Crossmedialität: Der mühsame Weg aus dem Neandertal

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Crossmedialität: Der mühsame Weg aus dem Neandertal
Wie sich Regionalzeitungen auf die schöne neue Welt einstellen
Die Zukunft der Zeitung ist crossmedial. Diese Lektion haben die meisten Verantwortlichen der Lokalredaktionen gelernt. Doch die Realität sieht weithin anders aus. Eine beim 20. Forum Lokaljournalismus der Bundeszentrale für politische Bildung präsentierte Studie weist Defizite im Mentalen wie in der Praxis aus.

Die Leser der "Ruhr-Nachrichten" in Dortmund finden auf der Website ihrer Zeitung Neues aus Stadt und Region, ständig je nach Nachrichtenlage aktualisiert. Eine kategorische Direktive wie "Online first" gibt es jedoch nicht. "Wir versuchen täglich den Spagat zwischen Aktualität online und fundierten Hintergrundinformationen in der gedruckten Zeitung", erläutert Philipp Ostrup, Leiter der Lokalredaktion Dortmund, das Konzept.

Die digitalen Angebote einzelner Lokalredaktionen der "Hessisch-Niedersächsischen Zeitung" (HNA) in Kassel wie das von Witzenhausen werden im Monatsdurchschnitt häufiger angeklickt als die der "HNA"-Ressorts Politik und Wirtschaft zusammen. Ein großer Teil der deutschen Lokalzeitungen wie der "General-Anzeiger" in Bonn, die "Neue Westfälische" in Bielefeld und die "Sächsische Zeitung" in Dresden bietet mobile Services mit einem Fokus auf das Geschehen in der Region.

Regionalberichterstattung im Internet ist beliebt

Die "Lausitzer Rundschau", die "Kölnische Rundschau" und das "Göttinger Tagblatt" zählen zur wachsenden Gruppe der Regionalzeitungen mit Apps für das iPad. Die "Westfälischen Nachrichten" in Münster veranstalten täglich eine Blattkritik mit einer Facebook-Community. Bei der Koblenzer "Rhein-Zeitung" stehen soziale Netzwerke als Rechercheweg und als Kommunikationsplattform mit Lesern und Usern hoch im Kurs. "Regionalzeitungen", ist Chefredakteur Christian Lindner überzeugt, "müssen in social media unterwegs sein, wenn sie überleben wollen."

Die Tour d’Horizon zeigt: Die rund 330 lokalen und regionalen Abonnementszeitungen in Deutschland haben auf ihrem Weg, sich auch in der Internet-Ära unentbehrlich und unersetzlich zu machen, augenscheinlich manche Etappe erfolgreich hinter sich gebracht. Crossmedialität ist der allseits akzeptierte Schlüsselbegriff für die Strategie, 1.0, die analoge Welt der gedruckten Zeitung, mit den Anforderungen des Web 2.0 in Einklang zu bringen. "Das bedruckte Papier", argumentiert der Hamburger Medienwissenschaftler Stephan Weichert, "ist ein Auslaufmodell. Lokalzeitungsmarken können im Netz überleben, wenn sie experimenteller und bürgernäher werden." Digital also, crossmedial und, eher früher als später, mobil – es scheint, als hätte die von Auflagen- und Werbeverlusten gebeutelte Branche ihre Lektion begriffen. So klar, so beruhigend?

Eine Studie belegt Rückstände im digitalen Switch Over

Mitnichten, folgt man den Wissenschaftlerinnen Susanne Kinnebrock (Universität Augsburg) und Sonja Kretzschmar (Universität der Bundeswehr München). Beim 20. Forum Lokaljournalismus der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) in Bremerhaven präsentierten sie eine vom Veranstalter in Auftrag gegebene Studie.

