Freiwillige flicken die soziale Infrastruktur

Freiwillige flicken die soziale Infrastruktur
Rund ein Drittel der erwachsenen Deutschen engagieren sich ehrenamtlich. Freiwilligen-Agenturen und -Dienste rekrutieren Menschen, die für geringe Auswandsentschädigungen oder sogar für lau arbeiten. Sind die vielen Ehrenamtlichen Lückenbüßer für politische Versäumnisse?

Freiwillige sind der Kitt, der die Gesellschaft zusammen hält. Anderen zu helfen hilft auch den Helfenden: es schafft Zufriedenheit, macht Sinn, vermittelt neue Einsichten und Kontakte. Egal, ob man einmal im Jahr beim Stadtteilfest den Getränkestand organisiert oder dauerhaft bei der Bergwacht oder in der Telefonseelsorge engagiert ist. In Deutschland sind etwa 23 Millionen Menschen, rund ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung, in irgendeiner Weise ehrenamtlich tätig.

Alles in Ordnung also? Anscheinend nicht. Denn ein Aufruf, noch mehr Engagement zu zeigen, jagt den nächsten: am "Tag des Ehrenamts", in der "Engagement-Woche", während des "Europäischen Jahrs der Freiwilligentätigkeit" 2011. In den Reden, die Politiker, Kirchen- und Verbandsvertreter zu diesen Anlässen schwingen, wird deutlich: Es geht weniger um die klassischen Ehrenämter als Schöffin oder Vereinsvorstand. Auch nicht um das zivilgesellschaftliche Engagement der "Mutbürger", die gegen sinnlose Großprojekte auf die Strasse gehen.

Neue Formen von Billig-Jobs

Die Appelle rufen uns vielmehr auf, die Versäumnisse der Politik zu kompensieren, in der Bildung, bei der Integration von MigrantInnen, im Kultur- und Sozialbereich. Einige Beispiele: Anfang Oktober suchte die Kölner "Freiwilligen-Agentur" Ehrenamtliche unter anderem für folgende Aufgaben: Deutsch-Training für Migrantinnen; Telefon- und Empfangsdienst in einer Pflegeeinrichtung; Leitung von Computerkursen für Ältere; Übermittagbetreuung von Kindern in einem sozio-kulturellem Zentrum; Fahrdienste für Senioren; Karten- und Gertränkeverkauf in einem Privattheater. Offenbar handelt es sich dabei nur zum Teil um klassische ehrenamtliche Tätigkeiten. Andere sind eigentlich Vollzeitjobs für Angelernte oder gar Fachkräfte. Das wissen auch die Institutionen, die sie vergeben und locken daher schon mal mit kleinen oder größeren "Aufwandsentschädigungen".

Diese Tendenz zur Monetarisierung von scheinbar ehrenamtlichem Engagement schafft neue Formen von Billig-Jobs. Zum Beispiel auch bei den großen Wohlfahrtsverbänden, die Aushilfstätigkeiten häufig nach der sogenannten "Übungsleiterpauschale" bezahlen, wonach nebenberuflich tätige oder ehrenamtliche Trainer in Sportvereinen, Chorleiter, aber auch Erzieherinnen und Betreuerinnen für den nebenberuflichen Einsatz bis zu 175 EURO im Monat steuer- und abgabenfrei einnehmen dürfen. Geld, das für die Förderung des Ehrenamts gedacht war, entlastet die Kassen der Wohlfahrtsverbände und vergrößert zugleich die Zahl prekärer Beschäftigungsverhältnisse.

Mehrere "Dienste" zu unterschiedlichen Bedingungen

Nach dem Motto "wahre Nächstenliebe kostet nix" bekommen diese Entwicklungen oft noch einen Heiligenschein verpasst, der ihnen nicht unbedingt zusteht. Im Gegenteil: Zu behaupten, dass menschliche Zuwendung und Zusammenhalt nur über Gratisarbeit zu erreichen sei, ist ein Schlag ins Gesicht aller Erwerbstätigen im Gesundheits-, Pflege und Betreuungsbereich, die diese Berufe ja auch einmal gewählt haben, weil sie mit Menschen zu tun haben wollten.

