Gemeinde der Rheinpfalz zusammengeschlossen sind. Die Zersplitterung der etwa 3.300 rheinland-pfälzischen Juden in Gemeinden mit 130 Mitgliedern sei nicht praktikabel, warnt der Verbandsvorsitzende Peter Waldmann. Die Neugründung von Gemeinden hält er unter rheinland-pfälzischen Bedingungen für "kontraproduktiv". Vorbeter, Jugend- und Sozialarbeit oder der Kiddusch, der traditionelle Imbiss nach dem Vormittagsgottesdienst, wären nicht mehr finanzierbar.

"Die Mainzer Gemeinde versucht, auch in Worms jüdisches Leben aufrechtzuerhalten", versichert Waldmann. Nach Angaben von Stella Schindler-Siegreich, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mainz und selbst eine Wormserin, finden in der Wormser Synagoge vierzehntägig Gottesdienste statt. Für die örtliche Gemeinde gebe es Veranstaltungen an allen wichtigen jüdischen Feiertagen und am 9. Mai - dem in der ehemaligen Sowjetunion gefeierten Jahrestag des Sieges über Hitler-Deutschland. Larissa Grinblat hält diese Darstellung allerdings für Schönfärberei.

"Die Mainzer Gemeinde versucht, auch in Worms jüdisches Leben aufrechtzuerhalten"

Für den Landesverband kommt der neue Streit mit den Wormser Juden denkbar ungelegen, denn seit Jahren gibt es bereits einen ganz ähnlichen Konflikt mit der "Jüdischen Gemeinde Speyer", die dem Landesverband nicht angehört, aber dennoch einen Anteil der Landesfördermittel für sich einfordert. Bei einem bevorstehenden Gerichtsprozess in Mainz im Frühjahr 2012 wollen die Speyerer durchsetzen, dass sie und nicht die offiziell anerkannte Jüdische Gemeinde der Rheinpfalz als Rechtsnachfolgerin der Vorkriegsgemeinde anerkannt wird.

Aber auch die eigenständige Wormser Gemeinde kann die geplanten Aktivitäten derzeit ohnehin nur begrenzt verwirklichen. Per Anwaltsschreiben wurde Grinblat und der "von Ihnen geführten Gruppierung" die Nutzung der Gemeinderäumlichkeiten untersagt, die die Stadt Worms der Jüdischen Gemeinde Mainz im "Haus zur Sonne" neben der Synagoge zur Verfügung gestellt hatte. Für ihre Treffen mieten die Wormser Juden jetzt einen Versammlungssaal.
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epd