Der Erhebung unter 90 redaktionell Verantwortlichen bundesweit zufolge sind lokale Online-Auftritte kein Nebenprodukt mehr. 86 Prozent der Befragten sagen, in ihren Zeitungen werde durchgängig crossmedial berichtet. Die Web-Aktivitäten beanspruchen aber mit rund 15 Prozent einen weitaus geringeren Teil der Gesamtarbeitszeit als Print (gut 80 Prozent). Nur ein Minimum an Arbeitszeit gilt dem iPad oder mobilen Kanälen. "Offen bleibt", merken die Autorinnen der "X-Media"-Studie an, " inwieweit unter diesen Bedingungen Angebote hergestellt werden können, die plattformspezifisch optimiert sind".

Die Relevanz sozialer Netzwerke im Redaktionsalltag von Lokalzeitungen – dies ein weiterer Befund – wächst, in der Recherche wie auch beim Publizieren journalistischer Inhalte. 90 Prozent der Redaktionen agieren bereits über Facebook. Auf der anderen Seite finden sich laut "X-Media" Mängel im professionellen Umgang mit den digitalen Instrumenten. "Klickzahlen werden zwar erhoben, eine systematische Auswertung der Ergebnisse, an denen sich die Themenplanung orientiert, findet allerdings seltener statt."

Digitale Möglichkeiten werden nicht ausgeschöpft

Crossmedialität, so die generelle Einschätzung der Befragten, sei primär ein Top-Down-Prozess der Verlagsleitung. Es gebe zwar auch Impulse aus den Redaktionen. Doch mündeten die Einzelinitiativen noch selten in eine systematische Crossmedia-Gesamtstrategie. Weitere Schwachstellen: wenig Chancen für Experimente mit neuen Erzähl- oder Darstellungsformen, kaum offensiver Umgang mit neuen Ansätzen politischer Partizipation. Noch werde bei der Weiterentwicklung der Zeitung zum "Bürgernetz" vor allem mit Standardtools wie Votings operiert.

"Crossmedia", resümieren die Forscherinnen, "ist zwar in fast allen lokalen Medienhäusern angekommen. Es gibt aber noch viel Optimierungspotenzial bei der Integration von Innovationen in die tägliche Arbeit der Medienhäuser." Berthold L. Flöper, Leiter des Lokaljournalistenprogramms der BpB, müht sich erst gar nicht, den Gesamteindruck zu relativieren: "Die Studie liefert den Beweis, dass trotz der flächendeckenden Einführung von Newsdesks in lokalen Tageszeitungen noch keineswegs wirklich crossmedial gearbeitet wird." Es gebe weder Konzepte, noch seien die Redakteure für diese Arbeit ausgebildet.

Crossmediales Denken müsste selbstverständlich werden

Und wie hinauskommen aus dem "Neandertal der digitalen Entwicklung"? Mit diesem Bild beantwortete Weichert beim 18. Forum Lokaljournalismus die Frage, ob Lokalzeitungen im Internet angekommen seien. Lindner setzt auf Bewusstseinswandel: "Online darf in der Zeitung nicht 'verinselt' sein, keine Subkultur. Vielmehr muss das Denken in digitalen Zusammenhängen zur Selbstverständlichkeit werden." Der Koblenzer Chefredakteur appelliert überdies an die Verlage, die digitale Hardwareausstattung der Redaktionen systematisch voranzutreiben. Der Laptop mit WLAN müsse für jeden Mitarbeiter Standard sein.

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Flöper favorisiert Knowhow-Transfer: "Lokalredaktionen, die sich nicht mit Online-Nutzungsverhalten, iPhone, iPad und Facebook auskennen, kommen mit ihren Online-Aktivitäten bei den Usern nicht als kompetenter und innovativer Anlaufpunkt im Netz rüber." Lutz Feierabend, stellvertretender Chefredakteur des Kölner "Stadt-Anzeigers" und Mitwirkender bei "X-Media", zieht gleich das große Register. Es sei an der Zeit, "das Zeitalter der Emanzipation von Online" auszurufen.