"Botschaft des Engels": Gottesdienst aus Afghanistan

"Botschaft des Engels": Gottesdienst aus Afghanistan
Direkt aus Maz?r-i Scharif in Afghanistan überträgt der Deutschlandfunk seinen diesjährigen Heiligabend-Gottesdienst. Wir dokumentieren die Predigt von Militärpfarrer Torsten Amling.

An Heiligabend haben Bundeswehrsoldaten in Afghanistan einen Gottesdienst gefeiert. Der Gottesdienst im Feldlager bei der nordafghanischen Stadt Masar-i-Scharif stand unter dem Thema "Fürchtet Euch nicht!" und wurde vom Deutschlandfunk übertragen.

Der evangelische Militärpfarrer Thorsten Amling sagte in seiner Predigt, bis heute sei mit der Geschichte von der Geburt Jesu ein Menschheitstraum verbunden, der Traum von Frieden auf der Welt. Dass deutsche Soldaten und Zivilisten in Afghanistan Weihnachten feiern, sei auch ein Zeichen dafür, dass die Welt nicht heil und nicht in Ordnung sei.

Es sei gelungen, Afghanistan friedlicher und menschlicher zu machen, sagte der Militärpfarrer und fügte hinzu: "Aber es reicht noch nicht." Die Menschen in Afghanistan sehnten sich nach Frieden. Ihn zu erhalten setze allerdings gegenseitigen Respekt voraus und Menschenrechte für alle.

Eine Band und ein Chor von Bundeswehrsoldaten wirkten an der Gestaltung des Gottesdienstes mit. Derzeit sind rund 4.700 Soldaten im Camp Marmal stationiert. Gefeiert wurde der Gottesdienst im Haus Benedikt, einer Kapelle im internationalen Feldlager. Dort finden regelmäßig Gottesdienste in deutscher Sprache statt.

epd

Die Predigt von Militärpfarrer Torsten Amling im Wortlaut:

Liebe Gemeinde hier im Feldlager und zu Hause in Deutschland an den Radios!

Hier bei uns hängen überall Bilder von Land und Leuten. An einem war ich schon bestimmt schon zehnmal vorbei ohne es wirklich wahrzunehmen, als jemand zu mir sagte: he, das ist ein Weihnachtsbild. Ein Mann, in weiten Hosen, darüber ein Gewand und einen Turban auf dem Kopf führt einen Esel. Darauf sitzt ein junges Mädchen. Im Hintergrund ein Gebirgszug, sonst nur Steine und Wüste.

Zwei Menschen unterwegs, durch eine unwirtliche Landschaft, mit ungewisser Zukunft. So sieht es heute hier aus. Das Foto ist aktuell.

So sah es auch vor 2000 Jahren aus. Zwei Menschen unterwegs und am Ende des Tages wird ein Kind geboren. In einem Stall oder auch nur einer Höhle. All' das findet sich bis heute hier in Afghanistan. Keine zwei Kilometer Luftlinie von der Kirche entfernt haben Menschen ihre Behausungen in einen Fels gehauen.

Ich brauche nur von einem der Wachtürme in die Landschaft zu schauen, dann sehe ich eine Schafherde mit ihrem Hirten. Gerade in diesen Tagen sind die Tiere auf der Suche nach dem letzten bisschen Grün, das vom Sommer übrig geblieben ist. Dazu noch Staub und Kälte. Eine ziemlich realistische Kulisse, wenn man sich die Geburt Christi vorstellen will. So ähnlich muss die Ärmlichkeit ausgesehen haben, in die hinein der Engel seine Botschaft verkündet hat: "Fürchtet euch nicht! Siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird"

Aber geht es am Heiligabend darum, diese Realität nachzuempfinden? Eher nicht. Was wir mit Weihnachten verbinden, das ist doch zunächst der Wunsch nach ein paar besinnlichen Tagen. Zusammensein mit den Menschen, die wir mögen und lieben. Für die man ein Geschenk ausgesucht hat. Weihnachtslieder, Gutes Essen. Die Sehnsucht nach einer heilen Familie.

