Etikette beim Papst: Schwarzer Schleier nicht mehr Pflicht

Etikette beim Papst: Schwarzer Schleier nicht mehr Pflicht
Frauen müssen bei Begegnungen mit dem Papst ihre Haare nicht mehr unter einem schwarzen Schleier verbergen. Während dies bei katholischen Frauen in südeuropäischen Ländern weiter üblich ist, gilt auch für den Papstbesuch in Deutschland im September eine weniger strenge Kleiderordnung.

Bei Empfängen durch den Papst wird erwartet, dass Würdenträger wie Botschafter im Frack zu erscheinen. Wenn der Charakter der Begegnung eher privater Natur ist, wie das Treffen zwischen Benedikt XVI. und Bundespräsident Horst Köhler 2006 in München, genügt dem vatikanischen Protokoll auch ein Anzug, weiß Reinhard Heldt. Der Priester aus dem Sauerland war rund 20 Jahre in der Präfektur des Päpstlichen Hauses für die Organisation von Begegnungen deutschsprachiger Gäste mit dem Kirchenoberhaupt zuständig. Er rät Frauen, sich nicht "wie ein Tannenbaum" mit Schmuck zu behängen, wenn sie den Papst treffen.

Indem er freundlich zuhört, verleitet Benedikt sein Gegenüber mitunter unwillentlich dazu, gegen die Regeln des Protokolls zu verstoßen. Das katholische Kirchenoberhaupt wird mit "Heiliger Vater" oder vor allem von Nichtkatholiken mit "Eure Heiligkeit" angeredet. Der ehemalige US-Präsident George W. Bush fühlte sich trotz scharfer Kritik aus dem Vatikan am Irakkrieg bei Benedikt jedoch offenbar so entspannt, dass er ihm bei einer Audienz mit dem typisch englischen "Yes, sir" beipflichtete.

Lebensschutz-Broschüre für Obama

Bei Audienzen im Vatikan ebenso wie auf Auslandsreisen des Papstes ist der Austausch von Geschenken üblich. So demonstrierte Benedikt XVI. Kritik an der liberalen Haltung Bushs Nachfolger Barack Obama zu Abtreibung, indem er ihm bei ihrem ersten Zusammentreffen eine Broschüre zum Thema Lebensschutz überreichte. Vor Auslandsreisen fertigt die vatikanische Mosaikwerkstatt nach einem historischen Bild ein Geschenk an, dass der Papst seinen Gastgebern überreicht. Neben Restaurierungsarbeiten im Petersdom gehören aus bunten Glassteinen gefertigte Darstellungen zu den Hauptaufgaben des direkt neben dem Petersdom gelegenen Laboratoriums.

Für die Mitglieder der Delegationen, mit denen der Papst auf seinen Reisen zusammentrifft, gibt es ebenso wie für die mitreisenden Journalisten eine Gedenkmedaille mit dem Motto der jeweiligen Reise. Sie besteht nicht aus wertvollem Metall, hat dafür aber symbolischen Wert. Nicht jeder darf dem Papst die Hand schütteln. Dieser Erfahrung machten Vertreter der Europäischen Union bei einem Besuch in Rom. Sie wunderten sich im Frühjahr, dass Benedikt XVI. bei der Seligsprechung von Johannes Paul II. nur die angereisten Staats- und Regierungschefs persönlich begrüßte.

Da er nicht nur als Staatsoberhaupt des Vatikanstaats, sondern als geistliches Oberhaupt der katholischen Kirche reist, setzt das Vatikanprotokoll den Papst auch bei Auslandsreisen bewusst von seinen Gastgebern ab. So erregte der französische Präsident Nicolas Sarkozy in der Umgebung des Papstes Stirnrunzeln, als er gemeinsam mit Benedikt der jubelnden Menge zuwinkte. Distanz und Ehrerbietung werden nach den Regeln des kleinsten Staates der Welt und der Etikette der Führung der katholischen Weltkirche auch im 21. Jahrhundert erwartet. Schließlich gilt der Papst Katholiken als Stellvertreter Christi auf Erden, dessen Wahl durch die Kardinäle auf Gottes Willen erfolgt und nicht als schlichtes Wahlverfahren nach nach demokratischen Regeln.

epd