Burnout: Wenn Profikicker an ihre Grenzen stoßen

Burnout: Wenn Profikicker an ihre Grenzen stoßen
Es hat schon fast etwas Tragikomisches: Da gibt der Ersatztorwart des Fußball-Bundesligisten Hannover 96, Markus Miller, bekannt, sich wegen "emotionaler Erschöpfung" und "beginnendem Burnout" in stationäre Behandlung zu begeben. Prompt wird der 29-Jährige zum Helden stilisiert.

Da hört jemand auf sein Innerstes, akzeptiert, dass er an Grenzen stößt, und bringt dann auch noch Mut und Kraft auf, aus dem Hamsterrad auszusteigen. Kurzum: Man tut das Selbstverständlichste – und alle anderen tun so, als wäre das alles andere als selbstverständlich. Wenn ein Profifußballer einen Kreuzbandriss hat, fragt niemand danach, ob er die Courage hätte, für ein halbes Jahr auszusteigen – er muss es ja, denn es geht nicht anders. Und wenn nicht die Physis lädiert ist, sondern die Psyche? Dann muss genauso eine Auszeit drin sein. Eigentlich. Doch so weit ist der Zirkus Fußball wohl noch nicht, zumindest außerhalb von Hannover.

Natürlich hat Theo Zwanziger gesagt, damals, vor fast zwei Jahren, nachdem sich der Nationaltorwart und Hannover 96-Keeper Robert Enke getötet hatte: "Fußball ist nicht alles!" Auch fordert der Präsident des Deutschen Fußballbunds (DFB) immer wieder, dass Depressionen im Sport kein Tabuthema mehr sein dürften. Doch auf der Homepage des DFB sucht man vergeblich nach einer Seite mit Informationen zum Umgang mit psychischen Problemen und was sich zur Vorbeugung tun lässt. Immerhin spuckt die Suchfunktion ein paar Pressemitteilungen aus.

Neue Initiative: "mental gestärkt"

Dabei engagiert sich der DFB – wenn auch vorrangig mit Geld. So ist der Verband Gründungsmitglied der Robert-Enke-Stiftung und hat allein im ersten Jahr nach deren Gründung 600.000 Euro beigesteuert. Und eben jene Robert-Enke-Stiftung wiederum ist Hauptsponsor für die Initiative "mental gestärkt", die just dieser Tage startete. "Wir haben ein Netzwerk aufgebaut und sind per E-Mail und Telefon erreichbar, so dass Leistungssportler, und zwar nicht nur Profifußballer, sich mit ihren psychischen Problemen an uns wenden und dann weitervermitteln lassen können", erklärt die Geschäftsführerin der Initiative, Marion Sulprizio von der Deutschen Sporthochschule Köln. "Wichtig sind aber auch die Präventionsarbeit und Früherkennungsmaßnahmen in den Vereinen."

Fußball-Torwart Markus Miller. Foto: dpa / Holger Hollemann

Zwar arbeitet mittlerweile fast jeder Fußball-Bundesligist mit einem Mentalcoach oder gar einem Sportpsychologen zusammen, damit Training und Wettkampf optimal verlaufen – doch was ist schon das Optimum? "Die Sportpsychologen kennen die einzelnen Athleten", sagt Diplom-Psychologin Sulprizio. "Aber es wäre sicher sinnvoll, wenn man regelmäßig noch ein bisschen gezielter hinschaut oder hinhört. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt zum Beispiel zwei kleine Fragen, die helfen können, eine Depression frühzeitig zu erkennen." Die Fragen sind: An wie vielen Tagen in den letzten zwei Wochen hattest du wenig Lust oder Spaß, bestimmte Dinge zu tun? Und wie oft hast du dich in dieser Zeit schlecht oder hoffnungslos gefühlt?

Depressionen können eine Folge von Burnout sein – und zur Selbsttötung führen. Siehe Robert Enke. Er war einer von den 9.617 Menschen, die sich 2009 nach Angaben des Nationalen Suizidpräventionsprogramms das Leben genommen haben. Deswegen ist es wichtig, nicht nur darauf zu achten, ob jemand wochenlang mit dunklen Wolken im Kopf über den Rasen schlurft. "Man kann Burnout auch viel früher erkennen", sagt Armin Schmidtke von der Uniklinik Würzburg. Der Professor für medizinische Psychologie und Psychotherapeut kümmert sich in Deutschland um den "Welttag der Suizidprävention", der immer am 10. September stattfindet.

Lob fürs Kämpfen kann auch fatal sein

"Zu Beginn eines Burnouts merkt man, dass es eigentlich gerade zu viel wird", erläutert Schmidtke. "Aber man kämpft dagegen an, trainiert noch mehr, noch intensiver. Und dann wird man dafür auch noch gelobt. Das kann fatal sein, denn dann entsteht ein Teufelskreis und man brennt richtig aus." Besser wäre es, sich zurückzunehmen und zu überlegen, was eigentlich die Blockade ist und welche Alternative zum Abrackern es noch gibt. "Selbstachtsamkeit ist das zentrale Wort in solch einer Situation", sagt Schmidtke. Doch wie soll das gehen im Zirkus Fußball, wo Tag für Tag Trainer und Mitspieler einen antreiben, Woche für Woche Fans einen feiern oder ausbuhen, man nach einem Faux pas von Medien als Depp vorgeführt wird?

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Perfektionismus, mehrere Verletzungen, wenig Selbstbestimmung: Das sind nach Einschätzung des Fachmanns die Gründe für Burnout im Profisport allgemein, die die wenigen Studien zum Thema am häufigsten nennen. Hinzu komme häufig eine narzisstische Kränkung, hat Professor Schmidtke beobachtet: "Da wird ein Profifußballer für viel Geld eingekauft und dann sitzt er immer auf der Bank. Gerade junge Spieler haben noch nicht die Gelassenheit, das wortwörtlich auszusitzen."

Marion Sulprizio von der Sporthochschule Köln gibt außerdem zu bedenken: "Bislang haben wir uns darauf fokussiert, die Sportler zu stärken, damit sie an dem System nicht zugrunde gehen. Wir müssen uns in Zukunft aber auch darum bemühen, bei den Fans und bei den Medien Empathie zu wecken." Mirko Slomka, der Trainer von Hannover 96, ist schon mit gutem Beispiel vorangegangen: Geduldig und aufrichtig hat er vor jeder Kamera und jedem Mikrofon seinem Torwart Miller garantiert, dass er zu ihm hält. Während für die Kicker Andreas Biermann, Sevdail Selmani, Jan Simak und Mike Wunderlich ihr Burnout-Outing einen gravierenden Karriereknick bedeutete, soll es diesmal anders werden.


Franziska Badenschier ist freie Wissenschaftsjournalistin und lebt in Dortmund.