Obwohl die Engagementbereitschaft der Bevölkerung nach wie vor groß ist: Der Bedarf an Gratisarbeitern und -arbeiterinnen ist größer. Die Bundesregierung versucht daher schon seit längerem, die Flickarbeit an der sozialen, Bildungs- und kulturellen Infrastruktur zu verstetigen und berechenbarer zu machen. Dies geschieht durch den Auf- und Ausbau von Freiwilligendiensten, bei denen sich die Ehrenamtlichen in Ganztags- oder Halbtagstätigkeit längerfristig binden. Durch die Aussetzung von Wehr- und Zivildienst zum 1. Juli 2011 wurde diese Politik noch einmal beschleunigt und der Bundesfreiwilligendienst (BFD) installiert.

Die schon bestehenden Jugendfreiwilligendienste wie Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) oder "Freiwilliges Ökologisches Jahr" (FÖJ) mögen ihre Berechtigung haben, um in der Zeit des Übergangs von der Schule zu Ausbildung oder Studium Orientierung zu gewinnen, vor allem, wenn der Dienst im Ausland abgeleistet werden kann. Nun soll auch das Engagement Älterer durch "Dienste" verstetigt werden. Schon länger unterstützt der Bund lokal organisierte "Freiwilligendienste aller Generationen". Der BFD steht ebenfalls allen offen, Jugendlichen nach Ende der Schulzeit und Erwachsenen ohne Altersbegrenzung, Männern wie Frauen. Und macht damit den bestehenden Diensten Konkurrenz. In ein und derselben Institution können also in Zukunft nebeneinander Jugendliche mit einem FSJ-Vertrag, Ein-Euro-Jobber oder Bundesfreiwillige zu teilweise sehr unterschiedlichen Bedingungen arbeiten.

Die Motivation wächst mit dem Wohlstand

Zivilgesellschaft lebt aus der freiwilligen Einsatzbereitschaft ihrer Glieder, sagt der frühere EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber. Eine Gesellschaft, in der alle zusammen halten ist eine gute Gesellschaft. Umgekehrt gilt aber auch: Nur in einer guten Gesellschaft halten alle zusammen. Schon 2001 haben der Soziologe Robert D. Putnam und andere heraus gefunden, dass die Motivation, sich für ein Gemeinwesen zu engagieren mit dem Wohlstand und der Sozialstaatlichkeit wächst. Wenn es dagegen der Mehrzahl der Menschen schlecht geht und kein Sozialstaat sie auffängt, ist jeder sich selbst der Nächste.

So weit sind wir gottlob in Deutschland nicht. Aber vielleicht auf dem Weg dorthin. Die Zahl der Armutsgefährdeten in der Bevölkerung steigt, das Bildungssystem schwächelt, für personennahe Dienstleistungen in der Pflege und dem Gesundheitswesen ist angeblich kein Geld da. Gleichzeitig wächst die absurde Konzentration privater Vermögen.

Warum trauen sich die politisch Verantwortlichen nicht, von den 6,6 Billionen Euro privatem Vermögen in Deutschland einige Milliarden an Steuern und Abgaben abzuschöpfen und dieses Geld in die Bereiche Kultur, Bildung, Pflege, Soziales und Integration zu stecken ? Dann könnten sie sich die ständigen Appelle an unseren "Bürgersinn" sparen. Und die vielen Millionen Menschen, die sich heute gut und gern engagieren, müssten nicht befürchten, als Lückenbüßer für politische Versäumnisse missbraucht zu werden.


Claudia Pinl lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Köln. 2010 erschien von ihr "Ehrenamt: Neue Erfüllung, neue Karriere. Wie sich Beruf und öffentliches Ehrenamt verbinden lassen" (Walhalla Fachverlag, Regensburg).