"German Christmas Market" auf der ganzen Welt

"German Christmas Market" auf der ganzen Welt
Der deutsche Weihnachtsmarkt ist ein Exportschlager. Es gibt ihn mittlerweile in Großbritannien, Italien, Japan, Kanada und in den USA, inklusive "Gluhwein", "Wurster con Crauti" und "Pretzels". Tatsächlich sind die romantisch-stimmungsvollen Weihnachtsmärkte mit Zimtduft, Adventsmusik und Dekoverkauf eine deutsche Erfindung.

Wenn schon "German Christmas Market", dann gleich als Komplettpaket: Florenz hat den Heidelberger Weihnachtsmarkt importiert, Birmingham und Leeds den Frankfurter (inklusive "Kaffeestubb"), im japanischen Sapporo wird der Müncher Weihnachtsmarkt kopiert, und das Nürnberger Christkindl hat es bis nach Chicago geschafft. Glühweinduft und Christbaumschmuck all over the world.

Tatsächlich ist der Weihnachtsmarkt eine deutsche Erfindung. Allerdings - wann und wo es den allerersten Weihnachtsmarkt gab, lässt sich kaum nachvollziehen, obwohl die Städte Bautzen (Weihnachtsmarkt ab 1384) und Dresden (1434) jeweils von sich behaupten, der älteste zu sein. Doch bei näherem Hinsehen waren die Märkte im 14. Jahrhundert keine Weihnachtsmärkte im heutigen Sinn.

Im Mittelalter gab es im Dezember Märkte, auf denen die Menschen sich zum Beispiel mit warmer Winterkleidung, Körben, Kerzen und Nahrungsmitteln eindeckten. Angestellte bekamen häufig einen "Weihnachtspfennig" ausgezahlt und freuten sich, das Geld auf dem Markt ausgeben zu können. Gleichzeitig war der Gang zum Markt auch eine Gelegenheit, um sich untereinander kennenzulernen, erläutert der Bonner Volkskundler Helmut Groschwitz. Das waren die Wintermärkte des Mittelalters - und die sind zu unterscheiden von den Weihnachtsmärkten der Neuzeit.

Ungefähr ab 1700, so der Theologe und Autor Michael Kotsch, wurden aus den Versorgungsmärkten Vergnügungsmärkte. Die Oberschicht in den Städten wollte mehr Luxus und Zerstreuung - es war die Zeit des Hochbarock. Hinzu kam als eine Auswirkung der Reformation der Bedarf nach Weihnachtsgeschenken, wofür niemand geringeres verantwortlich ist als Martin Luther.

Geschenke-Boom durch Luther und die Spielzeugindustrie

Der deutsche Reformator hatte 1535 das Christkind erfunden. Weil ihm die Verehrung von Heiligen missfiel, hatte Luther den Brauch des Schenkens zum Nikolaustag abgeschafft, er wollte Christus ins Zentrum der Weihnachtsfeiern rücken. Bis heute bringt deshalb in protestantischen Gegenden das Christkind die Geschenke, und zwar am Abend des 24. Dezember. Auf Weihnachtsmärkten waren in der Nachreformationszeit zum Beispiel Puppen und Holzpferde zu bekommen. Zwischen 1700 und 1800, so Michael Kotsch, enstanden in Deutschland eine ganze Reihe von Weihnachtsmärkten.

Der Bonner Volkskundler Helmut Groschwitz sieht den Beginn der neuzeitlichen Weihnachtsmärkte erst im 19. Jahrhundert, als im Thüringer Wald und im Erzgebirge eine starke Spielzeug- und Weihnachtsschmuckindustrie entstanden war. Die Märkte - insbesondere auch der Christkindlmarkt in Nürnberg, die Stadt lag an wichtigen Handelswegen - waren praktisch Verkaufsmessen für Weihnachtsartikel: Räuchermännchen, Weihnachtspyramiden und Christbaumkugeln waren hier zu bekommen. Bürgerliche Familien brauchten die Holz- und Glas-Deko, um ihre Wohnstuben zu Weihnachten möglichst heimelig zu schmücken. Auch die Verbreitung des Weihnachtsbaumes aus dem Elsass nach Deutschland hängt mit der bürgerlich-familiären Inszenierung des Christfestes ab dieser Zeit zusammen. 

Die Weihnachtsgeschenke wurden immer größer, und bald waren sie - zumindest in den Städten - in Kaufhäusern zu bekommen. Dadurch haben die Weihnachtsmärkte laut Michael Kotsch einen weiteren Wandel erfahren: Statt Spielsachen gab es im Laufe des 19. Jahrhunderts mehr und mehr Vergnügungsangebote auf den Märkten - Musikvorführungen, Knabbereien, Glühwein - aber nach wie vor auch Weihnachtsdekoration wie Kerzen, Glasprodukte und Christbaumschmuck.

