Museum statt Weltall: Das Space Shuttle geht in den Ruhestand

Museum statt Weltall: Das Space Shuttle geht in den Ruhestand
Zum letzten Mal startet ein US-Space-Shuttle. Nach 30 Jahren im Dienst gehen die Technikwunder, Lastesel und Raumfahrt-Ikonen endgültig in den Ruhestand. Selbst Kritiker haben eine Träne im Knopfloch.
08.07.2011
Von Marco Mierke

Der Himmel über Florida ist einmal noch ihre Bühne. Mit ihrem gleißenden Feuerschweif und dem Donnern ihrer Startraketen wird die Raumfähre "Atlantis" manchen Betrachter zu Tränen rühren. Hunderttausende werden in den Sonnenscheinstaat an der US-Ostküste pilgern, um die Raumfähre ein letztes Mal im Übergang zwischen Erde und All verschwinden zu sehen. Nie wieder wird ein Space Shuttle - wie es die Welt seit 30 Jahren kennt - in den Orbit fliegen.

Der Start der "Atlantis" am 8. Juli vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral wird keiner sein wie die 134 Shuttle-Abflüge zuvor. Zwar gibt es einen wichtigen Auftrag: Mehr als zehn Tonnen Ersatzteile, Proviant und Kleidung zur Internationalen Raumstation ISS zu hieven. Doch die US-Raumfahrtbehörde Nasa weiß, dass der zwölftägige Flug eher als Ehrenrunde empfunden wird. Nicht umsonst peilt sie die Rückkehr für den 20. Juli an - das 42. Jubiläum der Mondlandung. "Es wird eine Feier", sagt der Kommandant Chris Ferguson über die Abschiedsmission.

Eigentlich war das Space Shuttle ein Sparprogramm

Zu zelebrieren gilt es das Ende "der zweiten großen Ära in der bemannten Raumfahrt", sagt die Kuratorin des Air-and-Space-Museums in Washington, Valerie Neal. "Der Shuttle bot die Möglichkeit, viel mehr verschiedene Menschen ins All zu schicken." Flogen zuvor nur echte Astronauten mit Raketen ins All, bot der Shuttle nun auch Forschern wie dem Deutschen Ulf Merbold eine Mitfluggelegenheit. Sally Ride flog mit dem Shuttle als erste amerikanische Frau ins All, der damals 77-jährige John Glenn als ältester Astronaut.

[listbox:title=Mehr im Netz[Die NASA-Seite zum Start der "Atlantis"]]

Begonnen hatte hat das stolze Kapitel eigentlich mit einem Sparprogramm. Der damalige US-Präsident Richard Nixon durchkreuzte 1972 die teuren Nasa-Pläne für eine Raumstation im All, von der aus Flüge zum Mond und Mars starten sollten. Stattdessen kündigte er die Entwicklung einer wiederverwendbaren Raumfähre an. Das Ziel: Mensch und Material zugleich ins All schaffen - und mit Ladung an Bord wie ein Flugzeug wieder auf der Erde landen können. Eine Revolution!

Zum Testflug hob im September 1976 der Prototyp "Enterprise" ab. Den Jungfernflug ins All absolvierten am 12. April 1981 die beiden Astronauten John Young und Robert Crippen in der "Columbia". Sie umrundeten 36 Mal die Erde, bevor sie nach nur zwei Tagen vor den Augen von Millionen staunender Fernsehzuschauer wieder zurückkehrten. "Das ist die großartigste Flugmaschine der Welt, das kann ich Euch sagen", schwärmte Young später. Die Begeisterung teilen die meisten seiner mehr als 330 Nachfolger aus 16 Ländern uneingeschränkt.

Eine komplizierte und teure Erfolgsgeschichte

Die weißen Orbiter bescherten der Nasa viele Triumphe. Sie brachten Sonden auf den Weg, die Fotos von der Venus und dem Jupiter schossen. Das famose Weltraumteleskop "Hubble" schleppten sie ins All und erlaubten seine Reparaturen. Zuletzt dienten die "Endeavour" und ihre Schwestern als Lastesel für die ISS. "Der Shuttle war unentbehrlich für den Bau der Raumstation", sagt Scott Pace vom Raumfahrtinstitut der George Washington University. "Die ISS ist sein Vermächtnis."

Doch die einstigen Prunkstücke stehen auch für schlimme Stunden in der jüngeren US-Geschichte. 14 Besatzungsmitglieder wurden vor den Augen der Nation bei zwei Katastrophen in den Tod gerissen. 1986 explodierte die "Challenger" nicht einmal anderthalb Minuten nach dem Start wegen defekter Dichtungsringe an einer Antriebsrakete. Die "Columbia" ging 2003 bei der Rückkehr in die Erdatmosphäre in Flammen auf.

Nach den beiden Schocks wurden Shuttle-Flüge jeweils für mehrere Jahre auf Eis gelegt. Sicherer wurden sie durch die Zwangspausen kaum. "Das Risiko beim Fliegen mit einem Shuttle beträgt ein Prozent, dass man eine Mission nicht überlebt", sagt Ernst Messerschmid, der 1985 als dritter deutscher Astronaut mit der "Columbia" ins All flog.

Die Raumgleiter sind technisch kompliziert wie kaum eine andere Maschine - das macht sie weniger verlässlich und ihre Wartung teuer. Eigentlich sollten sie der Menschheit einen günstigen Weg ins All ebnen. Tatsächlich kostet eine Mission rund eine Milliarde Dollar (693 Millionen Euro). "Finanziell sind die Shuttle ein Fehlschlag", sagt Pace. Trotz aller Erfolge: Das Hauptziel haben die Shuttle nicht erfüllt. Statt wie geplant 40 bis 60 Flüge pro Jahr zu schaffen, hoben sie im Schnitt keine fünfmal jährlich ab. Und das klappte auch nur, weil bis zu 25.000 Nasa-Mitarbeiter im Akkord schufteten. Tausende von ihnen stehen mit dem Shuttle-Ende vor der Arbeitslosigkeit.

Der nächste Schritt: Private Raumfahrt

Mit der Landung der "Atlantis" nach ihrem letzten Flug schließt sich der Kreis. Die dritte Raumfahrt-Ära beginnt, die Neal als "permanente Präsenz und Forschung des Menschen im Weltraum" definiert. Große Ziele sollen mit wenig Geld erreicht werden. Das Weiße Haus setzt für die angepeilten Reisen der Menschen zu einem Asteroiden und später zum Mars auf Raumschiffe von privaten Unternehmen, die sparsamer arbeiten als die staatliche Nasa. Doch bis die neuen Flieger fertig sind, können Jahre vergehen.

Wie auch immer sich die Raumfahrt entwickelt, gemessen wird sie auf längere Sicht an der Ära der Space Shuttle, meint der deutsche "Endeavour"-Veteran Gerhard Thiele. "Entweder war der Space Shuttle seiner Zeit weit voraus, oder er war ein notwendiger Umweg, um bessere Vehikel für die Raumfahrt entwickeln zu können."

dpa