Eine Frage der Moral: Wie radioaktiv ist Ihre Bank?

Eine Frage der Moral: Wie radioaktiv ist Ihre Bank?
Wer sich über die Geschäfte der Geldinstitute informiert, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus: Fast alle finanzieren Atomkraftwerke und Rüstungsbetriebe. Dabei gibt es auch für Privatkunden prima Alternativen.
Deutschland spricht 2019

Stellen Sie sich vor, ein alter Bekannter pumpt sich von Ihnen Geld, gegen Zinsen. Solide wie er ist, überweist er Ihnen regelmäßig den vereinbarten Ertrag aufs Konto. Doch dann erfahren Sie, dass er Ihr Geld und das vieler anderer mit Gewinn einem Waffendealer zur Verfügung gestellt hat, der für lukrative Geschäfte dringend Bares brauchte. Wie fänden Sie das?

Kunden beispielsweise der Deutschen Bank, die auch Mehrheitseignerin der Postbank ist, stellt sich genau diese Frage, denn aktuell unterstützt die Deutsche Bank führende Streumunitionshersteller wie Alliant Techsystems aus den USA mit rund einer Dreiviertelmilliarde Dollar. Sie ist auch Geldgeber der spanischen Firma Instalaza SA, Hersteller der Streumunition, mit der im April Libyens Herrscher Gaddafi auf Wohngebiete im eigenen Land feuern ließ.

Geld für die "monströsesten Waffen"

Barbara Happe von der Initiative urgewald e. V. und Branislav Kapetanovic haben die Frage nach der Verantwortung gestellt: auf der Hauptversammlung der Deutschen Bank Ende Mai. Kapetanovic hat als Minensucher gearbeitet, bevor er im November 2000 durch Streumunition Alliant Techsystems beide Arme und Beine verlor. "Ich bezeichne Streubomben als eine der monströsesten Waffen der Welt", sprach der Serbe den Vorstandsvorsitzenden Ackermann direkt an und fragte: "Braucht die Deutsche Bank wirklich Kunden, die diese ungeheuerlichen Produkte herstellen?"

Langer Applaus folgte auf seinen Redebeitrag, woraufhin sich Josef Ackermann nach Jahren des Aussitzens und einigen weiteren Wortwechseln erstmals eine Art Zugeständnis abrang. "Streumunition finde ich persönlich auch nicht gut", beteuerte er. Die Deutsche Bank werde "ernsthaft prüfen, aus der Finanzierung von Mischkonzernen, die Streumunition herstellen, auszusteigen", kündigte Ackermann an. Er sei "zuversichtlich, dass wir Ihrem Anliegen entsprechen werden". Konkretes wollte der Bankchef freilich nicht versprechen.

(Fast) keine Bank schert sich darum, was sie finanziert ...

So erfreulich der in Aussicht gestellte Schwenk ist - es handelt sich um einen Tropfen auf den heißen Stein, wie die aufwendigen Recherchen von urgewald nach dem Weg des Geldes zeigen. Deren Ergebnisse sind erschreckend. Danach beläuft sich die Unterstützung etwa der Atomindustrie durch internationale Geldhäuser zwischen 2000 und 2009 auf 175 Milliarden Euro; hierzulande führt die Deutsche Bank mit 7,8 Milliarden die Liste an, es folgen die Commerzbank mit 3,9 Milliarden, die UniCredit/HypoVereinsBank mit 2,3 Milliarden bis hin zur HSH Nordbank mit 43 und die Helaba mit 47 Millionen Euro.

Dass etwa der japanische Unglücksreaktor-Betreiber Tepco bekanntermaßen jahrelang Sicherheitsberichte fälschte, hinderte Bankiers der größten deutschen Geldverleiher nicht daran, den Atomkonzern weiter zu unterstützen und - wie die Deutsche Bank - bis vor Kurzem obendrein für längere AKW-Laufzeiten zu werben. Die Commerzbank wiederum gibt über den Stromkonzern Eon dem Unternehmen Urenco Geld. Aus dessen Urananreicherungsanlage in Gronau wurden nach Erkenntnissen von urgewald "seit 1996 mehr als 27.000 Tonnen Uranmüll nach Russland transportiert", wo er "in rostenden Fässern unter offenem Himmel" gelagert werde.

