Johan Vonlanthen: Sabbatruhe ohne Fußballschuhe

Johan Vonlanthen: Sabbatruhe ohne Fußballschuhe
Vielen Fußballfans ist der Samstag heilig. Manchen gläubigen Fußballern auch. Sie wollen am biblischen "Sabbat" nicht mehr spielen. Einer von ihnen ist der Schweizer Internationale Johan Vonlanthen (25). Nun hat er auf Karriere und viel Geld verzichtet.

"Herrgott noch mal, wunderbar, was da heranwächst", sagte Mittelfeldlegende Günter Netzer vor einigen Jahren über Johan Vonlanthen. Damals schien dem Stürmer mit kolumbianischen Wurzeln eine glänzende Laufbahn gewiss. Bei der Europameisterschaft 2004 in Portugal wurde der Doppelbürger im Schweizer Trikot zum jüngsten EM-Torschützen aller Zeiten. Zuvor schon trat er als jüngster Spieler in der eidgenössischen Nationalliga A an und traf auch hier im Rekordalter von 16 Jahren und 23 Tagen. Die europäischen Top-Vereine interessierten sich für ihn. Vonlanthen trainierte mit Real Madrid, verhandelte mit Bayern München und Arsenal London.

Vonlanthen im Salzburger Trikot. Foto: GEPA pictures/ Hans Simonlehner.

Aber der ganz große Durchbruch blieb aus. Oft wurde Vonlanthen von Verletzungen zurückgeworfen. Nach diversen Klubstationen in den Niederlanden und Italien stand er zuletzt bei Red Bull Salzburg unter Vertrag. Es waren einsame Wanderjahre, die der 40-fache Nationalspieler als sogenannter Fußball-"Söldner" verbrachte, wie er im Rückblick erzählt. Die Familie war meist weit weg. Mit zwölf war Vonlanthen aus Kolumbien nach Europa gekommen, weil seine Mutter einen Schweizer heiratete. Wenig später stand bereits fest, dass der kleine Johan Profikicker werden würde.

Begegnung mit der Bibel

Anstelle des sportlichen Erfolgs fand das Riesentalent in den schweren Zeiten jedoch etwas viel Wichtigeres für sich im Leben, nämlich den Glauben an Gott. Johan Vonlanthen begann in der Bibel zu lesen und zu beten. Dann traf er in seiner alten Heimat eine Frau, die sein Leben veränderte. Ihr Rat an ihn lautete: "Alleine kannst du vieles erreichen. Doch nur mit Jesus schaffst du es wirklich."

Durch sie kam Vonlanthen zu einer der zahlreichen Freikirchen mit adventistischem Hintergrund, die gerade in Lateinamerika rasant wachsen. Ihre Bewegung entwickelte sich ursprünglich im 19. Jahrhundert in den USA. Zentrale Bedeutung für die meisten Gemeinden dieser Tradition hat die Einhaltung des im Gesetz Mose vorgeschriebenen wöchentlichen Ruhetags am Sabbat, also am Samstag und nicht, wie sonst im Christentum üblich, am Sonntag.

Damit begannen aber erst recht Vonlanthens Schwierigkeiten mit der Ausübung seines Fußballerberufs in den europäischen Ligen, wo der Samstag ein klassischer Spieltag ist. Lange behielt er seine Bedenken für sich, bis irgendwann Gerüchte über seinen neuen Lebensweg aufkamen. Es folgten Dementis, Probleme mit der Presse, Unverständnis in seinem Umfeld. Die sportliche Situation wurde auch nicht besser.

Frei-Tag am Samstag

Schließlich, im vergangenen Sommer, machte der 25-Jährige einen radikalen Schnitt. Im besten Fußballeralter verkündete er seine Rückkehr nach Kolumbien und seinen Wechsel zum Erstliga-Aufsteiger CD Itagüí aus der Region von Medellín. Dort soll er künftig ein Gehalt von umgerechnet etwa 30.000 Euro pro Saison bekommen, nachdem er zuletzt in Salzburg ein Millionensalär erhalten hatte. Dafür steht in seinem Vertrag, dass er samstags nicht arbeiten muss.

