Spanien streitet um die Überreste seines Diktators

Spanien streitet um die Überreste seines Diktators
Menschen wurden brutal ermordet, Familien zerstört: Bis heute wirkt das Trauma des Bürgerkriegs in Spanien nach, in Massengräbern sind noch Tausende Tote verscharrt. Dem Kult um Diktator Franco an seiner monumentalen Grabstätte soll ein Ende gemacht werden. Doch die vorgezogenen Parlamentswahlen und der zu erwartende Sieg der konservativen Partido Popular verringern die Chance, dass aus dem Monument der Franco-Verehrung ein Ort der Erinnerung an Opfer von Bürgerkrieg und Diktatur wird.

Wer Madrid über die Autobahn in Richtung Nordwesten verlässt, sieht schon bald ein riesiges weißes Betonkreuz. Mit 150 Metern Höhe und 40 Metern Breite ist es das Symbol dieses Ortes, des Valle de los Caídos, des Tals der Gefallenen. Ein Ort, der die Spanier spaltet. Ein Ort, über den sie schon lange streiten, selten war die Diskussion aber aktuell wie jetzt.

Auf der Plaza Mayor in Salamanca ist Franco in einer Reihe mit den spanischen Königen abgebildet. Mit schwarzer Farbe wurde ihm ein Hitlerbart und die Bezeichnung "Scheiß-Franco" ("Puto Franco") hinzugefügt. Foto: Simon P. Balzert

Denn auf der einen Seite fasziniert die Basilika zu Füßen des Kreuzes Einheimische wie Touristen. Das 1959 eröffnete Gotteshaus beeindruckt mit seiner Architektur: Ein 263 Meter langes Kirchenschiff, 41 Meter hoch, wurde in den harten Felsen des Gebirges Sierra de Guadarrama gesprengt. 200.000 Tonnen Granit mussten dafür aus dem Berg abgetragen werden. Auf der anderen Seite steht die Geschichte hinter diesem gigantischen Bauwerk.

Die Geschichte, dass Spaniens Diktator Francisco Franco diese Basilika von 20.000 Zwangsarbeitern errichten ließ, dass er, der nach drei Jahren Bürgerkrieg bis 1975 totalitär über das Land herrschte, dort neben dem Gründer der faschistischen Falange-Bewegung Primo de Rivera wie ein Nationalheld unter der Kuppel der Basilika unter einer eineinhalb Tonnen schweren Granitplatte begraben liegt und dass an all das kein Wort auf den zahlreichen Hinweistafeln erinnert.

"Wir können nicht immer nur nach hinten schauen"

Das Tal der Gefallenen spaltet das Land. Für die einen ist es eine Schande, den Diktator 36 Jahre nach seinem Tod in diesem Bauwerk der Superlative ruhen zu lassen. "Man sollte es in ein Museum umwandeln, das erklärt, wie dieses furchtbare Monument erbaut wurde", sagt Santiago Carrillo. Der 96 Jahre alte Spanier kämpfte im Bürgerkrieg gegen Francos Truppen und war später Generalsekretär der Kommunistischen Partei Spaniens. Viele Spanier sind das Thema leid, wollen sich mit dem dunkelsten Kapitel ihrer jüngeren Geschichte nicht weiter beschäftigen. Laura Vallecano, 26, ist seit acht Monaten Praktikantin bei einem Softwareunternehmen: "Wir können nicht immer nur nach hinten schauen. Die Krise, fast fünf Millionen Arbeitslose, das sind die Themen, um die wir uns heute kümmern müssen."

Der Bürgerkrieg und die Franco-Diktatur sind in Spanien noch längst nicht geschlossene Kapitel in den Geschichtsbüchern. Sogar unter den Enkeln der Bürgerkriegsgeneration, als unter denjenigen, die heute über das Thema diskutieren, herrscht noch ungewöhnlich großes Aggressionspotential. Durch Amnestiegesetze und den sanften Übergang von der Diktatur zur Demokratie hat Spanien bis heute die eigene Geschichte nicht richtig aufgearbeitet.

Pläne für Umbettung von Francos Gebeinen

Der seit 2004 amtierende und nach den Parlamentswahlen am 20. November aus dem Amt scheidende Regierungschef Zapatero hatte im Frühjahr mit seiner sozialistischen Regierung einen letzten Versuch gestartet, noch in dieser Legislaturperiode die Zukunft des Tals der Gefallenen zu lenken. Sein Plan: Eine Expertenkommission aus zwölf Mitgliedern, darunter Historiker, Juristen, Philosophen und einem Benediktinermönch sollen einen Vorschlag erarbeiten, wie aus dem Monument der Franco-Verehrung ein Ort der Erinnerung an Opfer von Bürgerkrieg und Diktatur werden kann.

