Berliner Occupy-Zeltlager im Kirchenasyl

Berliner Occupy-Zeltlager im Kirchenasyl
Vor dem Reichstag sind sie gescheitert, an einer Kirche fanden sie Asyl: Vertreter der Occupy-Bewegung in Berlin zelten seit dem Wochenende auf dem Grundstück einer evangelischen Gemeinde. Ob sie bleiben dürfen, muss noch entschieden werden.

Ein kleines Feuer wärmt die Camper, die Kaffeekanne ist gerade leer, die Kartoffelsuppe kalt - wahrscheinlich von gestern. Auf dem Tisch stehen Hörnchen, sogar ein herbstlicher Strauß im Einmachglas. In der "Küche" des Berliner Occupy-Camps ist es fast gemütlich. Vor allem, wenn die Herbstsonne das Zelt wärmt. Seit dem Wochenende zelten Sympathisanten der bankenkritischen Bewegung an der Parochialkirche in der Nähe des Alexanderplatzes. Zuvor wurden sie von der Wiese vor dem Reichstag vertrieben. Die evangelische Gemeinde hat ihnen Asyl gewährt - vorläufig bis Mittwoch.

Zwischen zehn und 20 Menschen kämen dort täglich zusammen, sagt Maik, der wie seine Mitstreiter den Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will. Er will mit der Aktion gegen die Banken protestieren - nach dem Vorbild der "Occupy Wall Street"-Bewegung in New York. Die 28-jährige Lisa ist gegen die Pharmalobby und hat einen Chef, der Verständnis dafür zeigt, wenn sie aus dem Camp erst zwei Stunden zu spät zur Arbeit kommt.

Pfarrer: "Werte, die wir teilen"

Ein junger Mann, der sich M.C. nennt, kritisiert unter anderem das Vorgehen der Polizei gegen die friedlichen Protestierer und hat bis zum späten Vormittag geschlafen, weil in der Nacht keine Ruhe zu finden war. Und Eresz aus Israel ist hier, um mit all den verschiedenen Menschen einen Konsens für eine bessere Gesellschaft zu erzielen. "Wir wollen 99 Prozent werden. Noch sind wir es nicht", sagt er.

Der Pfarrer der Gemeinde St. Petri-St. Marien, Gregor Hohberg, wartet gespannt auf das Programm der friedlichen Besetzer. Was den Protest gegen die Banken und die Macht des Finanzsystems betrifft, sieht er aber auch jetzt schon Überschneidungen mit den Überzeugungen seiner Kirche: "Die Occupy-Bewegung setzt sich für Gerechtigkeit und Frieden ein und stemmt sich gegen die Allmacht des Kapitalismus. Das sind Werte, die wir teilen", erklärte er am Wochenende.

Deshalb gewährt der Theologe den jungen Erwachsenen auch Gastfreundschaft. Sie dürfen auf der Wiese zelten, aus der Kirche Strom beziehen und zu den Öffnungszeiten des Gemeindehauses die Toilette benutzen. Dafür müssen sie sich von den kleinen Gräberanlagen auf dem Gelände fernhalten. So sind die Spielregeln.

Besucher schauen vorbei, stellen Fragen, wünschen Glück

Weil der Friedhof direkt neben dem Camp liegt, soll auch der Gemeindekirchenrat am Mittwoch mitentscheiden, ob die Protestierer bleiben dürfen. "Vielleicht findet jemand, dass es mit dem Ort nicht vereinbar ist", sagt die Sprecherin der Gemeinde, Anna Poeschel. Sie wage keine Prognose, wie die Abstimmung ausgehen könnte. Eingeladen sind auch Occupy-Leute, um den Kirchenleuten ihre Ziele zu erläutern.

Im Gemeindehaus hinter der Parochialkirche, wo unter anderem die Büros der evangelischen Gemeinde und des Kirchenkreises Stadtmitte untergebracht sind, scheint die Sympathie für die zeltenden Nachbarn groß. "Die Protestierenden machen das, was auch Aufgabe der Kirche ist: sich an die Seite der Schwachen stellen", sagte die stellvertretende Superintendentin, Eva-Maria Menard. Bei allen Differenzen in den einzelnen Ziele mache die Bewegung klar, "dass eine Schieflage empfunden wird". Die Kirche sollte hierbei den Raum für Diskussionen öffnen.

Und auch Besucher der Kirche und des Gemeindehauses gehen interessiert an dem Camp vorbei, fragen nach den Zielen, diskutieren, beglückwünschen. Dazu kommen die zahlreichen Medienvertreter - auch die, die es nicht ernst meinen. M.C. hat gerade dem Satiriker Martin Sonneborn ein Interview gegeben. Der junge Mann wird wohl in der "Heute-Show" landen. "Egal", sagt er. "Wenn mich jemand was fragt, antworte ich eben auch." 

epd