 Johan Vonlanthen im Trikot von Itagüí . Foto: PR Itagüí

"Ich glaube, dass das Materielle vor Gott keine Rolle spielt", sagt Johann Vonlanthen im Interview. Als Profifußballer könne man fast überall auf der Welt gut leben und auch noch anderen helfen. Finanzielle Sorgen muss er sich sowieso keine mehr machen. Er ist auch aus familiären Gründen in sein Geburtsland zurückgekehrt. Die Frau, die ihn zu den Adventisten brachte, ist heute seine Schwiegermutter, und Vonlanthen Vater eines zwölf Monate alten Sohns.

Er fühlt sich wohl in der "Stadt des ewigen Frühlings", wie die ehemalige Drogenmetropole Medellín wegen ihres milden Klimas genannt wird. Vor allem gefällt es ihm, dass die Religion im Leben seiner Landsleute einen viel höheren Stellenwert einnimmt als in Europa und er sich nicht ständig für seine Ansichten rechtfertigen muss. Sein Team versammelt sich vor Matches und Trainings stets zum Gebet, sein Trainer hat Bibelsprüche auf dem iPhone und sein Präsident einen kleinen Hausaltar im Büro. Der Klub von Itagüí ist zudem bekannt für sein soziales Engagement.

Mit Einverständnis des Rabbis

Was sich anhört wie die etwas verrückte Biografie eines hochbegabten Aussteigers, ist bei weitem kein Einzelfall im Sport. Schon verschiedene namhafte Athleten haben ihren Glauben derart ernstgenommen, dass sie dafür auf Geld und Ruhm verzichteten und strikt das vierte der Zehn Gebote einhielten: "Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest." (Exodus 20, Vers 8)

So erklärte etwa der frühere argentinische Nationaltorhüter Carlos Roa 1998 seinen vorübergehenden Rücktritt, weil er als Mitglied der "Siebenten-Tags-Adventisten" samstags nicht mehr auf dem Platz stehen wollte. Noch berühmter ist eine Anekdote aus einer Disziplin, die weniger mit körperlicher Betätigung zu tun hat: Das Schachgenie Bobby Fischer stieg 1967 aus dem Rennen um den Weltmeistertitel aus, da er bei einem Qualifikationsturnier seine Sabbatruhe nicht respektiert sah. Der exzentrische Amerikaner gehörte damals der "Weltweiten Kirche Gottes" an.

Eric Liddell beim Olympiasieg. Foto: Liddell Familienarchiv

Doch auch Wettkämpfe am christlichen Sonntag lehnten viele Sportler ab. Der britische Dreispringer Jonathan Edwards zum Beispiel fehlte aus diesem Grund bei diversen Großanlässen, bevor er seine Meinung änderte und 2000 Olympiasieger in Sydney wurde. Sein Weltrekord besteht noch immer. Der legendäre Sprinter Eric Liddell startete bei den Olympischen Spielen 1924 nicht auf seiner Paradestrecke über 100 m, weil der Vorlauf sonntags stattfand. Dafür holte der "Fliegende Schotte" Gold über 400 m. Von seinem Triumph erzählt der oscargekrönte Film "Die Stunde des Siegers". Liddell ging später als Missionar nach China.

Dagegen gibt es heute durchaus pragmatischere Umgangsformen mit Gesetzen der Heiligen Schrift, wie ein aktueller Fall aus der deutschen Bundesliga beweist. Dort spielt seit dieser Saison der israelische Goalgetter Itay Shechter für den 1. FC Kaiserslautern. Der fromme Jude läuft regelmäßig am Samstag auf – mit einer Sondererlaubnis seines Rabbiners.


Fabian Kramer ist freier Journalist in München und Zürich.