Als Eckpunkte zur Umsetzung sind lediglich vorgegeben, dass das Betonkreuz erhalten bleibt, die Überreste von Franco auf den Friedhof, wo auch seine Witwe begraben liegt, umgebettet werden und der ansässige Orden der Benediktiner-Mönche bleiben darf. Die Pläne der Expertenkommission wurden für November angekündigt, kommen nun aber erst mit einigen Monaten Verspätung. Als Gründe gibt die Kommission an, sie sei noch zu keiner Einigung gekommen und wolle außerdem durch die auf den 20. November vorgezogene n Parlamentswahlen mit ihrer Entscheidung nicht zum Wahlkampfthema werden.

In Madrid stammen noch viele Straßennamen aus der Franco-Diktatur. Diese erinnert an die Gefallenen der Blauen Division, der Spanischen Freiwilligenarmee, die von 1941 bis 43 mit der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg gegen die Sowjetunion kämpfte. Foto: Simon P. Balzert

Die Familie des Diktators hat bereits angekündigt, die Umbettung von Franco nicht akzeptieren zu wollen. "Franco verdient Respekt wie alle Toten. Wenn sie ein Museum eröffnen wollen, können sie das irgendwo machen, aber nicht hier", sagt Emilio de Miguel, Sprecher der Nationalen Francisco-Franco-Stiftung, die das Ansehen des Diktators bewahren will und dessen Vorsitzende die Tochter Francos ist. Es ist aber nicht nur seine Familie, die sich aus ganz persönlichen Gründen für die Zukunft des Valle de los Caídos interessiert.

Denn neben Franco und dem Falange-Gründer Primo de Rivera ruhen hier auch die Überreste von 33.833 unidentifizierten Toten im größten Massengrab Spaniens. Von Franco war das Monument zur Erinnerung an den Sieg über die Republikaner und an seine gefallenen Soldaten gedacht. Weil viele Witwen sich aber dagegen wehrten, dass ihre Ehemänner dort beigesetzt würden, wurden Leichen von Republikanern aus Massengräbern ohne Wissen der Angehörigen exhumiert und im Tal der Gefallenen beigesetzt – mit über 20.000 sind es mehr als die Hälfte der dort Begrabenen.

Schleppende Vergangenheitsbewältigung

Durch die vorgezogenen Parlamentswahlen und den zu erwartenden deutlichen Sieg der konservativen Partido Popular unter Mariano Rajoy sinken die Chancen, dass die Ergebnisse der Expertenkommission auch wirklich umgesetzt werden. Auch wenn sich Zapateros Präsidentschaftsminister Ramón Jáuregui überzeugt gibt: „Keine Regierung kann die Ergebnisse dieser Kommission, die wissenschaftlich und unabhängig arbeitet, einfach in eine Schublade stecken.“

Wie wenig aufgearbeitet der Bürgerkrieg und die Franco-Diktatur in Spanien noch immer ist, zeigt die Tatsache, dass erst die sozialistische Regierung unter Zapatero deutliche Maßnahmen zur Aufarbeitung der Geschichte ergriffen hat. So wurde im März 2005 die Franco-Statue auf dem Plaza San Juan de la Cruz in Madrid entfernt und das Ley de la Memoria Histórica, das Gesetz des historischen Andenkens, auf den Weg gebracht.

Demnach müssen unter anderem Franco-Statuen und frankistische Symbole von öffentlichen Plätzen und Gebäuden entfernt werden, Opfer der Franco-Justiz können entschädigt werden, Familien werden staatlich unterstützt, wenn sie Angehörige in Massengräbern identifizieren und bergen möchten.

Faschistengruß für den "Caudillo"

Auch politische Kundgebungen im Tal der Gefallenen sind seitdem verboten. An Francos Todestag werden auch in diesem Jahr trotzdem wieder rechte Spanier erwartet, die dort ihrem „Caudillo“ gedenken.

In Deutschland wurde eine ähnliche Problematik in diesem Jahr behoben. Seit seinem Tod 1987 pilgerten Anhänger der rechtsextremen Szene Jahr für Jahr ans Grab von Rudolf Heß im oberfränkischen Wunsiedel. Die letzte Ruhestätte von Hitlers Stellvertreter wurde im Sommer aufgelöst, seine Gebeine verbrannt und auf dem Meer verstreut.

In Spanien gehen die Pläne für die Umbettung von Francos Gebeinen nicht so weit und erregen trotzdem viel Diskussion. Im Wahlkampf bleibt das Thema außen vor. Die Krise und die höchste Arbeitslosenquote Europas, das beschäftigt die Spanier heute. Zufall oder Absicht, aber die vorgezogenen Parlamentswahlen finden in diesem Jahr am 20. November statt – dem Todestag von Francisco Franco und Falange-Gründer Primo de Rivera. Das größte faschistische Monument Europas bleibt das Tal der Gefallenen vor den Toren der spanischen Hauptstadt.


Simon P. Balzert lebt, studiert und arbeitet seit 2009 in Madrid.