Frankreich, Italien und Großbritannien

Die deutsche Weihnachtsmarktromantik des 19. Jahrhunderts verbreitete sich im gesamten deutschen Sprachraum, besonders in protestantischen Gegenden. So liegt der französische Weihnachtsmarkt-Schwerpunkt im Elsass: Die Fachwerk-Kulissen von Straßburg und Colmar bieten das ideale Ambiente. Die französische Hauptstadt hat die Tradition gern übernommen: In Paris gibt es mittlerweile unzählige Weihnachtsmärkte. Eine spezielle Tradtion von "marchés de noel" hat sich außerdem in der Provence in Südfrankreich herausgebildet: Hier verkaufen Händler besondere Krippenfiguren aus Terracotta, die Santons.

Der größte Weihnachtsmarkt auf italienischem Boden ist der Christkindlmarkt in Bozen - also in Südtirol und damit im deutschen Sprachraum gelegen, ebenso wie Meran mit seinem "Meraner Advent". Erst über den Weihnachtsmarkt in Florenz kann man mit Recht behaupten, dass er ein Exportprodukt ist: Auf Italienisch heißt Weihnachtsmarkt "Mercatino die Natale". Florenz hat den eher kleinen Mercatino di Heidelberg kopiert. Hier werden "prodotti tipici" angeboten, für die es im Italienischen keine Vokabeln gibt: "vin brulé" und "wurster con crauti". 

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Am meisten stehen offenbar die Briten auf deutsche Folklore: In London gibt es den Kölner Weihnachtsmarkt als Kopie, und Birmingham, die Partnerstadt von Frankfurt am Main, veranstaltet seit zehn Jahren den "Frankfurt Christmas Market", der mittlerweile von 24 auf 180 Stände angewachsen ist und jährlich über drei Millionen Besucher anzieht. Nach Angaben von Birmingham Marketing ist es der größte "German market" auf der Welt außerhalb on Deutschland und Österreich. Briten und Touristen decken sich dort mit "handmade toys, Christmas decorations, jewellery, clothing and craft goods" ein. Weitere Frankfurt Christmas Markets gibt es in Manchester, Edinburgh und Leeds, wo die Besucher unter anderem "gluhwein, bratwurst sausages, goulash, soups, schnitzels, stollen, gingerbread and candied fruits" genießen - oder gleich in der "Frankfurter Kaffee Stubb" einkehren.

"Enchanting atmosphere" in Vancouver und Osaka

Auch Kanadier scheinen deutsche Folklore im Advent zu mögen: auf dem Vancouver Christmas Market gibt es in "little wooden huts", umgeben von "rows of Christmas trees with thousands of fairy lights", unter anderem Feuerzangenbowle, Weissbier, Bratwurst und Lebkuchen zu kaufen - und natürlich nützliche Dinge wie "nutcrackers in various sizes". Videos auf der homepage verdeutlichen die "truly enchanting atmosphere", und Marktgründer Malte Kluetz, ein Deutscher, erzählt, wie sehr er Ofenkartoffeln und Bratäpfel in seiner neuen Heimat Kanada vermisst hatte - bis er den deutschen Weihnachtsmarkt in Vancouver ins Leben rief.

Der Weihnachtsmarkt-Export in die ganze Welt ist auch dadurch möglich geworden, dass die Veranstaltungen mit dem christlichen Fest nur noch wenig zu tun haben. In den letzten 20 Jahren, so Michael Kotsch, hätten sich die Märkte immer mehr "entkirchlicht" und zu folkloristischen Winterveranstaltungen entwickelt. Und die funktionieren auch im nicht-christlichen Ausland: So gibt es mittlerweile deutsche Weihnachtsmärkte in Shanghai, Hongkong, Tokio und Abu Dhabi.

Auch Japaner stehen auf Winter-Folklore auf Europa: Während die japanische Stadt Sapporo den "Münchner Weihnachtsmarkt" kopiert, versucht die Hafenstadt Osaka, Partnerstadt von Hamburg, alles ein wenig größer zu gestalten als anderswo: Der deutsche Weihnachtsmarkt findet rund um den größten künstlichen Weihnachtsbaum der Welt statt (die "Tanne" ist angeblich 32 Meter hoch), bietet eine Krippe mit lebensgroßen Figuren und den größten Adventskalender Asiens. Japanische Deutsch-Studenten und deutsche Japanisch-Studenten sind damit beschäftigt, den Besuchern zu erklären, was das eigentlich ist - ein "German Christmas Market". 


Anne Kampf ist Redakteurin bei evangelisch.de und zuständig für die Ressorts Politik und Gesellschaft.