Für manche mag die Erinnerung im Vordergrund stehen: wie es früher einmal war, als die Kinder noch im Haus waren. Als die Tür zur Bescherung geöffnet wurde.

Immer soll Weihnachten alles ein bisschen besser sein als das Jahr über. Vielleicht ein bisschen heiler.

"So gut es geht, feiern

wir auch Weihnachten"

 

Und das ist hier nicht anders als zu Hause in Deutschland. So gut es geht, feiern wir auch Weihnachten. Fern der Heimat schätzen viele so manche Tradition womöglich besonders. An den vergangenen Sonntagen hatten wir einen kleinen Adventsmarkt. Fröhliche Gesichter aus vielen Ländern. Mein holländischer Kollege sagte zum norwegischen: Du musst unbedingt die deutschen Bratwürste probieren, die sind wirklich sehr gut. 

Das gehört alles irgendwie dazu zur Advents- und Weihnachtszeit: feiern und fröhlich sein, Erinnerungen an die Kinderzeit. Der Tannenbaum in den Stuben.

Die Spur all dessen führt zurück in den Stall von Bethlehem. In die ärmlichen Umstände der Geburt eines Kindes.

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Bis heute ist mit der Geburtsgeschichte Jesu ein Menschheitstraum verbunden. Der Traum von Frieden auf der Welt. Von Glück und Geborgenheit. Den Traum, dass niemand mehr hungern muss und jeder sein Auskommen hat. Die Vorstellung von einer heilen Welt im Großen wie im Kleinen. Dass Menschen sich nicht verletzen. Dass sie menschlich und liebevoll miteinander umgehen. Und zwar das ganze Jahr über - nicht nur in diesen wenigen Weihnachtstagen.

Vielleicht spiegelt sich in den Traditionen, dieses Fest zu feiern, ja doch diese ursprüngliche, weihnachtliche Freude. Vielleicht hat das Streben nach Frieden, Glück und Zufriedenheit ja doch etwas mit der Botschaft des Engels zu tun. Damit, was wir aus dieser Geschichte gemacht haben und was sie mit uns gemacht hat.

Freuen wir uns an diesem Heiligabend doch einfach einmal darüber, dass es uns so wohl geht. Dass wir viel mehr als das Nötigste haben. Sogar hier. Viele Familien, aber auch fremde Leute aus Deutschland haben an die Soldaten hier gedacht mit hunderten von Geschenkpaketen: zusammen 78 Tonnen.

Reden wir heute nicht darüber, dass mancher weihnachtliche Konsum übertrieben, vieles überflüssig und unnötig ist. Freuen wir uns und danken, für das, was wir an Gutem haben. Denn nur auf dieser Basis können wir etwas für andere tun, ihnen helfen.

"Die Botschaft des Engels

ist nie vergessen worden"

 

Das hat alles mit der Botschaft des Engels im Stall von Bethlehem zu tun. "Fürchtet Euch nicht! Denn euch ist heute der Heiland geboren". Das Ereignis, das der Engel verkündet, hat Folgen für die Menschheit. Denn wenn Gott Mensch wird, dann soll es auch unter den Menschen menschlich zugehen. An diesem Traum, an dieser Verheißung haben Menschen festgehalten. Sie sind Irrwege und Umwege gegangen. Auch durch Zeiten, die unmenschlich, die zum Fürchten waren.

Aber die Botschaft des Engels ist nie vergessen worden. Gott kommt zu den Menschen, zeigt sich in menschlicher Gestalt und fordert somit geradezu Menschlichkeit ein. Weihnachten – das ist also nicht nur eine Stimmung, ein Gefühl, das einmal im Jahr gut tut. Diese Geburt wie sie die Bibel erzählt, hat eine weitreichende Konsequenz. Die Geschichte von der Heiligen Nacht will sagen: Gott ist mitten in unserer Welt.