... aber kein Kunde muss sich an dubiosen Geschäften beteiligen

In seiner Broschüre "Wie radioaktiv ist meine Bank?" listet der gemeinnützige Verein penibel das Engagement der deutschen Geldinstitute im Atomsektor auf und kümmert sich daneben ebenso um deren schmutzige Rüstungsgeschäfte. Das betrifft auch die Sparkassen. Sie operieren zwar vorwiegend regional, sind allerdings eng mit den Landesbanken verflochten - die ihrerseits so wenig Skrupel kennen wie Josef Ackermann und seine Kollegen. Vom Vertrieb hochriskanter US-Zertifikate ganz abgesehen, der für Tausende Kunden der Hamburger Sparkasse fatal endete.

[listbox:title=Mehr im Netz[urgewald e. V.##Attac: Aufruf zum Bankenwechsel##EthikBank##GLS Bank##Triodos Bank##UmweltBank##Checkliste für den Kontowechsel]]

urgewald belässt es jedoch nicht bei der Kritik, sondern nennt vier konkrete Alternativen (siehe Linkliste). Banken nämlich, die auf Atomfinanzierungen, Rüstungsgeschäfte, umweltschädliche und ähnlich ethisch fragwürdige Investitionen per Statut verzichten.

Für Geldanleger sind diese Institute allemal interessant, aber auch Inhaber eines normalen Girokontos können wechseln: Die EthikBank - eine Zweigniederlassung der Volksbank Eisenberg - und die GLS Bank mit derzeit gut 80.000 Kunden bieten den üblichen Privatkonto-Service und kostenlose Bargeldauszahlungen über die Geldautomaten der Volks- und Raiffeisenbanken.

Auch kirchliche Institute wie die Bank für Kirche und Diakonie, die Bank im Bistum Essen und die Bank für Kirche und Caritas wählen nach eigenem Bekunden ihre Geschäftspartner mit Bedacht. Sie erfüllen aber längst nicht die hohen Transparenzkriterien kritischer Organisationen wie urgewald und Attac: Die Kirchenbanken legen - anders als die GLS Bank, Ethikbank, Triodos Bank und die UmweltBank, die vorwiegend oder ausschließlich in soziale und Umweltprojekte investieren - ihre Investments nicht umfassend offen. Zudem operieren die kirchlichen Geldhäuser nach weniger strengen Richtlinien als die genannten Alternativbanken.

"Krötenwanderung" für gutes Gewissen und Sicherheit

Die Sicherheit schließlich ist ein weiteres gewichtiges Argument für den Wechsel zu GLS & Co.: Die traditionellen Geldhäuser mussten nach der jüngsten Finanzkrise aufgrund hochspekulativer Anlagen und rücksichtslos gierigem Gewinnstreben mit Hilfe von Steuergeld-Milliarden vor der Pleite gerettet werden. Die Ethikbanken und ihre Kunden hingegen blieben von der Krise unbedroht, da sie derartige Geschäfte erst gar nicht machen.

Zugegeben, anders als etwa beim Wechsel des Stromanbieters ist der Umzug zu einer neuen Bank recht aufwendig. Schließlich müssen Arbeitgeber, Vermieter, Ämter und Behörden, Vereine und Gewerkschaften, die GEZ und viele andere informiert werden. Aber selbst wer den Wechsel des Girokontos scheut, sollte zumindest mit seinen Geldanlagen und Spargroschen zu einer ethisch verantwortungsvollen Bank wechseln, empfiehlt urgewald: "Und was sind schon ein paar Stunden Aufwand gegen das Gefühl und die Gewissheit, dass das eigene Geld sicher und nachhaltig angelegt ist?"

Zusätzliche Genugtuung für Anna und Otto Normalverdiener: Millionenschwere Chefgehälter und astronomische Bonuszahlungen an Investmentbanker müssen sie dann ebenfalls nicht länger finanzieren.


Thomas ÖstreicherThomas Östreicher ist freier Mitarbeiter bei evangelisch.de.