Mainzer Gymnasium erklärt sich zum unabhängigen Staat

Mainzer Gymnasium erklärt sich zum unabhängigen Staat
Schüler an die Macht: Das Mainzer Schlossgymnasium erklärt sich für eine Woche zum unabhängigen Staat. "Schule als Staat" soll Schülern zeigen, wie eine Gesellschaft funktioniert.

Zur ihrer feierlichen Vereidigung auf dem Vorplatz des Mainzer Schlossgymnasiums haben sich die Kabinettsmitglieder ordentlich herausgeputzt. Der Außenminister trägt ein feines schwarzes Jackett, der Justizminister rote Krawatte zum weißen Hemd. "Zur Hymne bitte ich alle, die noch sitzen, sich zu erheben", sagt Staatspräsidentin Stella Groschke. Jetzt muss sie selbst ein wenig grinsen, denn Stühle gibt es auf dem Hof ohnehin keine. Mit einem langen Trommelwirbel vorneweg spielt das Schulorchester los. "Im Herzen von Mainz, am Ufer des Stromes, liegt unser Land, das Schlopolis genannt", singen Lehrer und Schüler, manche zaghaft, andere auch schon voll patriotischer Inbrunst.

Dreijährige Vorbereitungszeit

Für die Dauer von vier Tagen hat sich das Gymnasium in der Mainzer Innenstadt zu einem unabhängigen Staat erklärt - mit einer von den Schülern gewählten Regierung, Parteien und einer eigenen Währung. "Schule als Staat" heißt das Projekt, das aufwendige Spektakel soll Schülern dabei helfen zu verstehen, wie eine Gesellschaft funktioniert. Schon 2008 hätten die ersten Vorbereitungen für die Gründung des "Staates" begonnen, sagt der Zwölftklässler Joschka Friedl, der in Schlopolis die Zentralbank leitet und von Beginn an zu den 20 Mitgliedern des Vorbereitungsteams gehörte. Zuvor hatte eine Delegation aus Mainz ein ähnliches Projekt an einer baden-württembergischen Schule kennengelernt.

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Anfang diesen Jahres fand ein echter Wahlkampf am Schlossgymnasium statt, den insbesondere die siegreiche "bi-liberal orientierte" Blops-Partei mit großem Materialaufwand führte. In der Staatsführung gebe es so manche Schüler, die sonst eher den Klassenclown spielten, sagt Zentralbanker Friedl verschmitzt. "Aber als Minister sind sie alle sehr fleißig", fügt er hinzu.

Schüler und Lehrer gleichberechtigt

In der Republik Schlopolis arbeitet jeder Schüler und Lehrer entweder im Staatsdienst oder in einem der vielen von Jung-Geschäftsleuten gegründeten Unternehmen. Über mehrere Stockwerke hinweg haben Cafés geöffnet, die Kuchen, Cocktails und Salate anbieten. Ein Kino, Schönheitssalons, eine Post mit eigenen Briefmarken, eine Single-Börse und ein Steuerberater warten auf Kunden. Zeitungsausträger laufen durch die Korridore und werben für ihre neueste druckfrische Ausgabe. Im zweiten Stock bietet sogar ein Wachunternehmen seine Dienste an. "Wir haben zwar noch keinen Auftrag, aber das kommt noch", erzählt ein selbstbewusster Knirps. (Bild links: Das Wappen des Staates Schlopolis. Quelle: www.sas-mainz.de)

Wie im echten Wirtschaftsleben müssen die Firmengründer auch in Schlopolis dafür sorgen, dass sie ihre Mitarbeiter pünktlich bezahlen können und genug Geld verdienen, um ihre Kosten zu decken. Um Schüler, deren Unternehmen Pleite gehen, kümmert sich das von der Zehntklässlerin Anne Uersfeld geleitete Arbeitsministerium. "Arbeitslosigkeit gibt es bei uns nicht", berichtet die Ministerin stolz. Alle Schüler ohne Job würden sofort neu vermittelt.

"Das geht weit über ein gewöhnliches Planspiel hinaus", sagt Schulleiterin Brigitte Wonneberger. Auch für die Lehrer habe sich allerhand geändert, denn in dem unabhängigen Staat seien Schüler und Lehrer grundsätzlich gleichberechtigt. "Ich habe mich bei verschiedenen Betrieben beworben", erzählt Annette Weingärtner, die gewöhnlich Mathematik und Religion unterrichtet. Weil sie im "spirituellen Zentrum" keine Anstellung fand, gestaltet sie nun in einer Firma Grußkarten. Ihren Chef, einen Schüler, kannte sie vorher nicht.

Zwei Euro für ein Tagesvisum

Ganz ohne Formalien seitens der deutschen Behörden ging allerdings auch die Unabhängigkeitserklärung des Mainzer Gymnasiums nicht über die Bühne. So interessierten sich zwei Juristen der Schulaufsicht dafür, wie die Schulpflicht in dem Staat Schlopolis erfüllt werden würde. Als Resultat erhielten alle Schüler Ausweise, die bei Ein- und Ausreise vom Grenzschutz gescannt werden, um die Anwesenheit überprüfen zu können.

Auch alle Besucher müssen die Kontrollstelle am Haupteingang passieren und sich für zwei Euro ein Tagesvisum ausstellen lassen. Außerdem können sie am Grenzübergang zum Kurs von 1:10 Euros in Schlopos umwechseln, die auf dem Schulgelände gängige Währung. Für die 1.200 Staatsbürger und die erwarteten Gäste wurden Banknoten im Gegenwert von 100.000 Euro gedruckt.

Das Projekt "Schule als Staat" hat inzwischen schon an einer ganzen Reihe von Schulen in der Bundesrepublik stattgefunden, der Schwerpunkt lag bisher in Baden-Württemberg. Meist sind die Kleinstaaten wie in Mainz als parlamentarische Demokratie ausgelegt. Es gibt aber auch Ausnahmen: So verwandelte sich ein evangelisches Gymnasium in Stuttgart für eine Woche in eine kommunistische Diktatur - mitsamt Staatsicherheitsdienst, Einheitspartei, plumper Propaganda und Dissidenten. Der Spuk endete am letzten Tag mit einer erfolgreichen Revolution.

epd