Er begegnet mir im Menschen Jesus Christus und somit auch in Menschen wie du und ich. Wenn das so ist, dann sehe ich auch meine Mitmenschen anders. Ich respektiere sie. Ich lasse ihnen Platz zum Leben. Wenn das so ist, dann will ich ein freies, sicheres Leben führen und wünsche das auch anderen. Dann will ich ein vor Gott selbstbestimmtes Leben führen und räume das auch anderen ein. Gestehe ihnen ihr Recht aufs Menschsein zu.

Damit stellt sich auch die Frage der Menschenrechte. Gilt das eben Gesagte für alle Menschen und überall auf der Welt gleich? Oder lebt jede Kultur nach ihren eigenen Werten, die wir respektieren, ganz gleich, welche Folgen das hat.

Diese Frage ließe sich hier in Afghanistan schön durchbuchstabieren. Wie sah es aus vor zehn Jahren? Nach zwanzig Jahren Krieg. Ist es gelungen, das Land friedlicher, menschlicher zu machen. Ganz sicher. Aber es reicht noch nicht. Was kann man für die Menschen tun. Was wollen sie überhaupt, dass man für sie tut. Sie sehnen sich nach Frieden, soviel ist sicher. Aber wie lässt der sich erhalten. Nicht ohne gegenseitigen Respekt. Nicht ohne Menscherechte für alle. Nicht ohne Menschlichkeit. So viel ist sicher.

Schnelle Fragen -

schwierige Antworten

 

Da ist sie wieder, die Botschaft des Engels: wenn ich sie ernst nehme, wenn ich sie sogar als Maßstab nehme - dann stürzt sie in Konflikte. Dann gibt es keine einfachen Lösungen. Dann zwingt sie auch dazu, nein zu sagen, nämlich immer dann, wenn Menschen irgendwie auf der Strecke bleiben.

All das höre ich, wenn der Engel sagt: "Fürchtet euch nicht! Siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird"

Es ist gut, diese Stimme im Ohr zu haben. Diesen Traum weiterzuträumen, zu hoffen, dass sich etwas ändern lässt für unsere große Welt und unsere manchmal so kleine, alltägliche.

Aber das verschärft die Frage: Wie passt das zusammen, die Geschichte von der Geburt des Erlösers und unsere Welt wie sie bis heute ist? Jeden Tag die Bilder aus Ägypten, aus Syrien, vor ein paar Tagen wieder aus Bagdad. Gott sei Dank im Moment nicht mehr so oft hier aus Afghanistan.

Man kann sagen: Engelsbotschaft hin oder her. Friedensträume. Erlösung. Das ist doch weltfremd. Schaut euch die letzten 2000 Jahre an, was hat sich denn geändert? Gibt es nicht immer noch Kriege auf der Welt, Elend, Leid, unnötiges Sterben und Hunger? Gehen die Menschen denn anders miteinander um als damals? Dass deutsche Soldaten und Zivilisten heute hier in Afghanistan Weihnachten feiern, das ist doch ein Zeichen dafür, dass unsere Welt nicht heil, nicht in Ordnung ist.

Die Fragen sind leicht gestellt. Die Antworten sind ein bisschen komplizierter.

"Wir brauchen Traum

und Realität"

 

Vor ein paar Tagen sagten mir zwei junge Soldaten: "Wir sind froh, das hier erlebt zu haben. Man sieht vieles mit anderen Augen, wenn man nach Hause kommt. Manche Probleme werden ein bisschen kleiner. Nach dem zehnten Mal durch ein Dorf, fällt es gar nicht mehr auf, dass viele Kinder in dieser Jahreszeit barfuss in ihren Plastiklatschen auf der Straße stehen. Man weiß, dass man nicht allen helfen kann, jedenfalls nicht gleich. Es braucht Zeit, das muss man erst lernen. Gerade wenn man unsere Maßstäbe anlegt."

Man kann an solchen Bildern zerbrechen und resignieren oder man kann sich sagen: das ist nicht das letzte Wort. Das ist nicht die Welt, die Gott für uns vorgesehen hat. Und deshalb geben wir nicht auf, sie zu verändern.

Das ist die Engelsbotschaft. Die Weihnachtsgeschichte warnt davor, weltfremd zu werden. Die Geschichte dieser Heiligen Nacht erinnert an die Ärmlichkeit und Zerrissenheit dieser Welt. Sie hält aber auch den Wunsch und die Hoffnung auf eine bessere Welt wach.

Wir brauchen beides. Den Traum und die Realität. Den Traum, um an den Worten des Engel festzuhalten: "Fürchtet euch nicht! Siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird" Damit wir uns nicht abfinden mit der Welt wie sie ist. Mit Unfrieden und Ungerechtigkeit. Mit Elend und Missständen.

Und wir brauchen die Realität, die ärmlichen Umstände der Geburt, damit wir nicht weltfremd werden. Weltfremd in dem Sinn, nicht nur auf ein Ziel auf eine Utopie hin zu leben, sondern sie schon für die Wirklichkeit zu halten. Eine Welt ohne Gewalt ist ein gutes und lohnenswertes Ziel, aber es ist leider nicht die Realität, die uns umgibt. Deshalb ist es auch notwendig, Gewalt einzudämmen. Alles andere wäre weltfremd.

"Glaube schützt nicht

vor Schicksalsschlägen"

 

In dieser Spannung steht die Botschaft des Engels: zwischen der Welt, so wie sie ist und uns täglich umgibt – und der Welt, wie sie wohl erst am Ende der Zeit sein wird.

Die Hirten in der Weihnachtsgeschichte gehen ja weiterhin ihrer mühsamen Arbeit nach. Sie werden weiterhin Angst um ihre Schafe gehabt haben. Joseph und Maria werden auch nicht materiell reich durch die Geburt ihres Kindes. Ihre Probleme und Schwierigkeiten, das tägliche Leben zu meistern, lösen sich keineswegs. Es wird erzählt, dass sie fliehen mussten, vor einem machtgierigem Herrscher, dem Menschenleben nichts zählen.

Für jeden von uns trifft das doch in der einen oder anderen Weise genauso zu. Wir bleiben trotz Weihnachten in der Welt, in der wir leben. Mit allem, was dazu gehört. Wer Gott vertraut, wer an Gott glaubt, dem erfüllen sich nicht alle Wünsche. Der ist vor Schicksalsschlägen nicht gefeit. Aber er träumt diesen großen Traum, er hofft diese große Hoffnung. Er kann mit dem Satz des Engels im Ohr durchs Leben gehen: Fürchtet euch nicht! Fürchte dich nicht!

Ich werde dennoch weiterhin Angst haben. Weiterhin manchmal versagen oder schuldig werden. Aber wenn ich mit Gott rechne, dann kann ich ihm das sagen, schreien, flüstern oder auch nur stumm in Gedanken mitteilen. Dann ist da jemand, der mir zuhört, wenn vielleicht alle anderen Ohren taub sind. Dann kann ich ihm - wie einem Menschen – alle Sorgen sagen. Ich kann vielleicht wieder neu hoffen oder Mut finden. Ich kann danken für alles, was gelingt. Danke sagen für alles Schöne im Leben. Auch für so ein Fest wie Weihnachten hier im Feldlager.

Botschaft an

die ganze Welt

 

Der Engel richtet seine Botschaft der ganzen Welt aus. Das bedeutet überall. In Deutschland und auch in Afghanistan. "Fürchtet euch nicht! Siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird … denn euch ist heute der Heiland geboren. … Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens."

Deshalb hat uns Gott dieses Fest geschenkt.

Dass wir wie die Hirten unseren Alltag unterbrechen und auf die Stimme des Engels hören. Dass wir wie sie auf den Weg machen, um Gott zu suchen. Weihnachten erinnert uns daran, wie es sein kann und wie es sein soll. Deshalb sollen wir es auch feiern, mit allem, was dazu gehört. Mit Liedern und Geschenken, gutem Essen, mit Versöhnung oder verzeihen, je nachdem. Ganz gleich wo auf der Welt.

Wir Menschen brauchen dieses Fest von der Menschwerdung Gottes, diesen Traum von der heilen Welt. Und Gott selbst kommt uns darin entgegen. Amen.